Leopold Stastny: Teamchef und Medienfigur (1968-1975)
ÖSTERREICHISCHER TEAMCHEF
Im Sommer 1968 übernahm Leopold Stastny das Traineramt der Nationalmannschaft und blieb bis September 1975 öster reichischer Teamchef. Stastny erreichte in diesen Jahren gute Ergebnisse, so blieb das Team 1974 ungeschlagen und spielte in São Paulo 0:0 gegen den regierenden Weltmeister Brasilien, aber es setzte auch hohe Niederlagen wie ein 0:7 gegen England (26.9.1973). Das berühmteste Spiel der Ära Stastny ist eine „tragische“ Niederlage: Im Entscheidungsmatch zur WM-Qualifikation 1974 unterlag das Team Schweden in Gelsenkirchen 1:2. 17 Obwohl sich das Nationalteam für keine Welt- oder Europa meisterschaft qualifizierte, wirkte Stastny als Reformer. Er forderte von den Ligavereinen bessere Taktik- und Konditionsarbeit und leistete Pionierarbeit in der Trainerausbildung. Einige seiner Schützlinge wie Hans Krankl, Herbert Prohaska oder Kurt Jara, die unter Stastny im Team debütierten, sollten 1978 bei der WM in Argentinien die Erfolge ernten.
MEDIENFIGUR
So wie seine Vorliebe für Zigaretten, die er vor dem Rauchen in zwei Hälften brach, waren auch Spitznamen typisch für Leopold Stastny. In der Slowakei war er u. a. als „Jim“, nach einer beliebten Taschenromanfigur, bekannt, in Österreich nannte man ihn „weißer Riese“. Seinen Spielern gab er ebenso Spitznamen, etwa den Wackerianern Johann „Buffy“ (slowakisch für Pummelchen) Ettmayer und Helmut „Pumperl“ Siber.
Aufgewachsen im mehrsprachigen Bratislava, sprach Stastny perfekt Deutsch. Mit trockenem Humor und gewitztem Charme gewann er die Öffentlichkeit in Österreich für sich. Journalisten ließ er an der Taktikbesprechung teilhaben, lange Fragen beantwortete er jedoch mit Vorliebe mit „Ja“ oder „Nein“. Seine Matchanalysen, heißt es in einer rückblickenden Schilderung, „grenzten manchmal an Dadaismus“. Das lag vielleicht auch an seinen Erfahrungen in zwei totalitären Regimes und war ein Versuch, sich unerwünschten Zugriffen zu entziehen. Über die Schrecken der Shoah sprach er in der Öffentlichkeit nicht. Seine jüdische Familiengeschichte blieb ein Tabu, an dem in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft offenbar auch niemand rühren wollte.
Dieser Text stammt aus der Ausstellung „Leopold Šťastný. Überlebender des Nazi-Terrors, Trainerlegende & Erfinder der Schülerliga“ (Innsbruck 2025 und 2026), die wiederum auf die Ausstellung „Football under the Swastika: The Story of Leopold „Jim“ Šťastný“ (Bratislava 2020) zurückgeht.
Autoren der Ausstellungstexte: Peter Bučka, Joachim Bürgschwentner, Tomáš Černák, Niko Hofinger, Kevin Simpson, Georg Spitaler, Michal Vaněk
Bild: Karikatur auf Leopold Stastnys Zigarettenkonsum und die Eigenheit, sie in der Mitte auseinanderzubrechen. (c) Familienarchiv Stastny / Museum für Jüdische Kultur des Slowakischen Nationalmuseums, Bratislava