Wer erkennt diese mutige Frau?
Diese Frage stellt sich Gabriel Sagel aus Buenos Aires, und wir mit ihm. Wenn jemand die Frau auf dem Bild erkennt, bitte schreiben Sie uns. Es ist der Versuch, ein Familienrätsel zu lösen. Und die Geschichte einer mutigen Helferin in einer echten Notlage. Der kleine Bub auf dem winterlichen Foto vor der Innsbrucker Hofburg ist der Vater von Gabriel Sagel, der im Oktober 1935 in Innsbruck als Hans Georg Sagel, Sohn des Fritz und der Alice geb. Taussik geboren wurde.
Die Geschichte dieses Bildes ist auch ein schönes Beispiel für die Reichweite unseres Blogs. Als Kollegin Renate Ursprunger das bunte Bild des Kaufhauses Schag einstellte, hatte sie nicht vermuten können, dass uns dann wenig später der Enkel des jüdischen Besitzers Fritz Sagel, der bis 1938 sein Kaufhaus FRISA hier betrieben hatte, besuchen würde. Er hat über einen google alert den Eintrag entdeckt und gleich unter den Eintrag gepostet, dass hier wohl nur die halbe Geschichte erzählt würde – womit er völlig recht hatte.

Ein paar Wochen später kam Gabriel Sagel nach Innsbruck ins Stadtarchiv. Mit vielen Geschichten und Informationen zu seiner Familie im Gepäck, aber auch mit einigen offenen Fragen. Einiges konnten wir über die dicken Entnazifizierungs- und Rückstellungsakten klären, besonders den Verlauf des Zwangsverkaufs und der Abschlagszahlung nach dem Krieg. Sein Großvater Fritz Sagel hat nach dem Krieg nie wieder österreichischen Boden betreten.
Eine der ungelösten Fragen war auch der Name dieser Frau und die mit ihr verbundene Geschichte. Gabriel Sagel wüsste gern, wie sie hieß und möchte sich bei ihren Nachkommen bedanken. Natürlich hätten diese Frage die Großeltern beantworten können, aber man sagte bei den Erzählungen über sie offenbar ihren Namen nicht oft genug dazu. Die untenstehende Chronologie hat mir Gabriel Sagel geschickt:
Chronicle of the rescue and escape of Hans Georg Sagel, Innsbruck, 1938
This is what I heard from family stories, which doesn’t necessarily reflect reality 100%.
- Around 2 weeks prior to the Anschluß, Fritz Sagel and Alice Sagel né Taussik, shop owners of Kaufhaus FRISA (Wilhelm-Greil Straße, 4) went on a Mediterranean cruise. Either on vacation, or to wait and see from outside of Austria how the political situation would develop. No one knows exactly why.
- They left their only son, Hans Georg Sagel, born on October 11th, 1935, under the care of the nanny. We assume she stayed at the Sagel’s house, Anichstraße, 8 with the toddler. Fritz’ parents, Hermann and Zäzilia Sagel (né Ernst) lived close by, in Museumstraße, 19.
- Before leaving, Fritz agreed with his younger brother Joseph, that should anything bad happen, Joseph would send a coded telegram to alert them. This was probably related to Fritz having a very bad relationship with several of his employees, who would probably seek revenge in case the Nazis took over Austria.
- A few days later, the Anschluß takes place. Fritz and Alice receive the telegram saying “Bad weather” and understand they cannot return to Innsbruck. They head to Milano, where Fritz’ sister, Ida, offers them refuge. Ida is married to an Italian man, former captain of the Italian army on WW1, Vittorio Fabiani, who was forced to convert to Judaism by Hermann Sagel a few years before, married Ida as a Jew in Innsbruck, and then moved to Milano, where he remarried Ida as a Catholic.
- Little Hans Georg Sagel is now trapped in Innsbruck, and neither Fritz or Alice dare return to rescue him since, in the days following the Anschluß, 14 men came looking for Fritz in order to arrest him, probably on charges related to complaints raised by his employees at FRISA. The story goes that the nanny, in order to protect the boy, told these men the kid was hers, and that the Sagels had left to never come back.
