Aus der Chronik der Fischerschule: Schuljahr 1945/46 (2)
Nach seinem Rückblick auf die Bombardierungen protokolliert Anton Strobl den Sommer und Herbst 1945, der vor allem mit Aufräum- und Reparaturarbeiten zugebracht wurden, um einen Schulbetrieb zu ermöglichen:
Ende Juni 1945 kehrte ich aus der Gefangenschaft zurück und bald darnach wurde ich beauftragt, mich des Schulhauses etwas anzunehmen. Ich fand das Schulhaus in einem noch verwahrlosterem Zustand und völlig ausgeplündert vor. Was nicht niet u. nagelfest war, wurde gestohlen. Man machte sich bereits über die Fußböden her. Im Keller und in den 2 Klassenzimmern im Parterre hatte sich die Papierhandlung Brenner breitgemacht. Im 1. Stock war eine Skiwerkstätte des Verkehrsvereines und ein Sprachkurs untergebracht. Somit waren die einzigen halbwegs brauchbaren Räume belegt. Es war nun die Aufgabe der Schulleitung, das Haus freizubekommen und für das Aufräumen zu sorgen. Schulwart stand keiner zur Verfügung. Für diese Stelle wurde von mir der Tischlermeister Hubert Eibel vorgeschlagen. Aufräumerinnen waren keine aufzutreiben. Die Leute hatten Geld genug u. wollten nicht arbeiten!
August 1945: Vom Bauamt war nur wenig Hilfe zu erwarten. Lächelnd wurde mir erklärt, das Schulhaus sei nicht mehr verwendungsfähig. Ich war anderer Meinung und beschloß nun mit eigenen Händen den Schutt zu entfernen. Die Lehrpersonen Knab Gottfried und Anna Hammer halfen kräftig mit. Mit Kübeln trugen wir den Schutt u. Schmutz in den Hof, suchten überall die brauchbaren Fensterrahmen und Türen zusammen und hängten sie ein. Später kamen zur Mithilfe 8 Studenten. Ende September war das Haus schuttfrei. Zum Entfernen des Kotes aus den Abortschalen war niemand aufzutreiben und so mußte ich es selbst tun. Nun war auch Bau- und Schulamt zu überzeugen, daß das Haus wieder zur Not als Unterrichtsstätte verwendet werden könnte. Man dachte nun doch daran, das Dach decken zu können.
26.9.1945: Ergebnis der Ein- und Nacheinschreibung: I. Kl. 83 Schüler, II. Kl. 39 Schüler, III. Kl. 54 Schüler, IV. Kl. 40 Schüler – 216 Schüler. Wegen der schweren Beschädigung des Schulgebaudes in der Speckbacherstraße mußten de Mädchen in der Haspingerschule untergebracht werden. Die Mädchenschule erhielt 5 Klassenzimmer zugewiesen.
1.10.1945 Die meisten Schulen Innsbrucks konnten an diesem Tage mit dem Unterricht beginnen. Hier war dies noch nicht möglich, weil die Wasserleitung und die Abortanlagen noch nicht benützbar waren.
9.10. In gemeinsamer Arbeit mit den Lehrpersonen der Fischerschule wurden die Klassenzimmer ausgekehrt, die Schulbänke aufgestelt und gereinigt.
11.10. Endlich erhielt die Schule einen Schulwart und zwar Eibel Hubert.
14.10. Trotz wiederholter Bitten wurde das Haustor nicht hergerichtet und so konnten in der Nacht ohne jede Behinderung 3 Fensterflügel mit 9 ganzen Scheiben gestohlen werden. Beim Mangel so vieler Scheiben war das ein fast unersetzbarer Schaden. In der Zeit vom 11. bis 14.10. wurden vom Schulwart, unterstützt von den Lehrpersonen, die offenen Fenster mit Holzfaserplatten vermacht.
15.10. Unterrichtsbeginn an unserer Schule. Lehrkörper: Alois Habtmann Schulleiter (noch in der Gefangenschaft), Anton Strobl Stellvertr. des Schulleiters, Gottfr. Knab, Imelda Haberl, Anna Hammer, Margarethe Krenn. Pater Gerlach ist Katechet. Die Konferenz beschloß die Einführung des Schulgebetes.
