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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Die Fremde Hexe

Die fremde Hexe

„Viele Menschen oder Völker können dahin kommen zu glauben, mehr oder weniger bewusst, dass jeder Fremde ein Feind sei.“ schrieb der Holocaust-Überlebende Primo Levi (1919-1987) in seiner Autobiographie Se questo è un uomo (dt. Ist das ein Mensch?). Diese menschliche Neigung zieht sich wie ein langer schwarzer Faden durch die Menschheitsgeschichte. Auch bei Verbrechen, wo Xenophobie nicht das maßgebliche Motiv war, tritt Skepsis oder Hass gegenüber dem Fremden als düsterer Gehilfe im Hintergrund auf. So war es auch bei den Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert. Unter den Opfern waren fast überall Ortsfremde überproportional vertreten. In zahllosen Gerichtsprotokollen und Zeugenaussagen finden sich Passagen, in denen es heißt, dass diese/r oder jene/r Frau oder Mann misstrauisch beäugt worden sei, seit sie oder er ins Dorf gezogen war. Seit sie hier eingeheiratet hat, sterben immer wieder die Schweine, gedeiht das Korn nicht recht, wird die Milch schneller sauer, etc. Diese Skepsis verjährte auch nicht, oft gerieten Unglückliche in das Visier der Verfolgung, nachdem sie Jahrzehnte in einem Ort gelebt hatten und plötzlich erinnerten sich die Nachbarn, was alles schlechter geworden war, seit er oder sie eingezogen war.

Was diesen Fremdenhass aus heutiger Sicht besonders kurios macht, sind die lächerlichen Distanzen, die ausreichten, um jemanden als „fremd“ zu sehen. So wurde etwa 1586 eine Tirolerin namens Ursula Glöck verhaftet, nicht zuletzt, weil ihre Nachbarn diese „Fremde“ misstrauisch beäugten. In welche fernen Gefilde hatte sie sich vorgewagt? Nach Garmisch.

Einer ihrer Nachbarn beschuldigt die 55-jährige Frau der Hexerei. Seine Beweise? Viele seiner Kühe seien krank und aus dem Rahm ließe sich keine Butter schlagen. Ein Freund habe ihm den Trick verraten, wie der Schuldige zu finden sei. Man stelle einen mit Wasser gefüllten Tontopf aufs Feuer, bis er springt. Der nächste, der ins Haus komme, sei der Übeltäter – und siehe da, kein anderer als diese verdächtige Fremde kam herein, nachdem der Topf gesprungen war. Aufgrund dieser schwerwiegenden Beweise wurde Ursula Glöck am 28. September 1589 von der Obrigkeit verhaftet und im Amtshaus inhaftiert. Ihre Verhaftung war der Startschuss zu einer Reihe von Hexenverfolgungen in Garmisch und den umliegenden Dörfern. Sie und zwei andere Frauen wurden „peinlich befragt“, nachdem man die Erlaubnis des Freisinger Hochstiftes eingeholt hatte. Unter der Folter gestanden sie, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Weitere Verhaftungen folgten. Am 5. Februar 1590 wurde Ursula Glöck zusammen mit drei anderen Frauen am Scheiterhaufen verbrannt. Sie waren die ersten von 51 Menschen, 50 Frauen und einem Mann, die im Laufe von 2 Jahren in Garmisch für ihre „Verbrechen“ den Feuertod fanden.

(Postkarte aus dem fernen Garmisch-Partenkirchen, Ph-37385)

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