Der Insta-Maxl am Wiltener Capitan
Ein Foto ohne Autor und Datum aus der Sammlung von Markus Wilhelm zeigt einen waghalsigen jungen Mann bei der ersten Durchsteigung eines Wiltenberger Schröfleins ohne Sauerstoff in der Zwischenkriegszeit. Weil der Himalaya und der Yosemite schwer zu erreichen waren in jenen Jahren, musste das Sportfoto wirkungsvoll an einem stadtnahen Zacken entstehen.
Natürlich gibt es dort oben in der Nähe des Ballerparks für Paintpazifisten ein paar drei bis vier Meter hohe Vertikalen. Sie sind namenlos, weil sie keiner kannte und sie heute, so sie den Bau der Südtangente überstanden haben, in dieselbe einbetoniert sind.
Die Kunst des Zwischenkriegszeit-Influencers bestand darin, die Perspektive so zu wählen, dass im Auge von Ortunkundingen oder eiligen Betrachter:innen der Eindruck entsteht, dass hier, nach jahrelanger Vorbereitung und geduldigem Warten auf bessere Wetter eine Kletterhöchstleistung stattfindet. Man muss, wie der Autor dieser Zeilen in jungen Jahren, gar kein nicht furchtloser Bezwinger der schwierigsten Vierer- und Fünfer-Routen des Höttinger Steinbruches sein, um zu bemerken, dass sich der Protagonist definitiv abseilt. Also kein Grund, den Atem anzuhalten, obwohl man sich auch bei solchen Kunststücken ordentlich weh tun kann.
Der Rest des Bildes besteht aus Hintergrund, in dem Wiltenforschende unschwer die Treichl-Villa zu erkennen, da man schnurgerade in die Fritz-Pregl-Straße (damals Friedhofsstraße) schaut könnte man den Aufnahmeort vielleicht sogar triangulieren.
Was war nun zuerst da: Der Fels oder der Mensch? Die Eitelkeit oder der Spaß am Lazi machen? Mir erscheint es naheliegend, dass diese Aufnahme den hier, hier und hier gezeigten Vorbildern nachgestellt ist. Schade für den Klettermax, dass Insta erst später erfunden wurde.