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Nicht Mit Uns! (Innsbrucks Frauen Teil I)

Nicht mit uns! (Innsbrucks Frauen Teil I)

Die 70er-Jahre waren eine turbulente Zeit, die auch vor dem Bundesland Tirol nicht zurückschreckte. Der gesellschaftliche Wandel machte sich bemerkbar und auch die Innsbrucker Damenwelt fing an ihre Stellung sowie die ihnen auferlegten Klischees zu hinterfragen. Die Geschlechterrollen waren im konservativen Tirol bisher fest verankert gewesen, doch nun begann das Rollenbild zu bröckeln, eine neue Zeit brach an.

Woran erkannte man damals die Benachteiligung der Frauen in Innsbruck und Umgebung? Schauen wir uns ein paar Zahlen an: Die Frauenerwerbsquote lag in Tirol damals bei 26 Prozent und war somit geringer als im Rest Österreichs (32 Prozent). 1980 richteten sich 81 Prozent der Stellenanzeigen, außerhalb des Gastgewerbes, an die Tiroler und nur 16 Prozent an die Tirolerinnen, auch die Lehrstellen für Frauen waren Mangelware am Arbeitsmarkt. Das Rollenbild, das die Frau hauptsächlich im häuslichen Umfeld tolerierte, erschwerte die Lebenssituation vor allem für Unverheiratete, weil ein Lebensstil abseits dieses Rollenbildes kaum möglich war. Kindertagesstätten waren nur etappenweise geöffnet und erschwerten es Müttern so einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen. Es ist also nicht überraschend, dass Frauen diese Umstände nicht länger hinnehmen wollten.

Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre begann sich folglich die feministische Mädchenarbeit zu etablieren, die in einem engen Verhältnis mit der Neuen Frauenbewegung stand. Es handelte sich um junge selbstständige Frauen, die sich in diversen Gruppierungen organisierten, ohne dabei von politischen Parteien oder bereits bestehenden Organisationen abhängig zu sein. Die Tätigkeiten der Frauen hatten das Ziel in allen Lebensbereichen Veränderungen herbeizuführen und man verlangte eine soziokulturelle Neuorientierung. Normen und Werte wurden in Bezug auf die Kategorie Geschlecht kritisch hinterfragt, denn man wollte im gesellschaftlichen Bewusstsein verankern, dass die Frau die Expertin ihres eigenen Lebens ist und demnach keine Fremdbestimmung benötigte.

Ganz zentral in der Österreichischen Frauenbewegung war der Kampf gegen das Abtreibungsverbot (§144). In Tirol setzte sich dafür eine gewisse Doris Linser ein. Die 25-jährige Sekretärin war zuvor in der Österreichischen Frauenbewegung tätig gewesen, die von der ÖVP organisiert war. Eine überraschende Konstellation, wenn man bedenkt, dass die Partei gemeinsam mit der Kirche stark am häuslichen Frauen- und Mutterbild festhielt. 1971 startete Linser eine Unterschriftenaktion für die Streichung von §144, die innerhalb weniger Wochen schon über 500 Anhängerinnen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und politischen Feldern hatte. Natürlich blieb die Aktion in Innsbruck nicht unkommentiert und so kam es, dass sich in der Stadt die Gegenbewegung ,,Aktion Leben“ etablierte, die sich für das „ungeborene Leben“ einsetzte. Im Jänner 1972 fand die Ausstellung „Lasst mich leben“ statt, die unter anderem von Landeshauptmann-Stellvertreter Fritz Prior und Bürgermeister Alois Lugger besucht wurde.

Stadtarchiv Innsbruck, Ph-17550: Demonstration gegen die Fristenlösung in der Maria-Theresien-Straße 1973

Aus der „Aktion 144“ entstand schließlich der Verein Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft (AEP), da eine Beratungsstelle für Frauen dringend nötig war. Der Verein agierte nach den Grundsätzen der Frauenbewegung und durch die Möglichkeit sich jemandem anvertrauen zu können kamen viele individuelle sowie kollektive Gewalterfahrungen von Frauen ans Licht, die in den 1980er-Jahren zur Eröffnung von Einrichtungen, wie etwa dem Tiroler Frauenhaus oder dem Notruf für vergewaltigte Frauen, beitrugen.

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, handelt es sich hierbei um ein sehr umfangreiches Thema, über das es noch viel mehr zu erzählen gäbe, aber das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Unser Titelfoto, das Doris Linser (Dritte von links) bei einem Protest gegen § 144 vor dem Goldenen Dachl 1973 zeigt, sowie die benötigten Informationen für diesen Beitrag stammen aus dem Buch Gründerzeiten. Soziale Angebote für Jugendliche in Innsbruck 1970-1990 von Andrea Sommerauer und Hannes Schlosser. Es kann hier bei uns im Stadtarchiv erworben werden.

(Sommerauer, Andrea/Schlosser, Hannes, Gründerzeiten. Soziale Angebote für Jugendliche in Innsbruck 1970-1990, Innsbruck 2020, S.385-406.)

(Titelfoto: Archiv Verein AEP)

(Verena Kaiser)

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