11.11. Nun ist auch die Heizung wieder verwendbar. Bisher mußte in den äußerst kalten Räumen unterrichtet werden.
23.12. bis 13.1. Weihnachtsferien
(Bild: Stadtarchiv Innsbruck, Ph-14774; Text: Stadtarchiv Innsbruck, Archiv der VS Fischerstraße 22.13.01.03 Schulchronik, 4. Buch Knabenschule bzw. Volksschule Haspingerstraße, Wilten, Schuljahr 1945/46 – 1983/84).
Mir scheint, da sind 2 Namen dabei, bei denen es die Höttinger „reißen“ wird:
1) Gottfried Knab – später (1955) Lehrer (und Schulleiter) Knabenvolksschule Leopoldstraße –
und – wie ich mich dunkel erinnere – auch Initiator der Sommerferienaufenthalte in Wildmoos und
2) HH Gerlach Voigt, OPraem, langjähriger Pfarrer in Hötting…
Aber unvorstellbar, was damals – mit improvisierten Hilfsmitteln!!! – alles geleistet werden mußte.
Das alles bei unzulänglicher Lebensmittelversorgung.
Nein, wer das nicht mehr selbst miterlebt hat, kann es sich nicht vorstellen.
Mich hat es auch „gerissen“, einiges hat sich ja später in der Haspinger(knaben)schule fortgesetzt. Den Herrn Dir. Strobl hab ich schon al persönlich bekannt erwähnt, jetzt taucht der Name unseres Schulwarts Eibel auf, der in der Haspingerschule untergebracht war, links ging es hinauf zu den Schulklassen, recht ein paar Stufen hinauf zu einer Tür mit dem Namenschild Eibl. Ich (und alle anderen Schüler auch) glaubte, dass dies die Wohnung des Schulwartswäre. Im Adressbuch scheint er einmal als Schulwart in der Lobachsiedlung 43 auf, und dann nochmals als Schulwart i, P. 1970 an der gleichen Adresse, 1976 dann ein paar Häuser weiter auf Nr. 31. Dazwischen keine Adresse. Dienstwohnungsbewohner fielen da durch den Rost des Adressbuchs, wie es scheint. Habel selber war ein vielleicht auch nur aus der Knirpsperspektive großgewachsener Mann, immer im grauen Staubmantel, der anläßlich der täglichen Lieferung des Metallgittertragerls mit den kleinformatigen Schulmilchflaschen und einer Strohhalmpackung in der ersten Stunde hereingescheppert kam. Selten, aber durch brachte er der Lehrerin, Frau Maria Pechlaner, ein Rundschreiben zum Vorlesen, z.B. die Prozessionsordnung zu Fronleichnam oder höchst selten, der Ausfall eines Schultages. Wir hatten z.B. noch am Johannestag, 24. Juni, frei.
Ein weiterer mir bekannter Name war der der Frau Imelda Haberl, die ich als streng und gleichzeitig ulkig in Erinnerung habe. Die erste und einzige Person des Lehrkörpers mit Auto, fama est. Könnt schon sin, immerhin wohnte sie in der Peter Mayr Straße. 1970 taucht ihr Name das letzte Mal im Adressbuch auf.
Zu Herrn Strobl noch ein Nachtrag: Er scheint die ganze Zeit in Zirl gewohnt zu haben, in einschlägigen Gemeindeblättern wird er als Organist, Leiter des Kirchenchors und generell künstlerisch veranlagter Mitbürger erwähnt. Tägliches Berufspendeln? Mit der Bahn zu Westbahnhof war wahrscheinlich dem Postauto vorzuziehen, welches über die Kranebitter Allee in die Stadt fuhr.
Zwischen der Mädchenschule in der Fischerschule und der Haspingerschule stand bis 1955 ein alter Turnsaal, der, als ich in die zweite Klasse ging, ratz-fatz abgerissen wurde. Der Neubau für beide Schulen brauchte alle drei restlichen Schuljahre um zum Staunen der Schüler langsam emporzuwachsen. Wir hatten daher nur Schulbankturnen und Spazierengehen.
Das sind alles Berichte aus einer Zeit, die schon ein Jahrzehnt von den im Beitrag geschilderten Verhältnissen entfernt liegt, als die Mädchen geradezu nichtsahnend in eine wieder errichtete Schule gehen konnten. Laut Bombentrefferplan hat es auch die Haspingerstraße arg erwischt, aber die Schule war laut Strobl zumindest als Ausweichlokal für die Mädchen geeignet.
