Erinnerung an die Brennerbahn – Nächster Halt Sterzing-Pfitsch/Stazione di Vipiteno-Val di Vizze
Nach unserem Halt in Gossensaß rückt bereits die nächste Station entlang der Brennerbahn in den Blick: Sterzing/Vipiteno. Auch in unserem Erinnerungsalbum folgt nun Sterzing, wobei erneut weniger der Bahnhof selbst als vielmehr der Ort und seine besondere Atmosphäre im Mittelpunkt stehen.
Der Bahnhof Sterzing wurde gemeinsam mit der Brennerbahn im Jahr 1867 eröffnet. Das Empfangsgebäude entstand nach den Plänen des österreichischen Architekten Wilhelm von Flattich, der zahlreiche Bahnhöfe entlang der Brennerstrecke entwarf. Charakteristisch für seinen Stil sind die Natursteinfassaden, helle Marmordetails und die markanten Holzgiebel, die dem Gebäude bis heute seinen unverwechselbaren Charakter verleihen.
Spannendes Detail am Rande: Der Bahnhof befindet sich offiziell gar nicht auf Sterzinger Gemeindegebiet, sondern in der Nachbargemeinde Pfitsch. Daher trägt er seit 2014 den offiziellen Namen „Bahnhof Sterzing-Pfitsch / Vipiteno-Val di Vizze“. Für Einheimische und Reisende bleibt er dennoch einfach der „Bahnhof Sterzing“, schließlich liegt die historische Altstadt nur wenige Gehminuten entfernt.

Heute zählt der Bahnhof zu den architektonisch bedeutendsten Bahnbauten Südtirols. Seit 2004 steht das Ensemble aufgrund seiner kulturhistorischen Bedeutung unter Denkmalschutz. Besonders beeindruckend ist dabei, wie viel von der ursprünglichen Gestaltung bis heute erhalten geblieben ist und noch immer den Charme der frühen Eisenbahnzeit vermittelt.

Ein Foto des Bahnhofs selbst befindet sich leider nicht in unserer Sammlung, dafür aber einige wunderbare Aufnahmen des Ortes, die ich unseren Leser*innen nicht vorenthalten will. An den Fotos sieht man gut was auch schon am Kupferstich aus unserm Erinnerungsalbum zu erahnen ist und was Sterzing seit jeher so besonders macht: die wunderschöne Altstadt mit ihren historischen Fassaden, engen Gassen und dem unverwechselbaren Flair des Wipptals.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Ph-A-24611-15, KR-PL-2079, KR-NE-4840)
Wer aufgrund dieses Kupferstichs eine Reise nach Sterzing unternommen hat, wird sich als erstes wohl die Augen gerieben und erstaunt gerufen haben „Häääh?“
Ich hab mir zwar geschworen, zu den provokant falsch gezeichneten Kindergartenbildern der Brennerbahnserie nichts zu schreiben, aber…wie konnten wir beide jahrzehntelang einen hohen Kirchturm übersehen?? Oder soll das der ausgeliehene Weiße Turm vom Brixen sein?
Der von Stilfes wäre näher.
Spät aber doch komme sogar ich drauf, daß der hohe „Kirchturm“ eh der Zwölferturn war – halt vor dem Brand.
Die beiden kleinen Dachreiterlen davor (alte Spitalkirche mit wunderbaren gotischen Fresken innen an der Westwand – und jetziges Multschermuseum daneben) hätten es mir gleich verraten können.
So ist diese patscherte Vedute ein wichtiges Dokument, wie der Zwölferturm vor dem Brand ausgesehen hat…
„Ein G a n g d u r c h d i e S t a d t sollte, wie eingangs erwähnt, vom Nordende über die Hauptstraße bis an den südlichen Stadtrand führen
Uh!
Da scheint etwas komplett ins Nirwana entschwunden zu sein!
Also: Der Zwölferturm hat seinen Zinnengiebel nach einem Brand im Jahr 1867 erhalten.
Die schöne Straße südlich – mit Lauben, Rathaus, Nepomukbrunnen und… und… und… ist die sogenannte N E U S T A D T !
Die Altstadt befindet sich n ö r d l i c h des Zwölferturms – Richtung zur Seilbahn hinauf zum Sterzinger Roßkopf (Monte Cavallo – unsere Kinder sagten immer „Monte Krawallo“(Zzzz!)
So ist anzunehmen, daß unser gottbegnadeter Eisenbahnvedutenkünstler, dieser Urahn des Wiener phantastischen Realismus, die Studie für seinen begnadeten Kupferstich vor der Zinnenbekrönung des Zwölferturms, also vor 1967, gemacht hat.
