Ein blumiges Bild
Als Pergament noch der beliebteste Stoff für das geschriebene Wort war, wurde manchmal die Tinte abgekratzt, um eine Seite neu beschreiben zu können. Pergament war so teuer und auch widerstandsfähig genug, um diese Prozedur anwendbar zu machen. In im heutigen Fachjargon werden so recycelte Seiten als Palimpsest bezeichnet. Manche verloren geglaubte Texte wurden wiederentdeckt (darunter auch Teile von Ciceros De re publica) als es gelang, die so überschriebenen Zeilen wieder lesbar zu machen.
Hier zu sehen ist ein Objekt, das gewissermaßen ein modernes Pendant zu dieser Praxis darstellt, obgleich die Rückseite nicht ganz so unschuldig wie ein eine Cicero-Passage ist. Die Vorderseite sehen Sie hier auf dem Titelbild, ein rosafarbener Blumenstrauß. Spannend wird es auf der Rückseite:

Die Geschichte dieses Doppelgemäldes kennen wir leider nicht – man kann nur spekulieren…
Edit:
Auf Wunsch in den Kommentaren hier auch eine Foto des Bildes mit Rahmen:

Ja, in den ersten Nachkriegsjahren wußte man vielerlei wiederzuverwenden.
Da hatte wohl eine Familie von Cineast:innen ein Profilporträt von Sir Charles Spencer Chaplin an der Wand hängen. Oder es waren doch einfach Nazis oder rückgratlose Mitläufer:innen, wer weiß das schon.
Hitlerbild auf der Rückseite – da war doch was:
http://www.dietiwag.org/blog/index.php?datum=2018-03-16
Ach nein, das ist ein anderes…
Die Blumen haben mich nicht interessiert und ich hab den Text erst jetzt gelesen.
Ich frag mich nur, warum hat man es nicht einfach weggeworfen, verbrannt? Ein verräterischer heller „Bilderfleck“ mit dunklem Rahmenfleck an der Wand und Ausmalen keine Option?
Nachdem es in der Monarchie auch Leute gab, die den Kaiser gedruckt, gemalt oder gegipst im Wohnzimmer hängen hatten, ist der erste Verdacht natürlich, dass das Bild vom Adi ein Herzenswunsch war. Aber vielleicht wars auch der Onkel Edi, dem kein besseres Geschenk eingefallen ist. Oder man hatte allerlei Besuch, oder einen Beruf, der ein gemaltes politisches Statement als geboten erscheinen hat lassen. Und seine Gegenwart unterband jegliche oppositionelle Diskussion, was ein lebensrettender Vorteil sein konnte.
Rückgratlose Mitläufer? Auch ängstliche Dulder. Das war ein beinhartes Terrorregime, welches schon vor der Machtübernahme mit uniformierten Schlägertruppen den Leuten gezeigt hat, dass Toleranz aus dem Lexikon gestrichen ist. Und das hat leider sogar Eindruck gemacht, endlich Ordnung. Den Papa hat man dann nach Russland geschickt, ein paar mal kam noch zensierte Feldpost. Protest oder Davonlaufen tödlich. Da war bei den meisten aus mit lustig. Aber das Bild hat man vorsichtshalber hängen lassen. Wenn es nicht unter die Bomben kam.
Was erzählen Sie das dem Herrn Schneiderbauer – er hat ja das alles selbst miterlebt! Oder?
Naja, war nur sekundär an Herrn Schneiderbauer adressiert. Ohne ihn zu kennen, nehm ich ihm den Antifaschisten hundertprozentig ab.
Frage an Herrn Permann:
Ist das Bild gerahmt? Wäre es möglich ein Bild vom gesamten Bild inkl. Rahmen online zu stellen damit wir uns das Ganze ein bissl besser vorstellen können?