Eine schreckliche Sinnlosigkeit
Ein Leser (und gelegentlicher Kommentator) unseres Forums hat mir vor einiger Zeit ein Foto mit einem tragischen Hintergrund geschickt. In Absprache mit ihm ist folgender Text entstanden. Dieser baut auf Recherchen von Harald Stockhammer, Peter Hellensteiner und Erich Schreder und anderen Forschern, denen ich herzlich danke, auf.
Es geht um das Haus Eichhof 7 in Pradl im Zweiten Weltkrieg. Zunächst hat ein Blick in die Literatur bezüglich Eichhof 7 nichts ergeben. Erst weitere Nachschau in der Kartei der Bombenschadensaufnahmen hat geholfen. Leider haben wir nicht alle Polizei-Rayons, aber der Eichhof 7 war dabei.

Der Leser aus der Schweiz – wohl ein seriöser, älterer Herr – hat zum Titelbild folgende Begebenheit berichtet:
„Dazu wurde uns folgende Geschichte erzählt. Hutter [Die Überprüfung im Adressbuch ergab die Schreibung „Huter“] wohnte im Parterre und hatte auf seinem Schrank, durchs Fenster sichtbar, Marmeladengläser gestellt. Im Hof arbeiteten Gefangene oder Zwangsarbeiter. Einer von Ihnen stahl von der Marmelade. Als es bemerkt wurde mussten alle antreten und der Schuldige sollte sich melden. Als sich niemand meldete wurde mit Erschiessung gedroht. Der „Dieb“ sprang unter die Räder eines vorbeifahrenden Lastwagen und starb.
Was an dieser Geschichte wahr ist kann ich nicht sagen. Aber es wurde mir und meinen Freunden damals so erzählt.
Irgendwie habe ich auch davon gehört, dass in diesem Zusammenhang 2 Todesurteile im Lager Reichenau vollstreckt wurden.
Kurz nach diesem Vorfall wurde das Hutterhaus“ durch eine Bombe schwer beschädigt.
Karma kannte man damals noch nicht aber die Leute glaubten an eine gerechte Strafe.“
Das ist halt so eine Sache mit solchen Erzählungen. Ein Kern ist meist richtig. Aber wie kann man die Sache zu klären versuchen? Oder kennt jemand von den Pradler Leserinnen und Leser die Geschichte?
Um der Sache auf die Spur zu kommen, wandte ich mich an die Freunde vom Polizeiarchiv und an freie Forscher.
Relativ schnell konnte ein möglicher Vorfall als mögliche Quelle ausfindig gemacht werden. Es geht um das Schicksal von:
Cyrill Schmutz, 29 Jahre
Leoni Silvam, 31 Jahre
Silvio Orsinger, 20 Jahre
Giusep Di Patena, 28 Jahre
Juri Filipowitsch, 17 Jahre
Iwan Semanatschenko, 17 Jahre
Peter Wetrow, 18 Jahre.
Sie wurden am 16.12. verurteilt und hingerichtet.

In den Unterlagen konnte folgende Aussage des Wachmanns Josef Sepp aufgefunden werden:


Das würde zusammenpassen. Aber. Das Datum der Hinrichtung der genannten Unglücklichen liegt zwei Tage vor dem Bombentreffer auf den Eichhof 7. Laut dem Buch von Michael Svehla wurden die Adressen Eichhof 8, Eichhof 15 und Eichhof 16 beim ersten Angriff getroffen. Eichhof 16 auch beim zweiten Angriff. Eichhof 7 wird nicht angeführt.
Gleichzeitig liegt die Hinrichtung zwei Tage nach dem ersten Bombenangriff auf Innsbruck am 15.12.1943.
Ein paar Gläser Marmelade haben mehrfach hungernden Menschen das Verderben gebracht.
Was ist nun die Erkenntnis aus unseren Recherchen?
Auch wenn es so verlockend ist, es passt nicht wirklich zusammen. Offenbar lagen in Pradl mehrere Baustellen, bei denen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, sehr eng beisammen. Trotzdem befriedigt dieses Ergebnis nicht.
Kennt jemand vielleicht diese tragische Episode und kann weiterhelfen?
Es gibt offenbar noch viel mehr Verbrechen der NS-Zeit. Es braucht weitere Forschungen. Das Einzige, was man den Opfern noch zurückgeben kann, ist die Aufklärung ihres Schicksals und sie dem Vergessen zu entreißen.
Foto: privat