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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Im Küchenutensiliensammelsurium

Im Küchenutensiliensammelsurium

Die Geschichte rund um das Kaufhaus Schag, dessen bunt leuchtende Fassade einen großen Teil der dunklen Aspekte der Firmengeschichte überstrahlte, haben wir hier schon mehrfach angerissen. Unter dem vermeintlich harmlosen Farbbild meldete sich in einem Posting überraschend der Enkel des enteigneten jüdischen Besitzers Fritz Sagel, der hier sein Kaufhaus FRISA betrieben hatte bis ihm 1938 der Geschäftsführer des benachbarten Tachezy-Ladens Georg Schaginger das Lokal zu einem sehr günstigen Preis abkaufte. Nach dem Posting des Enkels entstand ein interessanter Austausch per E-mail und Gabriel Sagel kam dann auch noch mehrere Tage in Innsbruck vorbei. Seine Großeltern Fritz und Lizzy Sagel hatten es mit letzter Kraft geschafft, sich mit ihrem Sohn nach Südamerika zu retten. Auch die Eltern und Geschwister von Fitz Sagel konnten mit Hilfe seines mutigen italienischen Schwagers Vittoria Fabiani der Shoah entkommen.

Hin und wieder findet Enkel Gabriel Sagel ein neues Foto und schickt es uns. So wie das Titelbild (Alles für den täglichen Gebrauch) mit den vielen schicken Rädern (alle ohne Ständer per Pedalrücktritt auf die Bordsteine geparkt) und das unten stehende mit dem perfekten Küchenutensiliensammelsurium. Als er in Innsbruck war, wäre es uns fast gelungen auch mit der Familie der Ariseurs Georg Schaginger zusammenzutreffen. Nach vielversprechenden Erstkontakten ist dieser Versuch einer späten Nachbetrachtung der Ereignisse von 1938 dann leider doch nicht gelungen.

Eine fast übermenschliche Anstrengung war es auch, an die im Tiroler Landesarchiv liegenden Rückstellungsakten zu kommen. Hier verhindert eine bösartige Gesetzesnovelle aus der nicht lange dauernden Kanzlerschaft Kurz, dass Enkel ihre Familiengeschichte recherchieren können, da dies als „privates Interesse“ nicht zur Einsicht in Gerichtsakten ermächtigt. Nach einigen Wut-E-mails und Mobilisierung von Unterstützer:innen haben wir dann doch noch die Unterlagen bekommen… es ist ein post-kakanischer Archivskandal, dass in Österreich heute Akten, die wir in den 1990er Jahre problemlos anschauen konnten, genehmigungspflichtig sind (und dass die Nachfolgebürokratien genau jener Justiz, Verwaltung und Exekutive, die damals die jüdischen Familien entrechtete, 80 Jahre später Jahre keine Gelegenheit auslassen, interessierten Enkeln und Urenkeln – sowohl auf Täter- wie auch auf Opferseite – Akteneinsicht zu gewähren). Einziger Auslöser für dieser Verschärfung war übrigens der, dass die später in einer Staatskrise abgesetzte Regierung Kurz nicht wollte, dass Journalisten in ihre vielen eigenen Gerichtsverfahren hineinschauen können. Überspitzt formuliert: Wegen des Beinschab-Tools müssen nun Gerichtsakten nach 1919 (!) vor Forschenden geheimgehalten werden. Hoffentlich wird irgendwann wieder, so wie das auch andere Bundesländer handhaben, das Tiroler Archivgesetz für die Benützer:innenfreigabe herangezogen, das eine vernünftige 40 Jahre Sperre vorsieht (das wäre derzeit 1986).

Wenn man sich am frühen Morgen schon so aufregt wie ich heute, sollte man besser in die Küche gehen und das Mittagessen zubereiten. Am besten mit Schneebesen, Töpfen und Pfannen aus dem Kaufhaus Frisa.