Bei der Erwähnung Ihrer Lehrerin hat’s jetzt mich gerissen. Kurz zu Ihrer Person:
Maria Pechlaner wurde am 3. August 1894 in Innsbruck geboren. Sie war die Tochter des Sparkassenbeamten Otto Pechlaner (1857–1914) und seiner Ehefrau Elisabeth von Egger-Marienfreyt (1874–1962), die beide aus Innsbruck stammten. Die Familie wohnte in der Fallmerayerstraße 2. Maria war als Lehrerin tätig und verstarb am 1. Mai 1972 in Innsbruck. (Westfriedhof Feld D Grab 86-87)
Bekannt war ihr Großvater der umtriebige Alois Pechlaner geb. 22.1.1815 in Bozen, gest. 2.11.1870 in Innsbruck.
Er war u.a. Papierfabrikant in Imst und Innsbruck und befasste sich intensiv mit der Zucht von Seidenraupen in Mühlau , wo dieser Wirtschaftszweig seit der Zeit Maria Theresias eine gewisse Rolle spielte. Nach einer durch die Kriege um 1800 bewirkten längeren Unterbrechung wurde 1849 ein Neuanfang gemacht. Da keine eigene Spinnanstalt zur Verfügung stand, wurden die Kokons nach Südtirol verkauft. 1855 gründete Johann von Schmuck den nordtirolisch-vorarlbergischen Seidenbau-Verein , der am 13. August 1856 seine Statuten erhielt. Alois Pechlaner stand diesem Verein vor.
Der Famlienzweig ist nach Otto im Mannesstamm erloschen.
Von Seidenraupen war hier schon mal zu lesen:
https://innsbruck-erinnert.at/map-stories-olympia-der-spinner/
Da meine Eltern und eine Großmutter ebenfalls am Westfriedhof begraben sind, komme ich auch hin und wieder an dieser Grabstätte vorbei. Eine schlanke Säule mit einer Mariendarstellung und entsprechender Inschrift.
Unter den Verstorbenen ist auch der Name Gerstenberger zu finden. In Erinnerung ist mir ein in Barcelona verstorbener Willi Gerstenberger. Frau Pechlaner ist nach ihrer Schilderung zur Beerdigung per Flugzeug angereist. Das war bald einmal nach Schulbeginn und wir wurden von einer Aushilfe unterrichtet. Oder hatten wir einfach frei?
In der Wohnung in der Fallmerayerstraße war ich zweimal. Einmal zur Generalprobe eines Krippenspiels, und einmal hab ich sie als Mittelschüler besucht. Sie war da auch schon in Pension und zeigte mir Entwürfe ihres Projekts, es ging da um eine mir nimmer näher erinnerliche Verbindung der Universitäten von Uppsala und Innsbbruck.
Mit dem Bildhauer Hans Pontiller bekannt, schuf dieser eine Büste von Maria Pechlaner. Ich glaube, sie war in ihrer Wohnung aufgestellt.
Lieber Herr Hirsch. Ich finde interessant dass Sie Kontakt zu Frau Maria hatten. Selbst habe ich leider erst spät von diesem Famlienzweig aus unserem Familienbuch erfahren. Ich weiß zwar nicht, wer sich dieses außer uns anschaffen sollte, aber zumindest theoretisch ist es käuflich zu erwerben.
https://lehner.buchkatalog.at/mehr-als-acht-generationen-die-traditionale-und-die-moderne-welt-im-spiegel-der-familie-pechlaner-vom-ritten-9783703004643
Der Flug nach Barcelona hat sich bestimmt so abgespielt wie Sie es schildern.
Maria P. hatte drei Schwestern. Theodolinde blieb wie Maria ledig. Edith heiratete Willi Gerstenberger (geboren 1891 in Prag), verstarb jedoch bereits ein Jahr später im Alter von nur 26 Jahren. Wilhelm Gerstenberger heiratete daraufhin im Jahr 1927 Elisabeth, die jüngste der Schwestern. Er verstarb am 21. Oktober 1954 in Barcelona
Das ist wirklich spannend, dass Sie so lebhafte Erinnerungen an diese Personen und Orte haben, die für mich lediglich ein Chronikeintrag sind. Danke für Ihre Kommentare!