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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
True Crime Kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Einleitung

True Crime kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Einleitung


Der nicht namentlich gezeichnete dreiseitige Prozessbericht der Innsbrucker Nachrichten (ich empfehle immer noch, ihn nicht jetzt schon zu lesen daher gibt es noch keinen Link) ist am Tag nach der Verhandlung erschienen. Wie es dem ungenannten Redakteur gelungen sein kann, jedes Wort mitzuschreiben, bleibt schleierhaft. Entweder konnte er diesen Artikel bereits Tage zuvor mit dem Ermittlungsakt ausführlich planen oder es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk einer lokalen Journalisten- und Stenografinnengruppe. Der Fall hat, was bei den folgenden zur Last gelegten Taten kein Wunder ist, im Vorfeld keinerlei internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dieser lange Artikel erschien genau ein Mal in dieser Länge.

Bevor wir nächste Woche mit den ersten Stationen der Einbruchstour beginnen, beschäftigen wir uns etwas mit den beiden Hauptangeklagten. Sie werden im Artikel nur ganz kurz vorgestellt, wobei das Hauptaugenmerk auf ihre erlernten Berufe gelegt wird. Diese sind Tischlergehilfe und Maschinenschlosser, zwei ehrbare Berufe die allerdings auch im Bedarfsfall nützlichsein können, wenn man sich in verschlossene Räume Zutritt verschaffen will.

„Ich gehe jetzt mit dem Brecheisen statt mit dem Rosenkranz wallfahren. Wer mich verratet, den mache ich kalt.“
Karl Reisigl (angeblich zu einem Lehrbuben), Tiroler Post 13.6.1903

Eduard Wisiol und Karl Reisigl sollen sich in den Zellen des nun bald nicht mehr bestehenden Bezirksgerichts Silz kennengelernt haben. Dort, so will es der Redakteur der Tiroler Land-Zeitung erfahren haben, hätten sie sich auf eine künftige gemeinsame Tätigkeit verabredet. Reisigl kam dann zu diesem Prozess im Juni 1903 mit immerhin elf Vorstrafen im Register, Reisigl mit nur drei.

Der ältere der beiden, Karl Reisigl, wurde am 5. Jänner 1875 in der Pfarre St. Jakob als Sohn des Brauhaus-Maschinisten Eduard Reisigl und seiner Frau Katharina geb. Kirchmair getauft. Die Familie wohnte in der Gärbergasse 9 und war nach Telfs zuständig. Aus den Zeitungen erfährt man sonst nicht viel von den Reisigls. Im Jahr 1913 wird Karl aus drei Bezirken des Tiroler Unterlades dauerhaft abgeschoben (nach Telfs, so will es die damals gültige Rechtslage). Karl heiratete im Jahr 1919 als 44-Jähriger im steirischen Bruck an der Mur die 35-jährige Maria Simbürger. Karl starb 1946 im Alter von 71 Jahren in Bruck an der Mur, seine Frau überlebte ihn noch um 25 Jahre.

Der jüngere Einbrecherkönig, Eduard Wisiol, wurde am 7.9.1880 in Mariahilf getauft. Seine Eltern waren der Stadtfuhrmann Ludwig Wisiol und die Josefa geborene Abenthung. Da diese Familie in Innsbruck zuständig war, erzählt uns die Heimatrollenkarten des Vaters einiges über ihre Aufstellung. Eduard war das älteste Kind, seine Schwestern Maria und Josefa starben schon 1904 und 1907, seine Brüder lebten weiter in Innsbruck und arbeiteten später als Sattler, Kellner und Buchhalter.


Eduard Wisiol bekam dann auch seine eigene Heimatrechts-Karte. Darauf zu sehen ist ein für Behörden recht turbulentes Dasein mit Ehelichung der Juliana Berghammer aus Stumpfenbach in Bayern im Jahr 1911 (Pfarre Wilten), Scheidung 1921, zwei Kindern Rosa und Georg (letzterer schon „im geschiedenen Stande“ 1924 in Augsburg geboren). Eduard heiratete 1941 ein zweites Mal, die 48-jährige Frieda Maria Kastner aus Ladendorf. Er starb am 17.2.1949 „hier“.


Wie es scheint, haben die beiden nach ihren wilden Jugendjahren ruhigere Gewässer erreicht und fast so etwas wie bürgerliche Existenzen gegründet zu haben. Nach vier (Wisiol) und sechs (Reisigl) Jahren schweren Kerkers (verschärft durch vierteljährliche Fasttage) eigentlich ein schönes Bild gelungener Resozialisation. Fast als Beweis, jedenfalls als Untermauerung dieser These mag der Umstand gewertet werden, dass es Edmund Wisiol als 59-Jähriger sogar noch in die NSDAP geschafft hat.



[Fortsetzung von True Crime kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Prolog]

Fortsetzung unter True Crime kulinarischer Stadtrundgang 1903: #Erster Tag

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