(Familienarchiv Sagel)

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. Ich mutmaße hier einen Vertipper:
    Der Satz „… keine Gelegenheit auslassen, Interessierten Enkeln und Urenkeln – sowohl auf Täter- wie auch auf Opferseite – Akteneinsicht zu gewähren“ sollte wohl eher mit einem „verwehren“ enden.

  2. Vom Ärger lass ich mich jetzt nicht anstecken. Dass „privates Interesse“ ein Grund für das Verbot sein sollte, läßt sich höchstens als „außenstehendes Interesse“ anwenden, wo ein fremder Nachbar nicht überall herumschnüffeln braucht. Immerhin ist es ein Bundesgesetz und es gibt 9 Landesarchive. Wenn die, wie zu befürchten, keine auf österreichisch zum Job gekommene Politbüro freundliche Peron zum Chef haben, müßte man doch geschlossen auftreten können. Gerne mit dem Hinweis, zur blödesten Zeit die Beinschab Affäre wieder aufkochen zu lassen.

    Zu den Fotos.
    Mich wundern die vielen Leute

  3. Vom Ärger lass ich mich jetzt nicht anstecken. Dass „privates Interesse“ ein Grund für das Verbot sein sollte, läßt sich höchstens als „außenstehendes Interesse“ anwenden, wo ein fremder Nachbar nicht überall herumschnüffeln braucht. Immerhin ist es ein Bundesgesetz und es gibt 9 Landesarchive. Wenn die, wie zu befürchten, keine auf österreichisch zum Job gekommene Politbüro freundliche Peron zum Chef haben, müßte man doch geschlossen auftreten können. Gerne mit dem Hinweis, zur blödesten Zeit die Beinschab Affäre wieder aufkochen zu lassen.

    Zu den Fotos.
    Das Geschäft hat anscheinend dreimal bestanden, einmal im Schaufenster, einmal im Geschäft und ein Lager wird es auch noch gegeben haben. Man konnte sich haltnicht online durchklicken und dabei billiger 3 Stück kaufen, obwohl man nur eines braucht. Auch farbige dicke Postwurfsendungen gab es meines Wissens keine. Da war eine gut sortierte Auslage wichtig. Mich wundern nur die vielen Leute vor dem Geschäft. Gabs was geschenkt? Gestelltes Werbefoto? Neueröffnung?

    Zur angedachten Zusammenführung der Nachkommen der Mörder und Opfer Familien: Darf ich Blödsinn sagen? Die Schreckenszeit der Nazis kann man nicht von hinten aufrollen. Die heutigen Schagingers und die heutigen Sagels sind nichts als fremde Leute. Es gibt nichts gutzumachen, es gibt nichts zu rächen.
    Die ganze „Aufarbeitung“ (wie soll das überhaupt gehen?) wird mit der Erzählung der Schrecken des Holocausts meiner Meinung nach am falschen Ende aufgezäumt. Wichtig wäre gewesen, die versteckten und offenen Anfänge offen zu legen. Wie z.B. im Beitrag https://innsbruck-erinnert.at/konditorei-peter-crime-statt-cremeschnitte/ , in welchem man die Einschüchterungstaktik der Anfangszeit nachlesen kann, die sicher mit ein Faktor des Erfolgs der Nazis gewesen ist. Und die an heutige Zeiten erinnernde bodenlose Dummheit der Argumentation. Dumm will keiner sein, gemein schon eher.

  4. Ausgesprochen spannender Artikel, lieber Niko. Auch deine Links zum Artikel „Ein Schaufensterbummel“ sind unglaublich interessant, werfen sie doch ein bezeichnendes Bild auf die damalige Zeit, die ich Gottseidank nicht mehr erleben mußte („Aus Gnade zu spät geboren“ wie Herbert Grönemeyer sagt/singt). Von daher kann ich dein(e) morgendliche(s) Aufregung/Ärgernis sehr gut verstehen…
    Unglaublich, was sich in meinem geliebten Innsbruck alles abgespielt hat.

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