Erinnerung an die Brennerbahn – Das Leid mit den Tunnelportalen
Nachdem der letzte Kupferstich im Erinnerungsalbum so gar nichts mit der Brennerbahn zu tun hatte, geht es heute wieder zurück zu den Wurzeln und zwar mit voller Bewunderung für die beeindruckenden Leistungen des alpinen Bahnbaus.
Im Mittelpunkt stehen erneut die Tunnelarbeiten, ein zentrales Element beim Bau der Brennerbahn. Wie so oft im hochalpinen Gelände prägen sie das Bild: Eingebettet in eine dramatische Bergkulisse sind gleich zwei Tunnelportale zu erkennen, die sich ihren Weg durch den Fels bahnen. Es ist genau diese Mischung aus technischer Meisterleistung und wilder Natur, die den Reiz solcher Darstellungen ausmacht.
Doch der Kupferstich wirft auch Fragen auf. Tief unten im Tal sind einige Häuser zu sehen, aber handelt es sich dabei tatsächlich um einen Ort? Oder sind diese Gebäude lediglich eine künstlerische Interpretation, vielleicht sogar reine Ausschmückung?
Überhaupt stellt sich die Frage, wo genau wir uns hier eigentlich befinden? Ist es ein realer Abschnitt der Brennerbahn oder eher eine idealisierte Darstellung, wie sie im 19. Jahrhundert nicht unüblich war?
Vielleicht erkennt ja jemand von unseren Leser*innen diesen Ort oder hat eine Idee, welcher Streckenabschnitt hier dargestellt sein könnte?
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Ph-A-24611-13)
Und wenn es sich um die Häusergruppe von Pontig(g)l handelt, in deren Gebiet die Brennerstraße jene steilen S-Kurven macht?
Rampold „Eisacktal“, Athesia 1973:
„Noch ein gutes Stück südlich von Brennerbad ist der Brennersattel eine nahezu ebene Talfurche; dann beginnt das früher mit Recht gefürchtete starke Gefälle von SCHELLEBERG, in alten Berichten auch die YBL KÖR (üble Kehre)genannt. Das Straßenstück war vor allem im Winter häufig durch Fernlaster blockiert, so daß die Staatsstraße dort neuerdings (seit 1965/66) in einer gewaltigen Serpentine verläuft, an deeren südlichem Beginn das alte Straßengasthaus P O N T I G L liegt (in dem Holzmann ein „ponticulum“, also eine Brückenstelle der Römerstraße) sieht.
1916/17 ging hier vom Hühnerspiel eine gewaltige Lawine nieder, die das ganze Tal abriegelte und ihre Schneemassen noch bis zur jenseitigen Eisenbahnlinie hinaufschleuderte.
Tief unter uns in unzugänglicher Schlucht rauscht der Eisack, am rechten Talhang ober ihm zieht die Eisenbahnlinie (zwei kurze Tunnels) durch.
Auf der Südrampe dürfte Pontigl vermutlich die einzige Stelle sein, an der zwei Tunnel erhhöht über dem Tal liegen. Dennoch muss man auch hier einiges an künstlerischer Freiheit akzeptieren, denn die alte Strecke verläuft dort nicht über Schluchten, sondern entlang eines bewaldeten Hanges.
Damit kämen allerdings auch zwischen Innsbruck und Matrei mehrere Stellen infrage, die der Künstler hier verewigt haben könnte.
Interessant ist zudem das künstliche Gerinne, das eher an den Überlauf eines Wasserschlosses erinnert – also gewissermaßen an das Gegenteil einer Wildbachverbauung. Beides schien mir bisher jedoch zeitlich deplatziert.
Lt. dem historischen Eisenbahnatlas für Mitteleuropa gab es zwischen dem Bahnhof Innsbruck und der Brenner-Staatsgrenze 14 Tunnel:
https://www.eisenbahnatlas.net/at/tirol/?id=linia&poz=2950
Zwischen Brenner und Bozen werden 9 Tunnel angegeben:
https://www.eisenbahnatlas.net/it/italia/?id=linia&poz=3478
Wenn ich genau genug geschaut und richtig gezählt habe, sind in 11 der 26 Beiträge, die Herr Herbst zum Thema Erinnerung an die Brennerbahn verfasst hat, Tunnel(portale) zu sehen, wobei der Stich mit dem Bergisel-Tunnel zweimal vorkommt. Womöglich ließe sich der eine oder andere, bisher aufgrund der künstlerischen Freiheit noch nicht identifizierte Tunnel, anhand der verlinkten Streckenführung noch erkennen?
