Aus der Chronik der Fischerschule: Schuljahr 1945/46 (1)
Der vierte Chronikband der Knabenvolkschule Speckbacherstraße bzw. Haspingerstraße beginnt mit dem Jahr 1945. Der Verfasser, der 1903 geborene Anton Strobl, scheint erstmals 1935 im Adressbuch als städtischer Lehrer auf, 1947 dann als Schulleiter. Seine Einleitung zum Schuljahr ist eine deutliche Stellungnahme zum Kriegsenden und eine eindrückliche Schilderung der vorangegangenen zwei Jahre:
Der große Krieg ist blutig und grausam zu Ende gegangen. Furchtbare Zerstörung, namenlose Not, meertiefes Leid und Weh und Hunger, Hunger hat er hinterlassen. Das Elend ist so groß, daß nicht einmal der übermütigste Sieger sich seines Sieges freuen kann.
Europa ist ein zerschlagener Amboß. Es ist wertloses, altes Eisen geworden, das nur im Glutofen der Besinnung und Läuterung geschmolzen und in langer und schwerster Friedensarbeit wieder zum formenden Hammer umgegossen werden kann.
Man erwartet vom Sieger immer wieder Gerechtigkeit, die er überlaut verspricht, solange er den Sieg noch nicht in der Tasche hat, ist es dann aber einmal soweit, wird er gewöhnlich maßlos und häuft Schuld um Schuld auf sein Haupt, bis auch er dem Gericht verfällt.
Wie wird es diesmal sein? Sind endlich Menschen zur Überzeugung gekommen, daß alle zusammenhelfen müssen, um aufbauen zu können?
Auch an unserer Schule ist der Krieg nicht spurlos vorübergegangen.
Beim 1. Fliegerangriff am 15. Dez. 1943 blieb das Schul[gebäude sic!] unbeschädigt. Arg aber schaute es in der Speckbacherstraße von der Haspingerstr. südwärts aus. Auch ein Großteil des Lehrerhauses, das erst 3 Wochen vorher bezogen wurde, fiel der Vernichtung anheim. Oberlehrer R[…] v. St. Nikolaus und seine Frau wurden von den stürzenden Trümmern hinter der Wohnungstür erschlagen. Das jüngste Kind lag zwischen den beiden Eltern und wurde am Morgen des nächsten Tages lebend mit gebrochenem Bein geborgen. Von den übrigen Hausbewohnern kam niemand ums Leben, da sie rechtzeitig in den Keller gingen. Das Unglück geschah um 12:46 Uhr, denn zu diesem Zeitpunkt blieb nämlich die Uhr in meiner teilweise erhaltengebliebenen Wohnung stehen.
Unser Schulhaus wurde am 20. Oktober [1944] beim 4. Angriff schwer heimgesucht. Die angrenzenden Häuser Nr. 1 u. 3 sowie die dem Schulhause gegenüberliegenden Gebäude Nr. 10, 12 u. 14 wurden völlig zerstört. Ein gewaltiger Trichter war auf der Straße unmittelbar vor der Wohnung des Schulwartes. Diese Bombe hatte die großen Zerstörungen in dem Schulhaus zur Folge. Das schwere Tor lag im Gang, die Türen waren gesprengt, die Holzwände eingedrückt, sämtliche Fenster auf der Nordseite zersplittert, viele Fensterkreuze zerfetzt, der Verputz in den Gängen und Zimmern durch Sogwirkung von den Wänden gelöst, die Seitenwände im Konferenzzimmer eingedrückt, das Dach abgedeckt, die Kästen aufgerissen und gespalten, die Lehrmittel teils beschädigt, teils zerrissen und zerbrochen auf dem Boden verstreut. Die Fassade des Hauses war furchtbar anzusehen.
Ich war damals bei der Wehrmachtkommandatur Innsbruck und hatte den Auftrag, nach dem Angriff rasch das Trefferbild aufzunehmen u. die Blindgänger festzustellen. So kam ich gleich nach der Entwarnung hier ins Haus und sah die Stätte der Verwüstung. Es war mir zum Weinen schwer, schwerer als damals, wie die eigene Wohnung in Scherben ging. Es schien mir, als hätte ich für immer Arbeit und Beruf verloren. Immer wieder, wenn mich ein Dienstgang hier vorbeiführte, betrat ich das vielgeliebte Haus und sah mit viel Ärger, daß die Stadtverwaltung nichts tat, um das noch Vorhandene zu schützen. Später ,ußte ich an die Front und verlor die Schule aus meinem Blickfeld.
(Bild: Stadtarchiv Innsbruck, Ph-A-7-43; Text: Stadtarchiv Innsbruck, Archiv der VS Fischerstraße 22.13.01.03 Schulchronik, 4. Buch Knabenschule bzw. Volksschule Haspingerstraße, Wilten, Schuljahr 1945/46 – 1983/84).