Post aus Krasnojarsk
Im August 1914 musste der 26jährige Georg Schmid, der im März 1911 an der Universität Innsbruck zum Dr. jur. promoviert wurde, als Kadett in der Reserve zum 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger einrücken. Von der Fahrt nach Galizien sandte er am 17. August seinen Schwestern eine Ansichtskarte aus Wels, auf der er ihnen mitteilte: „Wir werden in allen Station[en] freudig empfangen und bejubelt, in Zell a. S. gab es Gefrorenes. Die Stimmung ist ausgezeichnet.“

Doch mit der guten Stimmung war es bald vorbei. Bereits bei der „Feuertaufe“ Ende August 1914 erlitten die Kaiserjäger große Verluste. Georg Schmid überstand die ersten Kämpfe glücklich, geriet jedoch am 7. September 1914 verwundet in russische Gefangenschaft. Wie der Allgemeine Tiroler Anzeiger am 20. Oktober 1914 berichtete, befand sich „der in der Verlustliste Nr. 29 bloß als verwundet angeführte Kadett Dr. Georg Schmid, [Gerichts-]Auskultant in Rovsreto, Alter Herr der akad. Verbindung „Austria“, […] als Gefangener und am Oberschenkel Verwundeter in Kiew.“
Kiew war ein zentraler Sammelpunkt für die von den zaritischen Streitkräften an der Ostfront eingebrachten Kriegsgefangenen. Von dort wurden sie auf Lager im gesamten Zarenreich verteilt. Georg Schmid kam in weiterer Folge nach Krasnojarsk, wo sich sein großes Offiziers- und Mannschaftslager befand. Am 15. Jänner 1915 schrieb er an seine Schwester Marie, die als Lehrerin in Bozen lebte:
Liebe Mimi!
Aus Sibirien herzliche Grüße. Heute die erste Nachricht von Mama erhalten, vorgestern eine Karte von Dr. Wohlfartstätter erhalten. Mir geht es ganz gut. Habe durch Mama vom Unglücke gehört, welches Onkel Luis u. Tante Barb[ara] getroffen hat. Vielleicht ist es nicht so schrecklich, denn mancher, den man in diesem Feldzuge als verloren glaubte, ist wie es bei einige Herren hier der Fall war, nur schwer verwundet gewesen u. dann in Gefangenschaft geraten. Herzlichen Dank für die Sendung; es ist aber fraglich, ob sie ankommen wird, da wegen der Zensur alles aufgemacht wird und so liegen bleiben kann. Hier sind ca. 8500 Kriegsgef. darunter 350 Offiziere. Herzl. Grüsse an Dich, Tante Barb. u. Onkel Luis u. alle Verandten von Deinem Bruder Georg
Schreibe bitte nur Karten, da Briefe sehr schwerlich ankommen werden.
Das Zarenreich war – wie übrigens auch die Mittelmächte – auf die Massen von Kriegsgefangenen nicht vorbereitet. Bereits in den ersten Wochen dürfte über 100.000 Offiziere und Soldaten der Mittelmächte in die Hände der russischen Truppen gefallen sein. Die Folgen waren – insbesondere für die Mannschaften – verheerend. In vielen Lagern brachen im Winter 1914/15 (und teilweise auch noch im Winter 1915/16) Seuchen aus, so auch in Krasnojarsk. Dort wütete eine Flecktyphusepidemie, die hunderte Todesopfer forderte. Auch Georg Schmid infinzierte sich im Feber 1915 mit dieser heimtückischen Krankheit, die er „glücklich überstand, aber kaum genesen, meldete er sich als freiwilliger Krankenpfleger seiner Leidensgefährten, wurde neuerdings angesteckt u. erlag nach kurzer Zeit der schrecklichen Seuche als Opfer der Nächstenliebe“, heißt es auf seinem Gedenkblatt im Tiroler Ehrenbuch.
Bedingt durch die Revolutions- und Bürgerkriegswirren, die das Russische Reich 1917 erfassen sollten und den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie sollte die letzten, ehemals österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen erst im Frühjahr 1922 (!) Krasnojarsk verlassen. Wenn Sie mehr über dieses vergessene Kapitel des Ersten Weltkrieges erfahren möchten, lege ich Ihnen meinen Aufsatz „Der Gesundheitszustand unseres Lagers ließ viel zu wünschen übrig.“ Eine Analyse der Totenliste des Kriegsgefangenenlagers Krasnojarsk 1914-1919 ans Herz, der in Zeit – Raum – Innsbruck 16 erschienen und hier erhältlich ist.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck)