Verdiente Noten
Heute verabschieden sich tausende Schülerinnen und Schüler in die Sommerferien. Die Vorfreude darauf währt inzwischen sicher schon mehrere Wochen. Mit im Gepäck, natürlich, das Zeugnis – graugrünmeliert und mit dem Bundesadler versehen, das ist das Bild, das mir sofort vor die Augen kommt. Die eine oder andere Note mag durchaus schwer wiegen. Nicht so bei unserem heutigen Titelbild. Es zeigt eines unserer ältesten Zeugnisse, natürlich noch ohne Bundesadler, dafür mit einem roten Wachssiegel samt Monogramm BB. Die Buchstaben stehen, wie rechts davon hervorgeht, für Balthasar Bergmann, seines Zeichens Kurator und „1808 in Innsbruck geprüfter Privatlehrer“.
Eben dieser Vermerk ist auch der Grund, warum das Stück Eingang in unsere Bestände gefunden hat. Ausgestellt wurde das Zeugnis nämlich in Winnbach (Winnebach) im Pustertal (seit 1928 eine Fraktion der Gemeinde Innichen). Die Noten, die Balthasar Bergmann Johann Salcher für das Schuljahr 1829/30 bestätigte, können sich sehen lassen. Besonders gefällt mir übrigens die Rubrik „Aussprache“ im Deutschunterricht. Bergmanns Fazit über den Schüler fällt überaus positiv aus: „Mit Rücksicht vorstehender Noten, wie auch wegen dem großen Fleiße und sehr guten Sitten wird demnach dieser Schüler bestens empfohlen.“
Interessant ist, dass weder eine Schule noch eine Schulstufe genannt wird. Vielleicht war also Salcher Privatschüler bei Bergmann? Interessant wäre auch, von wem und wie 1808 in Innsbruck Privatlehrer geprüft wurden.
In einer schnellen Volltextsuche auf anno scheint Balthasar Bergmann erstmals im Boten von Tirol am 27. Dezember 1827 auf, damals schon als Kurat in Winnebach. Er findet sich in einer Liste mit „Individuen, welche sich im Jahre 1825 um die Impfung durch eifrige Verwendung und Mitwirkung vorzüglich verdient und der öffentlichen Belobung würdig gemacht haben“. Spätestens 1834 war Bergmann Pfarrer in Innervillgraten – die Information stammt erneut aus einer Liste von Personen, die sich für Impfungen eingesetzt hatten (ditto 1836 und 1842 und das nur mit einer ganz oberflächlichen Suche). Sie verdeutlichen die wichtige gesellschaftliche Rolle der Geistlichen weit über die Kirche hinaus. 1848 wurde Bergmann zum Pfarrer in Niederdorf (Dek. Innichen) befördert, wo er am 25. März 1852 im Alter von 65 Jahren verstarb.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck)
Dictando – welche Noblesse. Für mich interessant, dass in Rechnen die Brüche und eine nicht detailierte „Regel Datei“ gesondert beurteilt wurden, wohl in der richtigen Erkenntnis, wer nicht bruchrechnen kann, kann auch nicht rechnen. In meiner Zeit als Nachhilfelehrer (selbsternannt und ungeprüft) kam es immer wieder vor, dass „der Bua sich bei die Winkel nit auskennt“. Da wußte ich sofort, der Bua kann nicht Bruchrechnen und keine Algebraregel. Das Fach hieß Trigonometrie, ohne Beherrschen der Bruchrechnung absolut hoffnungslos. Übrigens hab ich nicht gendern vergessen, es waren ausschließlich „Buam“.
Der Privatunterricht in der Volksschule konnte in der Monarchie noch vom Elternhaus erteilt werden. Geprüft wurde dann der Schüler von einem amtlich geprüften Lehrer und einem Geistlichen. Zur Volkschulzeit meines Vaters (1911-1915) war der klerikale Part der Bruder Willram.
So kam es, dass mein Vater von seinem Vater unterrichtet wurde. Grund ist mir nicht bekannt, am ehesten . tschuldige Opa – bürgerliche Borniertheit. Mit Beginn der Hauptschule machte er dann einen Blitzkurs im Fach „Das reale Leben des Menschen“. Geprüft wurde dann der Schüler von einem Lehrer und einem Geistlichen. Zur Volkschulzeit meines Vaters (1911-1915) war dies der Bruder Willram.