- Sometime between the Anschluß and mid-April, 1938, Vittorio Fabiani, an Italian Catholic, at the request of the Sagels, briefly entered Innsbruck to rescue Hans Georg and take him back to his parents in Milano.
- To avoid questions and not raise suspicions among Innsbruckers who might see a forty-something old strange man carrying a toddler into a train, and probably to avoid the kid from freaking out, the nanny volunteered to board the train with them, and ride up to the border. So she did and they parted ways in the last stop before entering Italy -she didn’t want or couldn’t cross the border, afraid of getting in trouble.
- Hans Georg had no passport or travel documents and he was accompanied by an adult who could not prove any relationship with the boy and had no business traveling with him alone.
- When the border authorities, either Italian and Austrian soldiers or border police, boarded the train asking for passports, Vittorio hid Hans Georg under his overcoat, probably covering his mouth to avoid him talking or crying, and identified himself as a military man, to avoid many questions and send the guards off to the next passenger quickly. The boy stayed put and the guards moved on.
- They finally crossed the border, and Hans Georg was taken back to his parents. After the Racial Laws Mussolini instituted, the Sagels left for Argentina.
We don’t know who the nanny was, we only preserve one single photograph of who we assume is her. I would like to know everything about her, and personally thank her heirs for having played a key role in the rescue of my dad.
Falls jemand unsicher ist in Englisch: Das mutige Kindermädchen half, den rund um den Anschluss allein mit seinen Großeltern Hermann und Cilli Sagel in Innsbruck zurückgebliebenen Hans Georg Sagel unter der Ägide eines italienischen nichtjüdischen Onkels zum Brenner zu bringen. Dort versteckte der Onkel das Kind ohne Papiere unter seinem Mantel und gab sich als italienischer Weltkriegsveteran zu erkennen. Damit gelang es ihm per Zug die Grenze zu überschreiten und den kleinen Hans Georg zu seinen Eltern nach Mailand zu bringen.
Vom Gesicht her hat sie eine Ähnlichkeit mit Frau Rosa Zangerl geb. Ötzelt, geb. 3.1.1914, verst.25.4.2012, die aus Herzogenburg, NÖ, stammte und nach Innsbruck „in den Dienst“ ging. Wo sie überall tätig war, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur an eine ihrer Erzählungen, sie sei von Igls, wo sie damals tätig war, „alles z’Fuaß“ auf den Bettelwurf gegangen – alser junger damals – mei!
Die Ähnlichkeit wird wohl bloßer Zufall sein – aber sicherheitshalber schreib ichs trotzdem.
Ja tatsächlich. https://www.bestattung-mueller.at/sterbefall/rosa-zangerl/?action=sterbebild
Bestattet mit anderen Zangerl und Heinisch am Ostfriedhof, also Pradler Friedhof Grabfeld II-UH6-Grab 112. Wenn mans jetzt weiter vorantreiben wollte (Risiko falsche Grundannahme), könnte man über die Friedhofverwaltung den Grabbesitzer usw usw…
Danke für die Übermittlung der Meldezettel.
Aber wie Sie sagen – die Ähnlichkeit… und, damals im Gespräch, hat Frau Zangerl auch erwähnt, sie sei „mit der Frau“ auf Sommerfrische in Igls gewesen, als „Kindermadl“ – „a lebendiger war er scho – aber a liaber Bua..“ und daß „die Frau“ anläßlich ihres „Spootzn“, des Muskelkaters, gesagt habe „Bleiben Sie heut im Bett, ich schau selber auf das Kind“ – und daß „der Herr“ am Wochenende auch nach Igls hinaufgekommen sei, mit der „Aktntoschn“ – und der Frau die zu erledigende Geschäftspost hinaufgebracht habe, die sie dann unter der Wochn erledigt habe – und Igls – weils in der Stodt untn z’haaß gwesen sei im Summer… ja, diese Einzelheiten hätte ich Ihnen erzählen können – und tue es jetzt. Zeitgeschichte…. und vielleicht erfahren wir einmal, mit welcher Familie Frau Rosa damals in Igls als Kindermädchen mit auf Sommerfrische war…
Eine kleine Ergänzung:
Ich habe noch die Stimme und die Erzählweise von Frau Zangerl „im Ohr“, wie sie von Igls berichtete: „…weil hintrm Haus war glei a große Wiesn – da hat er laufn kennen – und a klans Bacherl – zum Pritschln – und die „Frau“ is im Schattn beim Haus g’sessn – und hat am Tisch die Post erledigt“
Ja, ja – das war schon Rosa Zangerl – damals noch Ötzelt.