Zwischen Schelleberg und Pontigl gibt es zwei Tunnel und einen Bach, der unmittelbar vor einem Tunnelportal herunterkommt und möglicherweise einen Durchlass erfordert. vgl. L. Aegerter, Alpenvereinskarte Brennergebiet 1920 https://hik.tirol.gv.at/?basemap=bm0&scale=9027.977411¢erx=1276028.0098815116¢ery=5935199.818191804¢erspatial=102100&category=Detailkarten_georef&map=383
Sehen wir vielleicht das linke Haus mit der markanten Fensterverteilung in Google? https://www.google.com/maps/place/39041+Gossensa%C3%9F,+Autonome+Provinz+Bozen+-+S%C3%BCdtirol,+Italien/@46.952893,11.4556898,3a,84.6y,9.8h,72.12t/data=!3m10!1e1!3m8!1s8KvA-vwpj-t979-QUVz8dw!2e0!6shttps:%2F%2Fstreetviewpixels-pa.googleapis.com%2Fv1%2Fthumbnail%3Fcb_client%3Dmaps_sv.tactile%26w%3D900%26h%3D600%26pitch%3D17.876276674470773%26panoid%3D8KvA-vwpj-t979-QUVz8dw%26yaw%3D9.80481269146145!7i16384!8i8192!9m2!1b1!2i38!4m15!1m8!3m7!1s0x479d53c169f4f31d:0xdcda2c9a7c0de0a2!2s39041+Gossensa%C3%9F,+Autonome+Provinz+Bozen+-+S%C3%BCdtirol,+Italien!3b1!8m2!3d46.9339747!4d11.4467338!16zL20vMDdxbmNy!3m5!1s0x479d53c169f4f31d:0xdcda2c9a7c0de0a2!8m2!3d46.9339747!4d11.4467338!16zL20vMDdxbmNy?entry=ttu&g_ep=EgoyMDI2MDUxMy4wIKXMDSoASAFQAw%3D%3D
Bingo, Frau Pöll!
Es scheint mehrere – zumindest 2 – Ausgaben mit Stahlstichen dieser Bahnstrecke vom Verlag Max Ravizza gegeben zu haben, mit unterschiedlicher Nummerierung u. Beschriftung. Hier hat das Blatt mit der Abbildung „Schelleberg/Pontigl“ die Nr. 10:
https://www.abebooks.de/kunst-grafik-poster/Tunnels-Schelleberg-Pontigl-Stahlstich-Kurz-Oberm%C3%BCllner/17460655015/bd?srsltid=AfmBOophAAaH3Ce3Qaa4ZO7c3hd-9_3z35x8-suWEGwsP9tuQ_Ky6ebp
Hier ist das ehemalige Bahnhofsgebäude zu sehen:
https://www.komoot.com/de-de/highlight/1679624
Möglich, dass hier genau diese Szenerie festgehalten wurde. Der heute dort wachsende Wald musste damals vermutlich dem Bahnbau weichen.
Am unteren Ende der „Wasserrutsche“ dürfte man sich bei starkem Regen allerdings wenig erfreut gezeigt haben. Wahrscheinlich wurde diese Konstruktion jedoch nicht so dramatisch umgesetzt, wie es die Darstellung vermuten lässt. Logischer erscheint, dass nach dem Durchlass das ursprüngliche Bachbett weitgehend beibehalten wurde.
Jetzt nicht mehr schwierig
Der Maler dieser Blätter, Adolf Obermüllner (* 3. Sept. 1833 Wels, + 29. Okt. 1898 Wien), erhielt übrigens auch den Auftrag die Kronprinz-Rudolf-Bahn zu zeichnen.
Gestochen hat die Motive der Kupferstecher Georg Michael Kurz (* 15. Okt. 1815 Hersbruck, + 8. Jan. 1883 München).
Ein etwas anders gebundenes/beschriftetes Album stellt die Bibliothek der Universität Lodz im www zur Verfügung. Es enthält 24 Abbildungen von Innsbruck bis Bozen. Eine Beschreibung der einzelnen Blätter findet sich im Inhaltsverzeichnis auf Seite 7.
Zwei meiner Kommentar-Versuche scheiterten, ich vermute am mitgelieferten Link, obwohl ich ihn problemlos öffnen konnte. Deshalb nun ohne Link. Falls die Beschreibungen interessieren, meine Suchworte waren Adolf Obermüllner und Brenner. Damit erschien ziemlich rasch die besagte polnische Webseite.