Die Bürgermeister von Inspruck (XI.)
Nach dem Rücktritt Rapps übernahm sein Vizebürgermeister, Johann Tschurtschenthaler (1828-1893), die Amtsgeschäfte. Noch in der Sitzung, in der Rapp seinen Rücktritt bekanntgab, erklärte Tschurtschenthaler, dass er „fest entschlossen [sei], die Verordnung in Betreff der Schulaufsicht durchzuführen“. Dabei ging es nicht nur darum, die Anordnung der k.k. Statthalterei nüchtern auszuführen, Tschurtschenthaler war ein überzeugter liberaler, der Rapps Abneigung gegenüber den Maigesetzen sicherlich nicht teilte. Er war ein führendes Mitglied des Konstitutionellen Vereins, dem politischen Club der Liberalen in Tirol. Einer der Forderungen des Vereins war damals die direkte Wahl der Reichsratsabgeordneten. Diese wurden nämlich von den jeweiligen Landtagen entsandt. Dies war besonders für die Liberalen in Tirol ein rotes Tuch, weil die konservative Mehrheit im Landtag nach eigenem Belieben Abgeordnete in den Reichsrat entsenden konnte und die Tiroler Liberalen damit auf Reichsebene ohne Repräsentation waren. Es war im Grunde ein ähnliches Problem wie es heute noch in Großbritannien und den Vereinigten Staaten durch die dortigen Winner-take-all Systeme existiert, obwohl es sich dabei um direkte Wahlsysteme handelt. Der Wunsch des Konstitutionellen Vereins hingegen ging in Erfüllung: 1873 fanden erstmals direkte Wahlen für den Reichsrat statt.
Wenige Monate nachdem er provisorisch die Amtsgeschäfte übernommen hatte, wurde er zum Bürgermeister gewählt. Kurz darauf wurde Innsbruck von einem politischen Skandal erschüttert. Als die Deutschnationalen im Frühjahr 1871, anlässlich des Endes des Deutsch-Französischen Krieges in Innsbruck einen Fackelzug abhielten, warf der Tiroler Statthalter, Kaspar Graf zu Lodron-Laterano (1815-1895), ihnen Illoyalität gegenüber der Donaumonarchie vor. Es habe sich um eine „eminent anti-österreichische Demonstration“ gehandelt, durch die man sich veranlasst sah, sich beim Innenministerium darüber zu beschweren, und den Minister zu ersuchen, dies zur „Allerhöchsten Kenntnis zu bringen“. In der Stadtchronik von Conrad Fischnaler sowie den erwähnten Kurzbiographien aus den Adressbüchern wird angeführt, dass Tschurtschenthaler auf diese Schmähung hin sein Amt niederlegte. Dies scheint aber nicht der Fall gewesen sein. Er übernahm die volle Verantwortung für die Demonstration und verbürgte sich für die unverbrüchliche Treue der Teilnehmenden zum Hause Österreich. Diese Bekundung solle, wenn die Beschuldigungen der Konservativen gegen ihn zum Kaiser gebracht werden sollte, ihm ebenfalls vorgelegt werden. Dazu kam es auch, und die Loyalitätsbekundung Thurtschenthalers wurde von allerhöchster Stelle „wohlwollend zur Kenntnis genommen“. Im April verlieh ihm der Kaiser den Orden der Eisernen Krone (III. Klasse).
Im Mai 1872 wurde er vom Bürgerausschuss einstimmig wiedergewählt (die Amtszeit dauerte damals drei Jahre). Er knüpfte einige Bedingungen an die Annahme der Wahl, u.a. ein einmonatiger Urlaub pro Jahr sowie die Möglichkeit, unbedeutendere Aufgaben an den Magistrat delegieren zu können, beides wurde vom Ausschuss akzeptiert. Bevor er 1875 erneut wiedergewählt wurde, wollte er das Amt eigentlich zurücklegen, da er „des Amtes, das er sechs Jahre lang ausgeführt, nun müde [sei] und der Erholung bedürfe“. Aber die innigen Bitten des Gemeinderates und persönlicher Freunde, sowie die Verlängerung seines Urlaubs auf zwei Monate, überzeugten ihn, noch eine Amtszeit zu versehen. 1877 legte er schließlich sein Amt zurück und übernahm den Posten eines Rechtsberaters bei der Sparkasse.
Seine Verdienste um die Stadt wurden von allen Seiten in höchsten Tönen gelobt und sein Rücktritt bedauert. Die (zugegebenermaßen nicht ganz objektiven) Innsbrucker Nachrichten schrieben:
Unter seiner Verwaltung ist das materielle und geistige Gedeihen Innsbrucks stetig gefördert worden, Bildung und Aufklärung haben Dank der von ihm geleiteten intelligenten Gemeindevertretung all den vielen Hindernisse zu Trotz unablässig zugenommen […]
Er hatte den Bau mehrerer Volksschulen und Kindergärten, sowie die Einrichtung einer „Volksküche“ initiiert. Kurz nach seinem Rücktritt wurde er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.
(Signatur Bi-3)