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8 Monate Anno 1902 (14)

8 Monate anno 1902 (14)

Am Mittwoch nach Ostern verstarb in Hall Oberkaplan Alois Niedermayer, „der unserer Familie fast ein halbes Jahrhundert lang Rathgeber war„, wie die 19-Jährige Marie schreibt. Dass sie am Tag danach noch keine „Bestätigung der Trauerkunde“ erhalten haben will, zeigt entweder, dass sie keine Zeitung las, oder äußerst medienkritisch war. Die „Neuen Tiroler Stimmen“ brachten nämlich noch am Todestag einen ausführlichen Nachruf samt Verkündigung des Begräbnistermins. Und tags darauf berichteten auch die Innsbrucker Nachrichten vom Tod des am 21. Juli 1826 in Dietenheim Geborenen, seine Zeichens „von Waldauf’scher Oberkaplan, Präses des katholischen Gesellenvereines und Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone“ (das ihm im Juli 1901 verliehen worden war). Laut der aus Hall an die Zeitung gesandten Meldung war Niedermayr ein „großer Wolthäter der Armen, allseitig hochgeehrt und das Muster eines katholischen Priesters“ gewesen. Bedauerlich ist, dass Marie selbst „keine Zeit mehr“ hatte, einige ihrer persönlichen „Gedanken hier festzubannen„. Eine weitere Frage, die sich noch stellt: Wer ist die – mit Marie offenbar bekannte – Louise, die den Priester fand?

2. April 1902. Heute war gutes Wetter; ich gieng vor 9 Uhr ungefähr unter den Lauben Mehlwürmer kaufen. Zuhause angekommen erzählte mir Margreth gleich die fast unglaubliche, erschütternde Nachricht, welche Bötin Lisi berichtete, Hw. Herr Oberkaplan, Alois Niedermayr, sei gestorben. Louise wollte ihn wecken, doch da ihr keine Antwort zutheil wurde, öffnete sie die Thür des Schlafzimmers u. musste zu ihrem Schrecken den Hw. Herrn todt im Bette liegend finden. Ein Schlaganfall hatte seinem edlen Leben ein jähes Ende bereitet. R. i. P.

3. April. Da bis heute vormittags keine Bestätigung der Trauerkunde uns zukam, begannen wir fast an deren Wahrheit zu zweifeln. Doch wieder war es Bötin Lisi, welche uns Freitag als den Begräbnistag ankündigte. Also ist es wirklich wahr! – – Vormittags giengen die liebe Tante Anna und ich zum Zahnarzt, Herrn Dr. Cappus, welcher mir einen Zahn plombierte u. die andern putzte, was mich fast zu Thränen gerührt hätte. Als wir nach 11 Uhr nach Hause kamen, war dort die liebe Martha indessen angelangt, mit der ich gleich in den Garten gieng, um sie [mit der Kamera, Anm. JB] aufzunehmen. Sie war mit meinem rothen Sonnenschirm vor dem Gartenhäuschen stehend, einen Blumenstrauß in der Hand, von der Lenzsonne umlichtet.

4. April, Freitag. Nicht zu schnell wird sich der heutige Tag in meinem Gedächtnis verwischen; nachmittags nämlich fuhr ich hinunter in die alte Hallerstadt, doch nicht wie gewöhnlich beseligt meine Lieben, Verwandten und Bekannten wiederzusehen, denen eine andere Pflicht führt mich heute einabwärtes. „Ein“ Wiederseh’n war war [sic!] unmöglich geworden, auf dieser Welt wenigstens, es galt demjenigen die letzte Ehre zu erweisen, der unserer Familie fast ein halbes Jahrhundert lang Rathgeber war; es war heute ja die Beerdigung des Hochwürdigen Herrn Oberkaplan.

