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8 Monate Anno 1902 (13)

8 Monate anno 1902 (13)

Der heutige Ausschnitt aus Maries Tagebuch untermauert meine persönliche subjektive Wahrnehmung, dass das Wetter zu Ostern gerne schlecht und mit Vorliebe winterlich ist. Während mir das eher ein Ärgernis ist, kommentiert Marie wohl in einem bislang seltenen Anflug von Ironie, dass es „vielleicht zum Glücke Vieler“ sei, wenn sich das schlechte Wetter am Ostersonntag wenig für Ausflüge eignet. Das heutige Titelbild zeigt übrigens ganz links die heutige Wilhelm-Greil-Straße 14 (damals Karlstraße 14), wo Marie lebte und 1902 wohl gemütliche Ostertage im Kreise von Familie und Freunden verlebte. Das Haus gehörte ihrem Onkel Nikolaus Posch. Der Garten samt Kirschbaum ist bei uns leider nicht fotografisch dokumentiert…

29. März, Charsamstag. Auch heute Regen. Bis 9 Uhr blieb ich in der Hofkirche, wo ich der Feuerweihe und dem Amt bis nach dem Gloria beiwohnte, worauf ich zur französischen Stunde eilte. Zur Auferstehung heiterte es sich auf; wir giengen alle um 4 Uhr. Nach derselben schickte Frl. Ghedina den neuen Namenstagrock.

30. März 1902. Ostersonntag.
Kein lachend blauer Ostermorgen breitete sich heute über das Thal; trüb und kalt war’s, Schnee und Regen fiel auf die menschenbedeckten Strassen. Nur im Herzen der Gläubigen konnte darum das Alleluja dennoch wiederklingen. Ich wohnte um 9 Uhr in der Universitäts-Kirche dem feierlichen Hochamt bei, dann gieng ich eilig heim. Nachmittags hörte es wohl auf zu regnen, doch wehte ein kalter Wind. Wir giengen unsern gewöhnlichen Weg u. kehrten dann in der Hofkirche zu. Auf den Wegen war fast kein Mensch zu erblicken; das schlechte Wetter war auch zu einem Ausflug wenig einladend, vielleicht zum Glücke Vieler! Vormittags kam Herr u. Fr. Wollek, gute Feiertage wünschen. Ich schrieb gestern der l. Mama zu ihrem Namenstag, dann an Frl. Elsperger, Wagner, Ausserer Elise u. Margrethe.

31. März 1902. Ostermontag.
Heute früh nahte ich mich dem Tisch des Herrn, dann gieng ich in den academischen Gottesdienst. Das Wetter war fast noch schlechter als gestern, doch nachmittags hellte sich der Himmel etwas auf.

1. April, Osterdienstag. Morgens auch schlechtes Wetter, nachmittags Sonnenschein. Als wir vom Spaziergang zurückamen [sic!], erwarteten mich Louise Faistenberger und Hilda. Sie tranken bei mir Kaffee; alsdann giengen wir in den Garten, wo ich beide photografierte u. zwar unterm Kirschbaume. Um ¾ 4 Uhr verabschiedeten sich meine beiden Gäste, worauf wir Mandolinestunde hatten. Zum Abendtisch war heute auch Madame Orieux geladen, welche bis 10 Uhr bei uns blieb. – Da heute der 1. April ist, spielte ich Margreth einen Scherz u. schrieb[?] einen Brief von ihrem Bruder Doni an sie.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling); Bild: Ph-6968.

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Dieser Beitrag hat 20 Kommentare
  1. Der Hinweis auf die Karlstraße 14 ist sehr interessant. Laut dem Hausbesitzerverzeichnis im Adressbuch von 1904 gehörten sowohl das Eckhaus Karlstraße 14 als auch das Haus Landhausstraße 7, heute Meraner Straße 9, dem Onkel Nikolaus Posch.
    Im gleichen Haus Karlstraße 14 wohnten auch Herr Ignaz Wollek und seine Frau Georgine als Mietpartei. Damit dürfte die Identität der geheimnisvollen Frau Wollek als unmittelbare Nachbarin geklärt sein.

    1. Gekauft hat Onkel Posch diese beiden Häuser übrigens im Jahre 1890. Die Innsbrucker Nachrichten vom 29. April 1890 berichten:

      (Besitzwechsel.) Die Werner’schen Häuser in der Landhaus- und Karl- ­
      straße sind durch Kauf in den Besitz des Herrn Nikolaus Posch, Privat
      dahier, übergegangen.

  2. Auf dem wunderbaren Titelfoto sieht man im Parterre des Hauses Karlstraße 14 interessanterweise das Wäschegeschäft des Paris Ravanelli.

    Dazu folgender Mosaikstein:

    Dieser Herr Ravanelli war mit Anna Posch verheiratet und damit möglicherweise ein Schwager von Nikolaus Posch. 1892 bekam die Eheleute Paris und Anna eine Tochter Valentina Ravanelli.

