Doppelt und dreifach hält besser
Sie kennen die Situation vielleicht: Man tritt den Weg zur Getränkerückgabe an, und an den dafür vorgesehenen Türen findet sich im schlechtesten Fall lediglich ein Schild mit der Aufschrift „WC“. Zwei Türen – und damit eine 50:50-Chance, ins Fettnäpfchen zu treten. Selbst wenn man die falsche Tür erwischt, ist man mit einem freundlichen und zerknirschten „Ups, Entschuldigung!“ meist schnell wieder rehabilitiert.
Diese Alltagssituation bringt uns nun zu unserer heutigen Aufnahme. Zu sehen ist das ehemalige öffentliche WC an der Innbrücke. Damit die oben beschriebene Situation gar nicht erst eintreten konnte, wurde hier zum Glück nicht an Hinweisschildern gespart.
Auf eines möchte ich Sie noch aufmerksam machen, da ich es mir partout nicht verkneifen kann: die Platzierung der Fahrverbotstafel neben dem Eingang zur Damentoilette. Darunter befindet sich auch noch ein Schild mit Pfeil. Unser Blickwinkel trägt freilich seinen Teil dazu bei. Mehr möchte ich dazu gar nicht anmerken, außer: Entstanden sein dürfte diese Aufnahme im Herbst 1954.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, KR-NE-915)
Ein dreifaches „Hoch!“ jener segensreichen Institution, die inzwischen wohl gänzlich ausgestorben ist –
– und die, wie das Foto zeigt, der alten Dame, der es sichtlich nicht gut ging, tröstend und mit Rat und Tat zur Seite stand – und die wohl notfalls zu dem jungen Mann gesagt hätte „Gehs – stiahns nit bled ummadum – ruafns ma gschwind die Rettung! Vom G’schäft da drübn aus! Sie sehgn ja, derFrau do geahts nit guat“ Ich meine natürlich nicht „das Häusl“ an sich – sondern die mit Nasenrümpfen, wenn nicht mit Verachtung bedachte „Person“, die Abortfrau.
Für mich ein Bild der Mitmenschlichkeit. Ein schönes Bild.
Ich seh in der (Minifrage: herbstlichen?) Szene den Papa mit der Tochter an der Hand warten, bis die beiden Frauen mit dem herrlichen Ratschen fertig sind. Was so eine Klofrau alles gesehen haben wird!
„Die Sowieso…geschtern…Höööö!…jaja…nana, der andere….Öha!“
Heute sind’S aber schon bös, Herr Hirsch…
Die alte Frau, die immer noch so gekleidet ist „wie vor dem Krieg“, ist keine „Hamms scho g’heart“-Gesprächspartnerin. Ich schätze:. Witwe nach einem Beamten des (vielleicht „gehobenen“) Fachdienstes. Gute Erziehung – aber jetzt eben der Hilfe bedürftig… Für einen Tratsch über irgend welche Leute mit der Reinigungsfrau – nein!
Und die Geste – die Hand auf der Schulter der sitzenden alten Dame bedeutet nicht „Hamms scho ghert? Dem Dings, Ihrem Nachbarn vom Nebenhaus, dem isch die Frau durch… und dabei hat ma gmoant, dee hat s’große Glück g’macht…!!!“ Die ganze Haltung zeigt Sorge und Anteilnahme – und das Hinunterbeugen läßt daran denken, daß es mit dem Gehör der alten Dame nicht mehr so gut geht.
Wäre ein Gespräch der von Ihnen offenbar befürchteten Art im Gange, hätte die alte Dame längst staunend aufgeblickt. Ihre Haltung wäre eine gänzlich andere…
Und auch der junge Mann mit dem Kind – seine Haltung sagt eindeutig „Öha! Da isch was los!!!“ Er wirkt von hinten gesehen aufmerksam und sprungbereit.
