Leopold Stastny: Paradoxien und Familientragödie (1939-1945)
PARADOXIEN DER ZEIT
Im Mai 1942 denunzierte der Sportredakteur der Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters Leopold Stastny als „Hausjuden“ des ŠK Bratislava und kritisierte seine Duldung bei dem slowakischen Klub. Diese Aufmerksamkeit der NS-Stellen brachte Stastny in große Gefahr.
Trotz der schwierigen Situation heiratete Leopold Stastny am 28. Juni 1944 Zdenka Štifterová, später wurden Tochter Helena und Sohn Michael geboren. Zur Hochzeit gratulierte dem popu lären Spieler sogar die faschistische Tageszeitung Gardista, die für ihre radikalen antijüdischen Artikel bekannt war, und das, obwohl Stastnys Abwesenheit im Spitzenfußball durch jene antisemitische Politik bedingt war, die die Zeitung jahrelang betrieben hatte.
Ein weiteres Paradoxon war Stastnys Tätigkeit für den Armee verein OAP, bei der er oft eine Uniform im Rang eines Leutnants trug. Bei zahlreichen Gelegenheiten mussten deutsche Soldaten niedrigeren Ranges vor ihm salutieren
FAMILIENTRAGÖDIE UND UNTERSTÜTZUNG
Stastnys Ausnahmebescheinigung schützte nur bis September 1944. Nach der Niederschlagung des Nationalaufstands übernahmen deutsche Truppen die Macht in der Slowakei. Die Besetzung hatte zur Folge, dass die „Judenrazzien“ erneut begannen. Stastnys Eltern wurden am 27. November 1944 verhaftet, im Lager Sered’ inhaftiert und unmittelbar darauf depor tiert. Terézia Šťastná wurde im KZ Ravensbrück, Jakub Šťastný im KZ Bergen-Belsen ermordet.
Leopold Stastny versteckte sich mehrere Monate lang in Bratislava, unter anderem bei einem ehemaligen Teamkollegen. Einmal wurde er von einer Frau gerettet, die Trikots für den ŠK Bratislava wusch und den ehemaligen Vereinsstar warnte, dass die Gestapo hinter ihm her sei. Bei seiner Flucht musste Stastny sogar aus dem Fenster eines Gebäudes springen. Trotz der ständigen Bedrohung tauchte er von Zeit zu Zeit im Stadion auf, und wenn ein Spieler die Gestapo kommen sah, wurde Stastny gewarnt und entkam. Es gab mehrere solcher Fälle von Hilfe durch Spieler, Funktionäre und Fans.
Dieser Text stammt aus der Ausstellung „Leopold Šťastný. Überlebender des Nazi-Terrors, Trainerlegende & Erfinder der Schülerliga“ (Innsbruck 2025 und 2026), die wiederum auf die Ausstellung „Football under the Swastika: The Story of Leopold „Jim“ Šťastný“ (Bratislava 2020) zurückgeht.
Autoren der Ausstellungstexte: Peter Bučka, Joachim Bürgschwentner, Tomáš Černák, Niko Hofinger, Kevin Simpson, Georg Spitaler, Michal Vaněk
Bild: Leopold Stastnys Eltern Terézia und Jakub wurdenvon den Nationalsozialisten ermordet. (c) Familienarchiv Šťastný / Museum der jüdischen Kultur, Bratislava