Map Stories: #Siedlerleid am Gießen
Der Traum von Eigenheim war und ist für die Bewohner:innen Innsbrucks im Grunde unerfüllbar. Wenn man nicht gerade den klassischen Berufsgruppen der Großverdiener (Zahnarzt, Rechtsanwalt, Uniprofessor, Immobilientycoon) angehört, wurde und wird in der Regel aus dem schönen Ideal nichts. Unter den Habenichtsen der arbeitenden Normalbevölkerung erzählt man sich staunend von Gehältern, die früher das drei- bis vierfache, heute gern auch einmal das zehnfache des Durchschnittseinkommens ausmachen. Als dann die Wohl-Habenden in die Umlandgemeinden auswichen, um dort ihre Lackner-Villen zu errichten, war auch dort bald klar: Ohne geerbtes Bauland wird das nichts werden mit dem Häuschen im Grünen.
Weil sich mit Träumen aber gutes Geld verdienen lässt, hat auch in Innsbruck die Stadt nicht nur selbst viel gebaut sondern auch gelegentlich Siedlergenossenschaften Baurechte eingeräumt. Dieses Siedler-Konzept, immer auf Mithilfe und Eigenleistung am Bau angewiesen, erwarb sich einen recht guten Ruf und wurde deshalb auch für kommerzielle schlüsselfertige Projekte als Slogan mitgenommen.
Bald nach dem Zweiten Weltkrieg entstand gleich hinter dem Ausländerlager die Siedlung „am Gießen“. Erdacht in der städtischen Planungsabteilung (von Otto Mayr haben wir hier schon öfter gelesen), umgesetzt in Rekordtempo von der Salzburger Wüstenrot. Hier der Titelbild-Plan interaktiv fürs Detailstudium. Das noch eingezeichnete Kirchlein ist dann wieder gestrichen worden.

Der Grund am namensgebenden Bächlein war günstig von den Ursulinen erworben worden, die Häuser kosteten je nachdem ob freistehend oder nicht 76.000 bis 107.000 Schilling. Die Zeitungsartikel der konservativen Blätter sind begeistert und rechnen im Detail aus, wie viele Jahre man bei einem guten Gehalt den Kredit abzahlen kann. Die Volkszeitung findet, dass es auch kleinere Wohneinheiten braucht und alles bei ordentlicher Verdichtung um ein Drittel günstiger gebaut hätte werden können.

Die Verdichtung, die wurde in anderer Wordbedeutung dann bald auch Thema in der Siedlung. Sehr rasch sprachen die Zeitungen von titelgebenden „Siedlerleid“ und listeten die zahlreichen Planungsfehler und Baumängel in den neuen Häusern auf.