Aber da sind doch Zinnen? Ja freilich, vom „Jöchlsturm“, zu dem auch das Spitzl der kleinen St-Peter-und-Paul – Kirche gehört.
Aber – wie gesagt: Was wir als Altstadt empfinden, das ist in Sterzing halt die NEUSTADT!
Rampold „Eisacktal“ 1973
c by Verlagsanstalt Athesia Bozen (1969)
Sie haben es eh alle gemerkt:
Kupferstich vor 1 8 6 7 !
(Gibts irgendwo ein Datum, wann der Albtraum herausgekommen ist?)
Und wenn nicht das kleine Bauwerk mit dem Steildach, den beiden Äuglein und der stumpfen Nase der „alte“ Zwölferturm war, sondern ein Gebäude am Nordende der „Altstadt“ –
– und der so gar nicht nach Sterzing passende „neugotische Kirchturm“ wäre der (dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend „aufgehübschte“) alte Zwölferturm gewesen – na ja, sooo hoch wie dargestellt war er vielleicht nicht – dann hätten wir unserem lieben Freund und Kupferstecher Unrecht getan?
Wann diese Ansicht verlegt wurde, könnte man herausbringen – aber sicher nicht, wie lange vorher der mit den Veduten Beauftragte diese Ansicht gezeichnet hat.
Wann ist dieses Werbe-Druckwerk erschienen?
In meinem Kommentar zum Beitrag „Das Leid mit den Tunnelportalen“ habe ich auf ein beinahe ähnlich gestaltetes Album hingewiesen, das von der Bibliothek der Uni Lodz online gestellt und offensichtlich ursprünglich in der Kunsthandlung Unterberger erstanden wurde. Dort wird als Erscheinungsjahr 1867 angegeben, allerdings nicht im Titelblatt des Albums, sondern in der Beschreibung durch die Uni.
Ich habe keine Ahnung, wie lange es inkl. Reise damals dauerte, bis diese 24 Stahlstiche (14,5 x 21 cm) mit Orts-/Landschaftsansichten gezeichnet, gestochen, gedruckt und gebunden waren, kann mir aber vorstellen, dass dafür eine gewisse Vorlaufzeit erforderlich war. Der Verleger Max Ravizza hat auf jeden Fall schnell gehandelt, damit das Album rechtzeitig zur Eröffnung der Brennerbahn fertiggestellt war.
Vielleicht hatte aber Herr Obermüllner seine Reiseerinnerungen durch das Wipptal schon eine Weile vorher gezeichnet und niedergeschrieben gehabt und man hat, als der Bau der Brennerbahn konkret wurde, ein gutes Geschäft gewittert, an passenden Stellen ein paar Tunnel eingefügt und daraus die „Erinnerung an die Brennerbahn“ gemacht.
Wie es aussieht, hat sich das Album so gut verkauft, dass es zumindest eine zweite Auflage gab: https://www.abebooks.com/Brenner-Bahn-Oberm%C3%BCllner-Adolf-M%C3%BCnchen-Ravizza-Auflage/32365650798/bd
Dem Einband nach hat das Stadtarchiv vermutlich ein Exemplar aus der ersten, es sei denn, es wären noch weitere verlegt worden.
Ja, das gibt Sinn – denn dann kontte man den pt Reisenden schon die Mitnahme des Büchleins empfehlen, auf daß sie erraten konnten, was da wohl dargestellt sein sollte….
Aber die Duplizität der Fälle gibt zu denken:
Brennerbahn 1867 eröffnet –
Zwölferturm 1867 abgebrannt und aus Granitquadern wieder aufgebaut.
Und die Bahnhöfe an der Strecke – aus Granitquadern. Na ja, da konnte man jetzt bequem Granit für einen neuen Sterzinger Zwölferturm anliefern, oder?
„Restenverwertung“ der bei den Bahnhofsbauten übriggebliebenen Granitsteine wird der Zwölferturm wohl doch nicht sein, gell.
Alles falsch. Aus den Mauersteinen des Kirchenschiffs hat man den Bahnhof gebaut, der Künstler hat also mit äußerster Subtilität den Bahnhof doch dargestellt…
Und den Kirchturm hat man zum Zwölferturm umgemodelt, weil die Sterzinger lautstark protestierten, sie könnten so nimmer wissen wenns Zwelfe wird. Man wollt ihn schon verbrennen, so gut Steine halt brennen.
Ja, genau so muß es gewesen sein. Vipiteno Centrale ein sakraler Raum. Der Zwölferturm ein angrauchter Kirchturm.
Bin schon auf die Station Franzensfeste neugierig. Dort sieht man wahrscheinlich die Arena von Verona, die man erst abreißen mußte, um für den Bahnhof Platz zu schaffen.