Die Verbreitung der von Ihnen nicht geschätzten „Neuigkeiten“ kann Mitgefühl mit dem Schicksal anderer genau so ausdrücken, wie leider auch Vorurteil und Ausgrenzung von Menschen, die aus einer anderen Gegend stammen. Auch wenn sie dieselbe Sprache – aber halt eine andere Mundart! – sprechen…
Ich hatte spontan eine andere Interpretation der Szene. Der Stuhl ist ganz bestimmt für eine Abortfrau vorgesehen und ich denke die sitzt dort auch. Wäre es umgekehrt, hätte man für die alte Dame im Falle einer kurzen Schwäche vielleicht einen schattigen Platz gewählt.
Es wird eine ‚Kundin‘ sein, wahrscheinlich zum Papa Tochter gehörig die sich der alten Frau a bissl derbarmt. Danach. Davor hat man ja keine Zeit.
Der Innsteg könnte es tatsächlich auch sein, wie Herr Schneiderbauer vermutet. Das Fahrverbotsschild wäre damit erklärbar.
Der Sessel – geel, sind auch nicht mehr viele herum! – ist der klassische Wiener Kaffeehausstuhl der Fa. Thonet.
Googeln’S einmal – den Meister Thonet hat sein ebenfalls aus dem Rheinland stammender „Landsmann“, der Metternich, nach wien geholt…
Ob das „Etablissement“ am Gestade des Inn etwas mit dem Otto-Wagner-Stil zu tun hat? Diese Entscheidung, ob ja, vielleicht oder nein, überlasse ich den Fachleuten.
(Ja mei, irgendwer muß das Dingsda ja erdacht und entworfen haben, bevor esin Serie ging…)
Fast, Frau Stepanek. Wilhelm Beetz , ein Zeitgenosse von Otto Wagner war der Schöpfer dieser Bedürfnisanstalten. Aber beide – und damit bestätigt sich Ihre Vermutung – vertraten den Wiener Jugendstil. Wahrscheinlich eher unabhängig voneinander, aber wer kann das schon wissen..
https://www.sagen.at/doku/Wien_Beetz/Beetz_Wien.html
Übrigens – nach diesen Abbildungen habe ich „Innsbruck – alte Innbrücke – alte Ansichten“ gegoogelt und – denken Sie sich! – bei zweien der kleinen bunten (Abzieh-)Bildchen war deutlich zu sehen:
Gegenüber dem „Spann uni“(Schau hinüber)-Denkmal bei der Ottoburg – da stand doch tatsächlich so ein ACHTeckiges „blechernes Lusthaus“ (wie Oberförster Cousin Franzi in Hernstein es genannt hätte, er geht ins 95.Lj.).
Ist das nicht beim Béthouart-Steg am Ostende des Englischen Gartens, wahrscheinlich bevor das dortige Häusl durch ein halb-offenes Pissoir weiter vorn am Radweg ersetzt wurde, das, glaube ich, noch so bis in die 1990er hinein existiert hat – jedenfalls habe ich es noch gesehen? Bei der Innbrücke war die öffentliche Toilette doch auf der Ostseite, zumindest auf den Fotos die ich kenne, und strahlte mehr Grandezza aus, Klein-Pariser Weltporzellanausstellung 1900 quasi.
Der sichtbare Hausgiebel rechts müßte sich doch zuordnen lassen?
Müßten der Richtung und der Traufe nach die Häuser Mariahilfstraße 14 und 16 sein, wenn man die Theorie Innsteg zugunsten des neu eingestellten Fotos wieder fallen läßt. Die Innbrücke kann man nicht sehen, wenn man das Etablissement wie hier schräg von der (Ost)Seite her aufnimmt.
Müßten der Richtung und der Traufe nach die Häuser Mariahilfstraße 14 und 16 sein, wenn man die Theorie Innsteg zugunsten des neu eingestellten Fotos wieder fallen läßt. Die Innbrücke kann man nicht sehen, wenn man das Etablissement wie hier schräg von der (Ost)Seite her aufnimmt.