Ein Sakrileg?
Im September 1971 pilgerten Pferdeliebhaber aus ganz Europa zur Haflinger-Jubiläumswoche nach Innsbruck. Für die Eröffnungsfeier am Samstag, den 18. September 1971, war den Veranstaltern ein besonderer Coup gelungen. Neben der Uraufführung des von Sepp Tanzer eigens für diesen Anlass komponierten „Haflinger Marsch“ durch die Stadtmusikkapelle Wilten und zwei Fahrquadrillen stand ein Gastauftritt der weltberühmten Spanischen Hofreitschule am Programm:
Majestätisch trabten die Reiter auf acht Lipizzanern in das Rund des Stadions, das einen krassen Gegensatz zur Eleganz und Vornehmheit der Spanischen Reitschule bildete. Sie ritten zuerst alle ‚Gänge und Touren der Hohen Schule‘. Mit selbstverständlich erscheinender Leichtigkeit führten sie die schwierigsten Übungen durch. Beim ‚Pas de Deux‘ und ‚am langen Zügel‘ rissen die weißen Hengste die Zuschauer zu Begeisterung hin. Den Abschluß bildete die Schulquadrille, die an die Glanzzeiten des ‚Rosse-Baletts‘ und der ‚Karussells‘ vergangener Zeit erinnerten. Mit peinlichster Genauigkeit zeigten Pferde und Reiter im Rythmus der Musik schwierige Figuren. Leider war nur ein Teil der Spanischen Reitschule erschienen, da beim Staatsbesuch des belgischen Königspaares in Wien eine Aufführung zu Ehren der hohen Gäste,
wusste die TT am 20. September 1971 zu berichten. In den folgenden Tagen gab es weitere Vorführungen der Spanischen Hofreitschule in der Eishalle zu sehen.

Zweifelos war das Gastspiel der Hofreitschule eine herausragende Attraktionen, die entsprechend medial begleitet wurde. So war der Tiroler Tageszeitung auch die Ankunft der Lipizzaner in Innsbruck eine Notiz inklusive Bild wert. In der Bundeshauptstadt hielt sich die Begeisterung jedoch in Grenzen:
Die Spanische Hofreitschule, erstmals in ihrer 400jährigen Geschichte in Innsbruck, bildet den glanzvollen Rahmen – oder Mittelpunkt – dieser Monsterschau [gemeint ist die Haflinger-Woche], sehr zum Mißfallen des Wiener Fremdenverkehrsverbandes, der die Tirol-Reise der Lipizzaner als unerhört empfindet, vergleichbar nur mit dem Sakrileg, das Innsbrucker Goldene Dachl für eine Woche nach Wien zu verpflanzen. (TT v. 2. September 1971)
Wie dem auch sei. Das Innsbrucker Publikum hatte seine Freude an diesem „Sakrileg“. Und auch die Pressefotografen knipsten eifrig. Neben Erich Birbaumer, dessen Fotos die TT brachte, schoss auch Richard Frischauf eine ganze Reihe an Farbaufnahmen von diesem besonderen Gastspiel.
(StAI, Fotos Richard Frischauf)