Um 2 Uhr nachmittags langte ich mittelst Trambahn in Hall an u. gieng direct zu Familie Bechtold, wo ich bis 3/4 3 Uhr blieb, um dann mit Frau B, Olga und Martha zur Begräbnis zu gehen. Wir stellten uns beim JosefiKirchlein auf u. nachdem der lange Zug der Schulkinder, Studenten, Congregationsmitglieder etc. vorbei war, folgte der Hw. Clerus, dann der schlichte, einfache Sarg, der den ebenso bescheidenen, anspruchslosen Mann bar, dessen Andenken in Hall hochgeehrt ist. „Er war ein treuer Knecht, den der Herr über sein Haus gesetzt hat, darum ist er auch eingegangen in die Freude seines Herrn und „er selbst wird sein übergroßer Lohn sein.“ Leider habe ich keine Zeit mehr, einige Gedanken hier festzubannen über diesen heiligmäßigen Mann und Priester! – Am neuen Friedhof angelangt, wurde der Sarg in das Ehrengrab des Mausoleums gesenkt; die Gesellen sangen ein Grablied, bei dessen Anhören wenig Augen nicht feucht wurden. Bei dem massenhaften Andrang zur Gruft kamen wir erst nach einigem Warten dazu, den üblichen Weihwassergruß hinunter zu träufen. R.i.P. – Ich sah Bianca Diesner, Lisbeth Alpenheim mit Mama, Anna Kraler, einige ThurnfelderZöglinge etc. Dann schritten wir der Stadt zu; ich gieng zu den l. Großtanten u. tröstete sie. Alsdann machte ich in die Pfarrkirche u. blickte auch auf das mir jetzt verwaiste vorkommende Gnadenbild Mariens! – Meinem Versprechen gemäß musste ich nun zu Bechtold wandern u. blieb dort bis zur 6 Uhr Tram, zu welcher mich Martha begleitete. Es waren infolge der Begräbnis sehr viel Passagiere.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling);

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-Pl-1699-6 (Blick auf die Pfarrkirche von Hall mit dem Josefikirchl im Vordergrund, deren Vorgängerbau von Florian Waldauf gestiftet und 1505 geweiht worden war).

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Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Die den Priester betreuende und ihn letztendlich tot auffindende Louise wird wohl die übliche Häuserin gewesen sein, wie sie normalerweise Pfarrern und Priestern bei Bedarf als Köchin, Näherin, Putzerin etc. zur Verfügung gestellt wurde. Haushalt war (ist) Frauensache gewesen, und angesichts der tiefen, aus den Tagebucheintragungen immer wieder hervorstechenden Religiösität der Leute für den Klerus auch zeitlich garnicht bewältigbar.

    Diese tiefe, aktive Religiosität ist für mich aus dem Grund interessant zu lesen, weil mein Großvater aus ähnlicher Zeit ebenfalls Tagebücher hinterlassen hat, aus denen eben dieser strenge Katholizismus ebenfalls hervor geht. Ich hielt ihn für einen etwas bigotten Charakter, mit der Lektüre der Tagebuchseiten ist er aber plötzlich nur mehr eine vergleichsweise milde Ausprägung verbreiteter katholischer Kirchenschwärmerei. Die den Weltkrieg auch nicht verhindern konnte.

  2. Bei der genannten Lisbeth Alpenheim handelt es sich möglicherweise um Lisbeth Helff-Hibler von Alpenheim , welche später als Klavierlehrerin in den Zeitungen genannt wird.
    Die aus einer alten Tiroler Adelsfamilie stammende Mutter der berühmten Fliegerin Hanna Reitsch war ebenfalls eine geborene Helff-Hibler von Alpenheim und damit vielleicht eine nahe Verwandte.

  3. Sehr interessant ist, was für eine große Rolle die Boten und Bötinnen auch hier bei der Verbreitung von Neuigkeiten hatten.
    Bei der genannten „Bötin Lisi“ handelt es sich sehr wahrscheinlich um die Haller Bötin Elisabeth Mutschlechner.

    Die Innsbrucker Nachrichten vom 23. Dezember 1913 berichten:
    „(Eine alte Bötin.) Die allbekannte
    Haller Bötin Elisabeth Mutschlechner, deren
    Redlichkeit und Verläßlichkeit bekannt ist, muss
    infolge ihres Alters und ihrer Gebrechlichkeit,
    sie ist nahezu 70 Jahre alt, den
    bisherigen Dienst mit Ende des Jahres
    ausgeben. Innerhalb der 30 Jahre ihres
    Botendienstes trug sie tausende und tausende
    Zeitungsstücke von der Hauptstadt nach Hall.
    Möchten die vielen Zeitungsleser von Hall
    ihrer gedenken. Denn mit Glücksgütern ist sie
    nicht gesegnet.“

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