    1. Lieber Herr Auer! Was Sie alles finden, sensationell! Das ist immer wieder eine Freude! Zu diesen Mosaiksteinen habe ich nun noch etwas nachrecherchiert: Paris Ravanelli heiratete Anna Edle von Posch am 6. Oktober 1878 (http://data.onb.ac.at/ANNO/ibn18781008?query=%22Posch+Ravanelli%22%7E10&ref=anno-search). Am 22. März 1880 wurde Tochter Maria geboren (http://data.onb.ac.at/ANNO/ibn18800415?query=%22Posch+Ravanelli%22%7E10&ref=anno-search), am 14. Juli 1883 Sohn Oswald (http://data.onb.ac.at/ANNO/ibn18830810?query=%22Posch+Ravanelli%22%7E10&ref=anno-search). Die von Ihnen erwähnte, im Februar 1892 geborene Valentina starb bereits 8 Stunden später (https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ibn&datum=18920217&query=%22Posch+Ravanelli%22~10&ref=anno-search&seite=12).
      Am 29. Jänner 1910 starb eine 29-jährige Kaufmannstochter Helene Ravanelli, die wäre dann 1881 geboren worden, das würde auch passen (https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ibn&datum=19100120&query=%22Posch+Ravanelli%22~10&ref=anno-search&seite=6). Anna Ravanelli starb am 16. September 1939, hier dann die noch lebende Familie (https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ibn&datum=19390918&query=%22Posch+Ravanelli%22~10&ref=anno-search&seite=8). Das war jetzt nur die Suche nach Posch+Ravanelli…

      1. Gerne, lieber Herr Bürgschwentner! Es ist immer wieder spannend, welche Details und Zusammenhänge anhand einer einzelnen Postkarte oder eines Fotos als „Initialzündung“ zu Tage kommen.

        Zuerst habe ich den Schriftzug auf dem Titelfoto ja als „Paris Patisserie“ gelesen, was meine Neugierde geweckt hat. Bei den ersten Recherchen hat sich dann rasch herausgestellt, dass es „Paris Ravanelli“ heißen muss. Alles weitere hat sich dann wie ein Puzzle Steinchen für Steinchen zusammengefügt.

        Sehr interessant ist der Hinweis, dass Anna Ravanelli eine geborene Edle von Posch war. Vielleicht sind die Edlen von Posch ja ganz weitläufig mit der Familie des Nikolaus Posch verwandt. Beide Familien stammen nämlich aus Hall. Wenn es einen verwandtschaftlichen Zusammenhang zwischen den bürgerlichen und adeligen Posch gibt, so dürfte ihn Marie Grass-Cornet wohl in ihrem familiengeschichtlichen Buch über die Nordtiroler Bürgerkultur erwähnt haben.

        Vielen Dank auch für die Heiratsnotiz aus den Innsbrucker Nachrichten. Im Traubuch von Innsbruck-St. Jakob findet sich die Ehe Ravanelli-Posch in der Tat am 6. Oktober 1878:
        Demnach wurde Paris Ravanelli 1840 in Lavis/Trentino geboren, er war bei der Übersiedlung des Geschäfts in die Karlstraße 1909 somit bereits 69 Jahre alt.
        Anna Edle von Posch wurde 1853 in Hall geboren. Ihr Vater war Josef Edler von Posch, k.k. Forstrat.

    1. Das Reisebüro Hermann Hueber am Margarethenplatz 1 findet sich in den Innsbrucker Nachrichten bereits ab dem Jahre 1910. Sehr wahrscheinlich ist es rechts am Foto zu erkennen. Die drei Buchstaben „Her…..“ deuten fast sicherlich auf den Schriftzug „Hermann Hueber“ hin.

      Als Speditionsbetrieb findet sich die Firma Hermann Hueber bereits im Gewerbe-Adressbuch von 1899, das Reisebüro scheint demnach erst in den Jahren danach gegründet worden zu sein.

      1. Danke, Herr Auer! Auf Grund der Aufschrift „Hamburg-Amerika Linie“ und der drei Anfangsbuchstaben habe ich mir auch schnell gedacht, das könnte das Reisebüro Hermann Hueber sein, obwohl ich dem Gefühl nach eher geglaubt habe, es war etwas weiter rechts angesiedelt! Ich war überrascht, dass es diese Firma schon so lange gegeben hat! Hier habe ich 1957 mit meinem ersten gesparten Geld meine erste Griechenlandreise gebucht!

          1. Von dieser Postkarte gibt es interessanterweise noch eine retuschierte Variante mit einem etwas größeren Bildausschnitt.
            Auf dem Titelfoto sieht man die Schriftzüge
            „Ernst Margreiter / Hamburg-Amerika-Linie / Her…..“

            Auf der mir vorliegenden Postkarte sieht man hingegen die Schriftzüge
            „Café Lehner / Schuhwarenlager / Hermann Hueber“

            Die Personen und die Kutsche sind auf beiden Postkarten genau gleich, man hat also die Geschäftsschilder per Retusche ausgebessert.
            Auch die Kolorierung ist auf beiden Varianten in etwas unterschiedlichen Farbtönen gehalten, was für eine spätere Neuauflage der Postkarte spricht.

