Ein Glockenrätsel für Sie
Da ich mittlerweile schon einige Beiträge über Innsbrucks Glocken verfasst habe, habe ich beschlossen, heute Sie ein wenig rätseln zu lassen. Hier haben wir ein recht scharfes Bild einer Glocke, dessen Oberfläche reich verziert ist. Der Hintergrund gibt wenig her und scheint für das Foto extra mit dunklem Stoff abgedeckt worden zu sein. Dahinter lugt durch einen Spalt gestapeltes Holz hervor. Stehen tut die Glocke auf einer Palette? Zu sehen sind eine Jahreszahl, zwei Spruchbänder auf Latein und dazwischen Verzierungen, Wappen, Personen und Symbole. Auch die Engel, die die Henkel schmücken sind deutlich zu erkennen. Datum der Aufnahme unbekannt, Herkunft Sammlung Kreutz. Das Gewicht und der Schlagton lassen sich höchstens raten. Es sei denn, sie wissen schon, um welche Glocke es sich handelt?
(Stadtarchiv/ Stadtmuseum Innsbruck, KR-PL-973)
Die Paulus-Glocke vom Dom zu St. Jakob?
Das Gußjahr der Glocke ist lt. Foto 1924; d. h. eine Glocke welche in einer Kirche nach den Abnahmen für den 1. WK wieder nachgerüstet wurde. Am Größenvergleich Palette zu Glocke müsste diese eine kleinere Glocke sein, jedoch schön verziert.
Lt. Nachschau in Zeitungsberichten aus dem Jahre 1924 fanden am 14. September in Innsbruck Glockenweihen beim Dom St. Jakob und in der Dreiheiligenkirche statt.
Weitere Glockenweihen in diesem Jahr:
am 30. März in Axams
am 27. April in St. Jakob a. Arlberg
am 15.Mai in Reutte
am 22. Juni in Dornauberg-Zillertal
am 7. Oktober in Berwang
am 14. Dezember in Biberwier
und, und und, ….
Nach geschätzt 30 überflogenen Zeitungsartikeln zu Glockenweihen in ganz Tirol – auch über das Jahr 1924 hinaus – musste ich feststellen, dass die Namen der Glocken den Berichterstattern entweder nicht bekannt oder nicht wichtig genug waren, um sie den Leser*innen mitzuteilen; Größe/Gewicht, Tonlage und Gießerei schon eher. Schützen- und Musikvereine, Patinnen, Ehrengäste und vor allem das Gasthaus für das anschließend stattfindende Festmahl fehlten so gut wie nie.
Drei Berichte gaben Auskunft über die Namen der Glocken.
St. Jakob, 4 Glocken (Weihe 1924): Mariahilf-Glocke, St. Jakobs-Glocke, St.-Anna-Glocke und St. Alexius-Glocke.
Theresienkirche Hungerburg, 4 Glocken (Weihe 1932): Marien-Glocke, Judas-Thaddäus-Glocke, Katharinen-Glocke, von der ersten Glocke (ich vermute, so wird die jeweils schwerste bezeichnet) wird lediglich das Gewicht (1000 kg) und die Tonart (F) angegeben.
Stiftskirche Wilten, 5 Glocken (Weihe 1927), geweiht den Heiligen Laurentius, Stephanus, Norbert, Augustinus und der Hl. Familie.
Das Geläute der Wiltener Pfarrkirche, 4 Glocken (Weihe 1924) wird recht ausführlich beschrieben: ähnlich aufwändige Verzierungen, Krone mit Engelsköpfen, Graßmayr-Wappen mit Jahreszahl 1924, Patinnen verewigt, etc.
Allerdings kommen die Glocken beider Wiltener Kirchen als Lösung nicht in Frage, da sie im Gegensatz zum Rätselbild Inschriften in deutscher Sprache aufweisen.
Wie es aussieht hatte die Firma Graßmayr in den 1920-er-Jahren sehr viel zu tun, stammten doch die meisten dieser „Nachkriegs“-Glocken aus ihrer Gießerei. Interessant scheint mir noch die Verwendung des Graßmayr’schen Wappens. Die Fischnaler-Wappenkartei des TLM Ferdinandeum zeigt dazu einen stehenden Greif, der nach links schreitet, im rechten Fang einen kleinen Blumenstrauß und im linken eine Glocke haltend:
http://wappen.tiroler-landesmuseen.at/index34a.php?id=&do=&wappen_id=14364&sb=Grassmayr&sw=&st=&so=&str=&tr=99
Auf den im Zuge dieses Glockenrätsels gesuchten Abbildungen sind mir auch solche untergekommen, auf denen der Greif nach rechts schreitet. Außer, dass die Firma (als zusätzliches Marken- / Sicherheitszeichen?) die Richtung jeweils mit der Guss-Jahreszahl wechselt, oder dass manche Abbildungen einfach seitenverkehrt eingescannt wurden, ist mir keine Erklärung eingefallen.
Anmerkung: Ich weiß, dass eine korrekte Blasonierung seitenverkehrt, also aus der Sicht des Schildträgers erfolgen sollte, aber ich bin da überhaupt nicht sattelfest, deshalb beschreibe ich hier lieber aus Sicht der Betrachterin, bevor ich Richtung und Fänge verwechsle und Verwirrung stifte.
Schade finde ich auch, wenn auf den Webseiten der Pfarren die Kirche, was Architektur, Innenraumgestaltung, Orgel, Altäre usw. betrifft zwar beschrieben wird, die Glocken aber meist zu kurz kommen. Dabei habe ich heute erfahren, dass die UNESCO Glockenguss und Glockenmusik zum nationalen Immateriellen Kulturerbe erklärt hat.
Es gibt im www aber inzwischen immerhin einen „Glocken-Finder“. Sieht nach Schwerpunkt Deutschland aus, ein paar Innsbrucker Kirchen und ihre Glocken habe ich auf die Schnelle jedoch finden können, wie Jesuitenkirche, Hofkirche, Höttinger Kirche, Pauluskirche, Liebfrauenkirche i. Saggen, Pradler Kirche, Amraser Kirche, St. Nikolaus und den Dom zu St. Jakob (vermutlich gibt es noch weitere):
https://createsoundscape.de/glocken-finder-2/detail/glockenfinder/id/4866-kath-dom-propstei-und-stadtpfarrkirche-zum-st-jakobus-d-ae-in-in/?cb-id=68122