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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Die Waggonbewohner:innen #12

Die Waggonbewohner:innen #12

Die glücklose Lotterie

Letzte Woche hat Markus Wilhelm das obenstehende Los im Stadtarchiv vorbeigebracht, das man 1924 um wohlfeile 10.000 Kronen erwerben konnte. Zehntausend, das war dann auch der offizielle Umrechnungskurs am Ende dieses Jahres, als man für diesen Betrag genau 1 Schilling bekommen würde.
Herausgeber des Loses war der legendäre Verein für Obdachlose und Wohnungssuchende in Innsbruck mit seinem phänomenalen Obmann Alfred Dragoni. Dieser gab die hier schon öfter zitierte Zeitschrift „Der Obdachlose und Wohnungssuchende“ für etwa ein Jahr alle 14 Tage heraus; in unserer letztjährigen „Suche Wohnung!“ Ausstellung hatten wir das Original der einzigen vollständigen Sammlung aller Ausgaben aus der Bibliothek des Ferdinandeums ausgestellt und zur Schonung des großformatigen Kleinods alle paar Wochen umgeblättert.

Mit auf der Los-Vorderseite, die als letztes Abgabedatum den 24. November 1924 nennt, stehen als Lotterie-Komitee Tischlermeister Josef Kößler und Rudolf Dallagiovanna, Bundesbahn-Adjunkt und Oberhaupt einer siebenköpfigen Familie. Auf der Heimatrechts-Karte steht als Adresse trocken: Hauptbahnhof Waggon.


Von der Lotterie ist in der Zeitschrift Der Obdachlose viel die Rede. Die oben zu sehende Vorderseite hat als Ziehungstermin den 24. April aufgedruckt, der doppelt überstempelt zunächst auf den 1. Juli und dann auf den 24. November verschoben wurde. Beim Studium der Rückseite des Loses kommt man schon ein wenig ins Träumen. Die genannten „Effekten“, so etwas wie Tombola-Preise statt Geld, klingen pragmatisch. Fünf ganze Zimmer, dann vom Mobiliar bis zum nützlichen Gesbrauchsgegenständen. Ob nun Gewinnste die richtige Mehrzahl von Gewinn ist, müsste man beim Zwiebelfisch erfragen, wenn er noch erschiente.


An die beiden ans Stadtarchiv überantworteten Lose war ein Begleitbrief geheftet, der nun schon eher Stirnrunzeln beim Autor dieser Zeilen verursachte: Offenbar waren beide Lose ohne jede Bestellung an bekannte Persönlichkeiten des Landes versendet worden, hier an einen Herrn Riml in Sölden. Die Lose blieben ungültig, so lange man sie nicht bezahlte. Ähnliche Keiler-Manöver kennt jede:r Selbstständige aus der Vorweihnachtszeit: Ein 12er Pack Weihnachtskarten wird verschickt, mit der Bitte doch dem Freundeskreis der einen oder anderen karitativen Organisation beizutreten. In jedem Fall wirken diese Marketing-Tricks heute genauso verzweifelt wie damals. Im Langschreiben wird ausführlich auf die Innsbrucker Wohnungsmisere verwiesen, auch eine Statistik der Waggonbewohner:innen ist dabei: 81 Familien sollen es allein in Innsbrucker Waggons sein, plus 184 Familien in ungeeigneten und unhygienischen Notbaracken.


Die hier mitgenannten Funktionäre Josef Unterwurzacher (aus Innsbruck, gebürtig aus Osttirol, mit Frau und 12 Kindern) und Alexander Wanker (aus Innsbruck, geboren in Fulpmes, mit Frau und 5 Kindern) waren im Vorstand des Vereins der Obdachlosen. Aus dem Vorstand berichtet die gleichnamige Postille auch zum mühsamen Verlauf der Lotterie. Kurzfassung: Sie war in Summe ein Minusgeschäft. Zu wenig Lose verkauft, die Spesen überstiegen die Einnahmen. Im Juli wird, wie schon im April, die Ziehung abgesagt bzw weiter verschoben. Am 24. November 1924 findet sie dann statt, zwei Waisenkinder ziehen die Haupttreffer. Noch Monate später beschweren sich in diversen Zeitungen Leserbriefschreiber über Mahnschrieben für nicht bestellte und daher nicht bezahlte Lose. An diesem so hehren Gewinnspiel klebte das Pech. Die Zeitung wurde eingestellt. Das Musterhaus, das der Verein errichten wollte, blieb ein frommer Wunsch. Nach und nach schaffte es hingegen die österreichische Bundesbahn, für ihre auf den Schienen der Inflation und der Wirtschaftskrise stecken gebliebenen Mitarbeiter:innen bessere Wohnungen zu finden oder neu zu errichten.

Link: Alle Artikel der Waggonbewohner:innen-Serie

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