Aufgetauchte Gesprächsfetzen:
“ Da war wohl a schöner großer Hof – aber der war ‚pflastert. Nix, wo des Kind spüln hätt kennen. Wo gehst da hin – von der Anichstraßn aus?
Beim Hochhaus war wohl a Sandkistn – aber ka Klo – und ka Brunnen, wann des Kind an Duascht kriagt. Und gegn die Straßn abgschlossn war der Platz ja aa ned.
Bin i mit eahm in Hofgartn gangen – da war ja a Klo – beim Cafe – und a Wasser war aa zum Kriagn…“
Nein – in diesem Gespräch, an das ich mich erinnere, hat Frau Zangerl das Drama „1938“ und ihre Rolle dabei mit keinem Wort erwähnt.
Nur den Familiennamen – an den ich mich nicht erinnert habe – und auf meine Frage, wo das Geschäft gewesen sei: „Durtn, wo der Schag is (oder „war“)“
“ I gib do kan fremdn Menschn, den wos i überhaupt ned kenn, ka klans Kind net mit!“
Wahrscheinlich Projektion, daß ich glaube, diesen Satz mit Frau Zangerls Stimme in mir zu hören.
Aber sie hat nach diesem Grundsatz gehandelt.
Nur eine kleine erklärende Ergänzung:
„I hob mit eahm scho „Versteckerl“ g’spült – und hob eahm gsagt, er soll si hinter am Baam vasteckn – und i hoit ma de Augn zua – und wann er vasteckt is, dann soll er ruafn – und i suach eahm.
Natürli hob i beim Ei’schaugn zwischn de Finga duarchg’schaut – wäu bei an klaan Kind, do waaß ma ja nia – net daß er ma auskummt…! I hob imma g’wußt, wo er umgeht.
Und wann er dann g’ruafn hat, hab i g’sagt „ja, wo is er denn? Ja, wo is er denn?“ und wann i ’n dann endlich g’fundn hab, hat er g’lacht vor lauter Freud, daß i ’n so lang suachn hab miassn“
Und bei der Bahnfahrt (wenn ich mich recht erinnere, frühmorgens!, wußte sie ihren Schützling abzulenken: „Schau, die Kühe… und das Haus, da ganz weit oben…“ (oder so ähnlich).
Und vor der Haltestelle Brennersee habe sie gesagt, der Onkel und er sollten jetzt Versteckerl spielen, sie gehe da hinüber, wo sie nicht sehe, wo er sich verstecke…
Ja. Und plötzlich erkennt man, wie wichtig und wertvoll Kinderspiele sein können.
Ich glaube, diese Erinnerung solle in lebendigen Herzen bewahrt und weitergegeben werden – und nicht dadurch, daß man eine weiße Marmortafel mit Goldbuchstaben drauf an einer Wand befestigt – von wo sie irgendwann herabgerissen und zerschmettert werden könnte…
Betonen möchte ich, daß Frau Zangerl mit keinem einzigen Wort die Glaubens- und Schicksals- Gemeinschaft benannt hat, der die Familie Sagl angehört. Es war meine Schwiegermutter, die mir während dieses Gesprächs ein einziges Wort zuraunte: „Neunzehnhundertachtunddreißig!!!“
(Mein Geburtsjahr)