Vorsicht, Mann mit Hut!
Die obige Fotografie ist Teil eines Bestandes aus der Familie des Innsbrucker Musikdirektors und Gründer des Symphonieorchesters Martin Spörr. Laut Datenbank zeigt sie das Stadtorchester Innsbruck zwischen 1893 und 1899. Was für eine vielseitige Ansammlung an Männern, Schnurrbärten, Anzügen, Fliegen und Krawatten, Spazierstöcken, Uhren – und Hüten!
Da allseits bekannt ist, was man über Mann mit Hut am Steuer des Volants sagt, trifft es sich gut, dass sie es nicht weit zur nächsten Fahrschule hatten, wie der Wegweiser samt Fingerzeig auf der linken Säule verdeutlicht. Rechts im Hintergrund eine ebenfalls zum Thema passende Steyr-Werbung. Versteckt – hinter einem Hut natürlich – kann man darauf einen Fahrradfahrer erkennen. Es handelt sich also wohl um eine Fahrschule für Radfahrer (ob diese auch -innen offenstand, wäre noch zu klären).
Laut dem Augias-Datensatz könnte die Aufnahme bei den Stadtsälen entstanden sein, weil dort auch die erste Fahrradübungshalle bestand. Aber ist Übungshalle das gleiche wie Fahrschule?
Auf anno fand sich die erste Erwähnung einer „Velociped-Fahrschule“ in Innsbruck übrigens im Dezember(!) 1887 bei Carl Kaiser im Gasthaus Mondschein, gefahren wurde am Schießstand in Mariahilf (der zumindest in den 1870er-Jahren im Winter auch zum Eislaufen genutzt wurde). An Werbung bietet die Volltextsuche dann nichts mehr bis zu einer Anzeige Anton Schlumprechts aus dem Jahr 1896 – dessen Geschäft und Schule bereits Thema zweier Beiträge war. Im gleichen Jahr stimmte der Gemeinderat zu, dass die Ausstellungs-Restaurationshalle für eine Fahrradschule genutzt werden könne.
Im Adressbuch von 1898 sind dann drei Radfahrschulen genannt: Jene von Anton Schlumprecht in der Anichstraße 36 und auf der Rennbahn im Saggen, jene von Karl Wiedner in der Ausstellungshalle und jene von August Wittköpper in der Ausstellungs-Restaurationshalle. Ab 1901 blieb davon nur mehr Karl Wiedner übrig, der ab 1904 in der Heiliggeiststraße 9 firmierte.
Ohne es recherchiert zu haben vermute ich, dass die Abnahme der Radfahrschulen nicht mit einer Abnahme der Radfahrerinnen und Radfahrer zusammenhängt, sondern im Gegenteil mit der zunehmenden Popularität und der Gründung von Radfahrvereinen, die diese Funktion übernahmen. Aber wie gesagt, reine Vermutung.
(Stadtarchiv Innsbruck, Ph-M-24477)
Wo fanden sich nun diese wunderbaren ionischen (besser: neoklassizistischen) Säulenkapitelle? In der Restaurationshalle der Ausstellungshalle? Zeigen die schönen Krawatten auch die Verwandtschaft an? – Also sind die beiden Herren mit den gleichen Krawatten Brüder? Und sind hier alle Musiker auch Radfahrer?
Zum Fahrschulbedarf: Die Etablierung der Errungenschaft „Freilauf“ erleichterte das Erlernen erheblich. Die technische Erklärung zum Niedergang der Fahrschulen.