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Versammlung Deutscher Naturforscher

Versammlung deutscher Naturforscher

Vor einiger Zeit wurde in einem Beitrag der Historikertag in Innsbruck Ende des 19. Jahrhunderts behandelt. Heute geht es um einen anderen bedeutenden Kongress, der im 19. Jahrhundert in Innsbruck stattgefunden hat, die 43. Jahrestagung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte im Herbst 1869.

Diese Gesellschaft gehörte schon damals – gegründet 1822 – zu einer der renommiertesten wissenschaftlichen Gesellschaften im deutschen Sprachraum und wie der Name es unschwer vermuten lässt, sammelten sich darin Naturwissenschaftler und Mediziner, um die neuesten wissenschaftlichen Forschungen zu diskutieren und sich zu vernetzen. Alljährlich veranstaltete die Gesellschaft hierzu eine Konferenz, die jeweils ein Stelldichein der besten und bekanntesten Naturwissenschaftler und Mediziner der Zeit war. Nachdem die Versammlung auch zuvor schon in der Habsburgermonarchie stattgefunden hatte, beehrte sie 1869 zum ersten Mal die Hauptstadt Tirols. Einen passenden Anlass dazu lieferte auch die anstehende Eröffnung der Medizinischen Fakultät der Universität wenige Wochen später.

Zur Tagung in Innsbruck, die vom 18. bis zum 24. September dauerte, reisten etwa 1.000 Forscher an. Die meisten kam aus den deutschsprachigen Ländern und der Habsburgermonarchie, aber auch aus anderen Teilen Europas fanden sich Forscher ein. Zu den prominentesten Vertretern gehörten der Physiker Hermann Helmholtz, der Mediziner Rudolf Virchow oder auch der Chemiker Carl Vogt. Innsbrucker Professoren beteiligten sich an der Organisation oder übernahmen den Vorsitz einzelner der 18 Sektionen, die von Anatomie bis Zoologie reichten. So präsidierte etwa Adolf Pichler der Sektion ‚Mineralogie, Geologie und Paleontologie‘ und referierte „Über ein Vorkommen von Steinkohle im Hauptdolomit an der Breitenlahn bei Pertisau am Achensee“. Ein anderer bekannter Innsbrucker Naturforscher, Anton Kerner von Marilaun, veranstaltete im Rahmenprogramm botanische Exkursionen in der Umgebung von Innsbruck.

(Ausschnitt eines gedruckten Panoramas vom Lanser Köpfl. Die Panoramakarte entfaltet auf insgesamt 6 Blättern eine 360 Grad Rundumsicht vom Lanser Köpfl und wurde anlässlich der Versammlung Deutscher Naturforscher & Ärzte gedruckt. Sie diente wohl auch dazu, den teilnehmenden Forschern und ihren Begleitungen auf Ausflügen eine gute Orientierungshilfe zu bieten, Stadtarchiv/Stadtmuseum BI-k-920.)

Anton Kerner war es auch, der in der Festschrift der Versammlung einen Aufsatz zur Entstehung der Arten verfasst hatte und dabei an die damals noch relativ neuen Theorien von Charles Darwin anknüpfte. Damit verdeutlicht Kerner auch die wissenschaftliche Zeitenwende, in der die Versammlung stattfand und die nicht nur von zahlreichen bahnbrechenden Entdeckungen geprägt war, sondern auch von einem überschwänglichen Glauben an den Fortschritt durch die Naturwissenschaften. Auch die Organisatoren und städtischen Honoratioren stimmten in ihren Grußworten in diese allgemeine Aufbruchsstimmung ein und inszenierten die Versammlung als Fest der Naturwissenschaften, die im klerikalen und rückständigen Tirol das Licht der Aufklärung entzünden und den „bösen Geist pfäffischer Unduldsamkeit“ (Carl Vogt in seiner Festansprache) zurückdrängen sollten. Auch Hermann Helmholtz betonte in seinem Festvortrag, dass die modernen Naturwissenschaften das Leben der gesamten Menschheit prägen und umgestalten würden.

Die Reaktionen auf diese Betonung der materialistischen Weltsicht blieben freilich nicht aus. In den lokalen Zeitungen findet sich teils heftige Kritik daran. Diese zeugt von einem sich zuspitzenden Kulturkampf in Tirol, in welchem die Rolle der Kirche und der katholischen Religion im Bildungswesen und allgemein in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurde. Somit ist die Tagung und die im Umfeld derselben entstandenen Quellen auch ein wichtiges Beispiel für die Auseinandersetzung zwischen liberalen und konservativen Kräften im Tirol jener Zeit.

(Titelbild: Innsbrucker Nachrichten, 15. September 1869, S. 4.)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Sehr interessant! Die Viaduktbögen mit den Feldern von Pradl sind auf dem Bilder sehr schön zu erkennen. Man sieht wunderbar, dass die Viaduktbögen das längste Bauwerk von Innsbruck ist.

    Hier kann sich die gesamte Panoramakarte ansehen, welche für die damalige Zeit in der Tat etwas ganz Besonderes ist:
    https://www.stadtarchiv-innsbruck.findbuch.net/php/view.php?link=30332e3033x920#&posX=0.03294117647058824&posY=0.009019607843137255&zoom=0.07500000000000001&path=c76bf76b3a37fdfc30c73a3c32c76bf7dd30fd3637c76bf7dcdad8ddd66c6bd5d0e6c76bf7d5d0c563c76bf7d266d86d666cc76bf76e6dd0dd6dd06cded4da63c76bf7d066dfdad06ec76bf76d363a386be1e1e1e4c76bf7dc3ac5d2c5eaece1c5ecc739f13f

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