          2. Ja, Herr Roilo, in den späteren Jahren war die Firma Hueber in der Tat weiter rechts.

            In der Zeit um 1900 war das Geschäftslokal spannenderweise jedoch weiter links, wie man auf diesem sehr alten Foto aus dem Rijksmuseum in Amsterdam nachschauen kann, zum Vergrößern einfach auf das Foto klicken, die Bildqualität ist exzellent:
            https://www.europeana.eu/de/item/90402/RP_F_2007_358_71

          3. Es geht weiter, Herr Auer! Habe noch ein Bild gefunden – schon 1925 war das Reisebüro Hueber anscheinend ganz rechts!
            https://postimg.cc/crS2YTyk
            Dieses Bild hatte „Arenas“ in einem Beitrag (ich weiß aber nicht wann) in „innsbruck erinnert“ eingestellt. Komisch nur: Zweimal habe ich schon diesen Kommentar gesandt (vorgestern und gestern), das Stadtarchiv mag ihn aber nicht! Ich versuche es halt nochmals!

        1. Das Eckhaus hat im Weltkrieg einen Bombentreffer abbekommen. Hueber ist wohl damls ins Nachbarhaus umgezogen.

          Die Kunden der Hamburg Amerika Linie dürften teilweise ein interessantes Lebn vor sich gehabt haben. Zum Teil wohl auch neue Mühsal.

  3. Ich bin wirklich beeindruckt, was auch bei diesem Foto ausgegraben, recherchiert und kombiniert wird!

    Auf einer alten Traueranzeige habe ich die Adresse „Margarethenplatz 616“ gefunden. Bei allem Lokalpatriotismus kommt mir diese HNr doch sehr hoch vot. Gibt es ein Verzeichnis, mit welchem man eine solche Adresse noch „übersetzen“ kann?

    1. Ja, das wäre interessant, ob es so ein Hausnummernverzeichnis gibt.

      Das muss eine sehr alte Traueranzeige sein, weil man die Adresse Margarethenplatz 616 in den Zeitungsarchiven z.B. in den 1860er- und frühen 1870er-Jahren findet.

      In den Zeitungen heißt es „Margarethenplatz Nro. 616 im Mair´schen Hause“.
      1862 wird ein „Mair´sches Eckhaus an der Sill“ erwähnt, das wäre dann der Sillkanal.
      1887 kauft Johann Kreid das dem Baumeister Mayr gehörige große Wohnhaus am Margarethenplatz um es in ein Hotel umzubauen. 1891 wird das Hotel Kreid eröffnet. 1931 wird anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums sogar eine Festschrift herausgegeben.

      Wenn man diese Angaben kombiniert, könnte man das Haus 616 möglicherweise mit dem späteren Hotel Kreid identifizieren. Felsenfester Beweis ist das natürlich keiner, aber vielleicht ein Anhaltspunkt für weitere Recherchen.

      1. Ich bild mir ein, dass ich mal gelesen habe, dass die Hausnummern ja früher nach Theresianischem Kataster einfach durchnummeriert waren, und die Straßennummern erst viel später gekommen sind. Hätte zwar auf 1860er bis 1880er sowas getippt, aber kann auch 1900er dann sein…?

  4. Vielen Dank, Herr Auer, für die wertvollen Informationen – und Gratulation an Herrn Haisjackl zur Schätzung!

    Hintergrund ist die Familie meines Urgroßonkels, welche 1865 in das Haus Margarethenplatz 616 eigezogen sein dürfte.
    Erst nach Ihrer Antwort habe ich gesehen, dass auf einer Todesanzeige von 1878 dann plötzlich Margarethenplatz 3 steht.
    Angeregt durch Herrn Haisjackl habe ich dann den Artikel in den „Innsbrucker Nachrichtern“ vom 9.6.1874 über die Umstellung der Hausnummern gefunden. Seit 1923 also: Bozner Platz 3.

    Offenbar hat mein Urgroßonkel nach dem Verkauf an Johann Kreid 1887 das Haus verlassen müssen und ist 1897 in der Bahnstraße 4 (heute: Brunneckerstraße) oder Adamgasse 4 verstorben.

  5. Lieber Herr Engelbrecht! Herr Haisjackl hat recht, die offizielle Hausnummerierung in Innsbruck basierte bis ins späte 19. Jahrhundert weitgehend auf dem Maria-Theresianischen Steuerkataster. Die neuen Häuser bekamen je nach Errichtungsdatum eine fortlaufende Nummer, die nichts über den Standort aussagte (deswegen der Zusatz der Besitzer, wie in Ihrem Fall). Weil dieses System lückenhaft und verwirrend war, wurde 1873 die straßenweise Hausnummerierung „nach neuestem Systeme“, dem sog. „Winkler‘schen Nummerierungssystem“ mit ungeraden Nummern links und geraden Nummernrechts beschlossen.

    In den Häuserverzeichnissen knapp vor der Jahrhundertwende sind Adressen und Katasternummern angegeben: Das von Ihnen gesuchte Haus 616 war, wie sie schon herausgefunden haben, Margarethenplatz 3.

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