Die Heilung des Schnupfens (I.)
Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die Humanmedizin mit gewaltigen Schritten weiterentwickelt. Wahrscheinlich hat sich in diesem Feld in den letzten 150 Jahren mehr verändert als seit der Zeit als unsere Vorfahren von den Bäumen geklettert sind. Dieser Prozess war freilich nicht ganz ohne Irrwege, aber teilweise sind uns auch manche Errungenschaften wieder abhandengekommen. So findet sich beispielsweise in den Innsbrucker Nachrichten im Jahre 1905 ein Artikel über ein neues Mittel gegen Schnupfen, welches Sie heute in keiner Apotheke mehr finden werden – „Es besteht aus einer Mischung von Kokain, Paranephrin und Wasser“. Mit Paranephrin war wahrscheinlich Adrenalin gemeint, mit Kokain allerdings dasselbe, was man heute darunter versteht. Der Artikel verrät uns auch, dass große Hoffnungen besonders bei der Behandlung von Kleinkindern in dieses Präparat gesetzt wurden, da es sonst wenige wirksame Medikamente zu diesem Zweck gab. Tatsächlich war diese Mischung sicherlich sehr wirksam gegen verstopfte Nasen – und besser für die Stimmung als die öden Nasensprays von heute. Die Nebenwirkungen standen freilich auf einem anderen Blatt, aber das waren noch die Tage vor diesen langweiligen Beipackzetteln…
Kokain war damals nirgendwo illegal und fand sich nicht nur in zahlreichen medizinischen Präparaten, sondern auch in anderen Produkten wie manchen Zigaretten oder etwa – am bekanntesten – bis 1903 in Coca Cola. Das bedeutete allerdings nicht, dass sich das Bewusstsein über die Gefahren der Droge nicht bereits verbreitete. So druckte der Allgemeine Tiroler Anzeiger 1908 eine Übersetzung eines englischen Berichtes eines Kokainsüchtigen ab. Darin wurde die bekannte Geschichte der Sucht beschrieben:
Eine kleine Einspritzung von Kokain tut Wunder, indem sie anregt und erfrischt; ein Mann, den Schmerzen peinigen, den große geistige oder körperliche Anstrengungen zu ermatten drohen, findet sofortige Hilfe und Ruhe in diesem Mittel. Zuerst tritt diese glückliche Wirkung ein, wenn die Dosis klein ist. Bald muss er sie vergrößern oder damit aufhören, wenn sie noch ihre Dienste tun soll, und das Aufhören erscheint ihm als eine so leichte Sache, dass er sie gern noch auf einige Tage verschiebt, er härt also nicht auf, und durch drei Monate hin verschärft er die Dosis […]
In diesen Jahren, ebenfalls in Englang, verfasste der Arzt Arthur Conan Doyle die Sherlock Holmes Romane, deren Protagonist Kokain manchmal aus Langeweile verwendet. Sein Gefährte Dr. Watson warnt ihn eindringlich vor der Verwendung der Droge, nicht zuletzt aufgrund des hohen Suchpotentials.
Der Missbrauch von „den altbekannten Mitteln Morphin, Opium, Kokain etc.“ war einer der Gründe, für die verstärkte Reglementierung von ärztlichen Verschreibungen. Noch 1909 konnten ärztliche Rezepte beliebig wiederverwendet werden, d.h. eine Person konnte, wenn sie einmal ein Rezept für Kokain hatte, damit beliebig oft zur Apotheke gehen.
(Signatur 190412_1513968488060: Ein anderes schönes Beispiel der veränderten Vorstellungen der Medizin: Heute würde man wahrscheinlich nicht mehr für Husten-Pastillen Werbung machen mit der Begründung, dass man dann endlich wieder rauchen kann…)