Zu gut um wahr zu sein: I
Da wir in den letzten Wochen einige interne und öffentliche Diskussionen hatten, was wir denn als Fotoblogbetreiber:innen mit der Verfälschung von Bildern machen sollen, starten wir ab heute eine neue Serie: Zu gut, um wahr zu sein. Dieser Spruch hat sich nach einigen Jahren in der alltagssprachlichen Versenkung in der letzten Zeit wieder Gehör verschafft, und zwar immer dann, wenn jemand in digitalen Zeiten übers Ohr gehauen wird. Dem Millionärsprinz aus Nigeria mit seinem Erbe geht ja schon länger niemand mehr in die E-mail Falle, vom die Lienzer Hausfrau per Skype liebenden Brad Pitt, der dann plötzlich dringend Geld für die teure Scheidung von Angelina Jolie braucht, leider gelegentlich schon noch. Die häufigste Form ist in Zeiten der niederen Bankzinsen der Anlagebetrug für Schwarzgeld. Überraschend ist zunächst der Umstand, wie viele unterländer Pensionisten Geld für solche Luftinvestitionen übrig haben. Ebenso shocking ist die Erkenntnis für den Anleger, dass das Crypto-Konto nach anfänglichen satten Gewinnen und massivem Euro-Nachschuss dann plötzlich völlig unerreichbar ist. So wie auch der nette Berater, der einen da in einem jahrelangen Anbahnungsspiel hineinempfohlen hat (nicht ohne einen letzten Versuch, mit noch mehr Geld die bereits verlorenen Beträge loszueisen). Potentiellen weiteren Opfern der oben genannten Verbrechen wird nun von internationalen Medien- und Betrugsberater:innen folgender Merksatz ins Poesiealbum gestickt: Prüfe genau – ist das Angebot vielleicht zu gut, um wahr zu sein?
Beim Thema KI-generierter digitaler Bilder ist die Geschichte etwas anders. Ähnlich ist, dass es das Phänomen Fälschung gleich lange gibt wie eben auch analogen Betrug und genau genommen so lange wie das Abbild selbst. Dabei ist die Nachfärbelung per online-tool bei weitem die leichteste Übung. Früher wurde von Profis in Porträtfotos und Ansichtskartenblicken herumretuschiert, bis sich die Glasplatten bogen. Personen kamen gleich ganz weg oder neu dazu, Fahnen hinein oder hinaus, Aufschriften wurden nachgepinselt oder herausretuschiert, Berge erhöht, und auch Farbe in SW Bilder gemengt. Ich hoffe die Kolleg:innen haben viele eigene Beispiele aus dem Fundus, um diesen seit 150 Jahren geübten Machenschaften so entspannt wie entschlossen entgegenzutreten.
Als Titelbild der ersten Ausgabe habe ich eine besonders leicht zu erkennende Fälschung gewählt, die wie mir der Arzt und Medizinhistoriker Prof. Christoph Brezinka mitgeteilt hat, sogar bis heute in einem Zimmer der Geburtenstation auf der Klinik hängt. Frauen haben es längst gesehen, die Männer brauchen noch etwas: Eine Gruppe von Professoren, Assistenzärzten und Studenten simuliert hier etwas, für das sie weder ausgebildet waren noch wegen ihrer Einbildung jemals bereit gewesen wären zu tun: Care-Arbeit an Neugeborenen. Da wird für die Fotografin ganz lieb ein Tulli-Tulli-Tulli an die neue Erdenbürgerin gerichtet, die Bettwäsche gerade gezogen, der Schnuller justiert, das Fläschchen gereicht. Das Foto wird nächstes Jahr 100 Jahre alt und ich bin mir bei dieser Berufsgruppe nicht sicher, ob sich da schon Fundamentales verändert hat. Um die Szene noch etwas glaubwürdiger erscheinen zu lassen, wurde in den Hintergrund der Posse noch eine Schwester als Statistin eingerückt… nice try, aber: zu gut, um wahr zu sein!
(Sammlung Markus Wilhelm)
Der Chefarzt sucht mit Assistenz des Vizeoberarztes und zweier Turnusärzte verzweifelt nach zwei Groschenstücken, die ihm in eines der Bettchen gefallen sein müssen. Später wurde die peinliche Szene als Musterbeispiel enfemizierter Männer verkauft und wurde vorallem in Schweden als leuchtendes Beispiel in allen Schulen aufgehängt.