skip to Main Content
Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Zum „Tiroler Dorf“ In Pozuzo

Zum „Tiroler Dorf“ in Pozuzo

Ich freue mich sehr, dass im Zuge des Beitrags zu Johann Nepomuk Mahl-Schedl von Alpenburg in den Kommentaren so reges Interesse für das Thema „Pozuzo“ entstand. Denn genau zu diesem Thema folgt der heutige Gastbeitrag von Bruno Habicher.

Die Entstehung der Gemeinde Pozuzo in Peru geht auf ein missglücktes Projekt der peruanischen Regierung aus den 1850er Jahren zurück. Es bestand damals nämlich der Plan, die Wasserstraße durch Amazonien als Handelsweg nach Amerika und Europa auszubauen und zu nutzen, um den weiten Umweg der (Fracht-) Schiffe um das Kap Hoorn zu vermeiden. Die Planungen und Arbeiten am Panama-Kanal erfolgten erst um 1900. Die peruanischer Regierung beauftragte daher den deutschen Agenten Damian Schütz-Holzhausen, innerhalb von 6 Jahren 10.000 katholische, arbeitsame und charakterlich starke Europäer ins Land zu bringen und ab dem zugewiesenen Gebiet am Ostabhang der Anden am Rio Huancabamba in der Selva central sukzessive flussabwärts bzw. landeinwärts anzusiedeln.

Schütz-Holzhausen organisierte daher 1857 eine erste Gruppe mit 300 Auswanderern, um sie mit einem für einen Personentransport adaptierten Guano-Frachter von Antwerpen nach Lima zu bringen. Aufgrund des Widerstandes der Protestanten in Deutschland konnte er aber nur 120 Personen aus dem Rheinland anwerben. Er wandte sich daher an die Tiroler Geistlichkeit, vertreten durch P. Augustin Scherer (Stift Fiecht), der ihm 180 Tiroler für die erste Auswanderergruppe vermitteln konnte, davon waren 40 aus Silz, 30 aus Haiming und 20 aus Zams. Mit dabei war auch der 1823 in Innsbruck (St. Nikolaus) geborene Priester Josef Egg, Pfarrer von Wald b. Arzl im Pitztal, der zu einer wichtigen Schlüsselfigur dieser schicksalhaften und strapaziösen Auswanderung wurde und bis 1906 auch der erste Pfarrer von Pozuzo war.

Nach einer fast viermonatigen Schiffsreise (30. März – 17. Juli 1857) erreichte die Gruppe den Hafen von Huacho nördlich von Lima, um von dort die Landreise (Fußmarsch) ins Hochland zu starten. Im Spätherbst 1857 erreichte die Gruppe auf der Route Chiuchin, Quisque und Cerro de Pasco das Hochland und musste wegen der bevorstehenden Regenzeit, die in der Regel vom November bis März dauert, in Acobamba auf 2.750m ein Zwischenlager einrichten. Dort wurde die Gruppe mit der Tatsache konfrontiert, dass der von der Regierung versprochene, ca. 80 km lange Weg (Saumpfad) nach Pozuzo nicht gebaut war, da Peru die dafür vorgesehenen finanziellen Mittel für den Krieg gegen Chile verwendete. Das groß angelegte Projekt galt daher als eingestellt. In dieser unerwarteten Situation haben Hw. Josef Egg als seelsorgerischer Begleiter, Josef Gstir als Vertreter der Tiroler und Christoph Johann als Vertreter der Rheinländer die verantwortungsvolle Führung der teils durch Abgänge, teils durch Todesfälle um einige Auswanderer reduzierten Gruppe übernommen. Durch ihren motivierenden Einfluss konnten sie die Gruppe dazu bewegen, ihr Ziel Pozuzo trotz der unerwarteten Strapazen im Auge zu behalten. Nach der Regenzeit haben die arbeitsfähigen Männer, teils auch Frauen, begonnen, den Weg (Saumpfad) ins zugewiesene Gebiet selber anzulegen, den sie bis zum Spätherbst 1858 vor der nächsten Regenzeit bis Santa Cruz (Pampa hermosa) herstellen konnten. Eine bemerkenswerte Hilfestellung seitens Peru war in dieser Zeit allerdings die Beistellung von Lebensmitteln. Von dem in Zwischenlager in Santa Cruz aus haben die Kolonisten dann schrittweise das Gebiet am Rio Huancabamba aufgesucht und dort mit kleinflächigen Rodungen und dem Bau von Hütten begonnen. Aufgrund dieser Vorbereitungen war es möglich, dass sich die Kolonisten im Verlauf des zweiten Quartals 1859 sukzessive am Rio Huancabamba in zwei Talabschnitten ansiedeln konnten. Die Rheinländer nannten ihren Abschnitt Prusia („Preußen“) und die Tiroler ihren Abschnitt ca. 3 km weiter flußabwärts Tirol. Dieser Abschnitt hat sich als Zentrum entwickelt und wurde später mit Pozuzo bezeichnet.

Titelbild: der neue Bogen am Ortseingang von Pozuzo; Zweites Bild: Schild „Tirol“

Text und Fotos: Bruno Habicher, Innsbruck.

Weiterführende Information:

Bruno Habicher (Jg.1942) und seine Frau Elisabeth Habicher-Schwarz (Jg.1939) haben sich seit 1981 intensiv mit dem Thema Pozuzo befasst und dabei einige bedeutende Aktivitäten gesetzt.1983 haben sie den aktuell bestehenden Verein „Freundeskreis für Pozuzo“gegründet und die ersten neun Jahre auch geleitet. Auf ihre Initiative und Mitorganisation wurde von 1999 bis 2004 das Kulturvereinshaus in Pozuzo gebaut, bei dessen Fertigstellung bzw. Einweihung beide zu Ehrenbürgern von Pozuzo ernannt wurden.

Beide haben auch wichtige und informative Dokumentationen publiziert:

Elisabeth Habicher-Schwarz, Pozuzo – Tiroler, Rheinländer und Bayern imUrwald Perus (2001: 1.Auflage, 2006: 2.Auflage, 2008: spanische Ausgabe);

Bruno Habicher, Pozuzo – Schicksal, Hoffnung, Heimat (2003) und Pozuzo -Ein Stück Tirol in Peru (2009)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Back To Top
×Close search
Suche