Willem zwo hält in Innsbruck
Hätten sich Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelm II. in unseren Tagen getroffen, so gäbe es davon jede Menge bewegte und unbewegte Bilder, hätten doch zweifellos die zahlreichen Schaulustigen mit ihren Smartphones eifrig mitgefilmt und fotografiert. Im November 1889 war das freilich noch ganz anders. Da hatte sich noch nicht einmal ein einzige Fotograf am Innsbrucker Bahnhof eingefunden, um das Treffen der beiden Monarchen zu dokumentieren. Und so mussten dann Zeichner und Illustratoren, wie der deutsche Franz Amling (1853-1894), versuchen, anhand der Presseberichte solche Ereignisse in ein Bild zu verwandeln.
Die Begrüßung der Majestäten erfolgte in der allerherzlichsten Weise. Kaiser Franz Joseph sprang elastischen Schrittes die Stufen des Waggons hinauf; die Majestäten küßten und umarmten einander, Kaiser Franz Joseph küßte der deutschen Kaiserin die Hand, worauf sich die Majestäten in lebhaftem Gespräche in das Innere des Coups begaben. Die Kaiserin zog sich nach einiger Zeit zurück, und die beiden Monarchen blieben allein, in eifrigem Gespräche begriffen. Die Ankunft des deutschen Hofzuges wurde vom Publicum, das in dichten Schaaren den Perron während des ganzen Vormittags besetzt hielt, mit lebhaften Hoch-Rufen begrüßt.
Wiener Abendpost. Beilage zur Wiener Zeitung, 14.11.1889, 1.
Nimmt man diesen offiziösen Bericht als Grundlage, so hat Amling die Begrüßung recht gut eingefangen. Wenn stört es da schon, dass Franz Joseph auf seinem Bild nicht in der Uniform der Tiroler Kaiserjäger (die er an diesem Tag angelegt hatte) zu sehen ist, oder dass die Berge nur mit viel gutem Willen entfernt an die Nordkette erinnern …
Nach dem sich die beiden Kaiser ausgetauscht hatte, begaben sie sich gemeinsam mit der deutschen Kaiserin Auguste Victoria und dem Generaladjutanten Eduard Graf Paar in den Speisewagen, während die Regimentsmusik des k. u. k. Infanterieregiments Nr. 11 unter der Leitung ihres Kapellmeisters Josef Pitschmann am Bahnsteig konzertierte. Nicht einmal eineinhalb Stunden nach seiner Ankunft, setzte sich der deutsche Hofzug in Richtung Unterinntal in Bewegung. Franz Joseph verließ ihn erst in Rosenheim, von wo er mit einem Separatzug nach Wien zurückkehrte. An seine Freundin, die Schauspielerin Katharina Schratt, schrieb er zwei Tage später:
Um 10 Uhr waren wir in Innsbruck, wo ich über eine Stunde am Bahnhofe wartete1, bis der Train mit den deutschen Majestäten über den Brenner eintraf. Als sie kamen, stieg ich zu ihnen in den Waggon und wir conversirten angesichts der sehr neugierigen und offenbar von diesem Einblicke in die wichtigsten politischen Fragen sehr befriedigten Publikums, durch einige Zeit und setzten uns dann in einem Speisewaggon zum Déjeuner, das wir auch angesichts des Publikums zu verzehren begannen. Zum Glück fuhren wir während des Essens [um 12:25 Uhr] ab und ich begleitete die Majestäten bis Rosenheim, wo wir nach 1/2 4 Uhr eintrafen. Das Déjeuner war bös, aber da ich sehr hungrig war, so aß ich mehr als nützlich, außerdem wurde in Kufstein ein Faß frischen bayrischen Bieres in den Train gebracht und angezapft und so habe ich mir etwas den Magen verdorben. Es geht mir aber schon fast ganz wieder gut. Die deutschen Majestäten waren sehr gut aufgelegt und erzählten viel von der Orientfahrt. Auch die politischen Gespräche mit dem Kaiser befriedigten mich vollkommen […]
Jean de Bourgoing (Hrsg.), Briefe Kaiser Franz Josephs an Frau Katharina Schratt, Wien – München 1964, 154.
Wie wäre wohl die Zeichung des „Spezialartisten“ Amling ausgefalllen, hätte er statt der enthusiastischen Presseberichte diesen Brief des Kaisers als Grundlage für seine Zeichnung heranziehen müssen?
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck)
- Über die Ankunft in Innsbruck und die „Wartezeit“ war der Presse folgendes zu entnehmen: „Se. Majestät der Kaiser ist mittelst Hofzuges in Begleitung des Generaladjutanten FML. Grafen Paar, des Flügeladjutanten Majors Freiherrn von Saar und des Ordonnanzoffiziers Hauptmannes Freiherrn von Giesl, nach 10 Uhr Vormittags hier angelangt. Das zahlreich anwesende distinguirte Publicum bildete Spalier und empfing Se. Majestät mit brausenden Hoch-Rufen. Zum officiellen Empfange hatten sich der Statthalter Freiherr von Widmann und der Corpscommandant FZM. Freiherr von Teuchert- Kauffmann eingefunden. Se. Majestät geruhte die beiden Herren huldvollst zu begrüßen und ihnen die Hand zu reichen. Hierauf begab Se. Majestät Allerhöchstsich in den in geschmackvollster Weise in einen Wintergarten verwandelten Hofwartesalon. Se. Majestät, Allerhöchstwelcher auf dem Perron auch die Gemahlin des Statthalters mit einer huldvollen Ansprache beehrte, geruhte sodann den Statthalter und den Corpscommandanten in längerer Audienz zu empfangen.“ Wiener Abendpost, 14. November 1889, 1. ↩︎