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Sternhäusler Statt Barackeler

Sternhäusler statt Barackeler

Zur Geschichte der Innsbrucker Barackensiedungen vor der Olympiade II von 1976 (auch Aloisiade genannt) sollten dringend eine Dissertation oder zwei geschrieben werden – falls hier jemand von der alpin-urbanen Universität mitliest. Die Siedlungen waren teils schon vor oder während des Ersten Weltkriegs von Armeen oder Hilfsorganisationen aufgestellt worden, dienten bisweilen zunächst als Arbeitslager bis hin zum KZ (wie in der Reichenau). Verliessen die Arbeiter, Soldaten oder Häftlinge ihre hölzernen Behausungen, zogen meist noch Flüchtlinge ein.

Einige unserer Leser*innen haben schon ihre Erinnerungen dazu in die Kommentare geschrieben; vom Flair des Verbotenen, sich dort aufzuhalten, von den mythenumworbenen Bewohner*innen, von den Sorgen der jahrzehntelang ohne Alternative darin untergebrachten Familien. Die vielen „Versetzten Personen“, die es in Innsbruck ab 1939 (die Südtiroler Optanten) und nach 1945 (die vertriebenen deutschen Sprachgruppen aus den mittel- und osteuropäischen Ländern) gab, standen in der sozialen Hierarchie der Aufnahmegemeinde zunächst immer ganz unten.

Außerhalb der großen Baracken der Lager gab es immer auch kleine Hütten; ein Stall, ein Stadl oder eine Garage wurde ohne behördliche Genehmigung etwas befestigt oder ausgebaut; nicht zu vergleichen mit der Akkuratesse und Aufgeräumtheit heutiger Schrebergarten-Siedlungen, fehlten meist Wasseranschluss, Strom und Kanal. In diesem Bild des fliegenden Reporters Richard Frischauf von 1971 sieht man, wie die Moderne sich aufmacht, in Form von „ordentlichen“ Häusern“ das ungeliebte Bild der Wild-West-Besiedlung der städtischen Ostgebiete zu überlagern. Fast scheint das äußerste Sternhaus, in das unter anderem die Groschup-Buben frisch eingezogen waren, wie ein Fort des Wohlstands, als Loisenfeste des Flächenbetonierens – oder doch als imperialistisches Römerlager Kleinbockum, dem sich, links im Bild, ein Gallierdorf entgegenstellt. Da die Bewohner*innen dort keinen Zaubertrank zur Verfügung hatten, war es ein ungleicher Kampf. Heute, 50 Jahre später, ist es schon recht schwer, die Ur- und Frühgeschichte der Reichenauer Felder zu rekonstruieren. Mit der Hilfe unserer Co-Kuratorin Heidi Schleich und der Studierenden der Europäischen Ethnologie unter der Ägide von Silke Meyer sind dieses Jahr einige bekannte und neue Fakten in eine Ausstellung gegossen worden. Sollten die Klebefolien trotz Herbstwetters halten, kann man im Hasenstall der Egerdachstraße noch mehrere Monate Bilder aus und Texte zur Geschichte der Bocksiedlung konsultieren.

Als Bonus noch ein Ausschnitt aus dem Tyrolia-Stadtplan von 1970. Die Ausstellung ist ungefähr beim „d“ des „Hauses der Jugend“ zu sehen.

Dieser Beitrag hat 10 Kommentare
  1. Ja, die Geschichte der Barackensiedlungen sollte wirklich noch wissenschaftlich erforscht werden, solange es Zeitzeugen gibt. In 20-30 Jahren wird es zu spät sein.

  2. Noch ein paar Zeilen zum Flugzeug.

    Bei diesem Foto sieht man soviel vom Kennzeichen, daß man es als OE-DFI entziffern kann. Das war die Kennzeichnung der am Flughafen stationierten und auch der Flughafengesellschaft gehörenden Rundflugmaschine, eine Piper Seneca Six, die direkt aus den USA nach Innsbruck geflogen wurde. Das Flugzeug war als Tiefdecker eigentlich ein Rückschritt gegenüber der vorher geflogenen Cessna, die Flügel verdeckten immer irgendwo die Aussicht, so auch hier,

    Pilot war jahrzehntelang Herr Udo Tommasi. Er war es bestimmt, der Herrn Frischauf zu seinen Fotozielen flog. Neben dem planmäßigen Rundflugprogramm konnte man die Maschine samt Piloten auch für ad hoc Flüge mieten.

    1. Lieber Herr Hirsch – beim o.a. Flugzeug handelt es sich um eine Piper Cherokee Six (DFI ist das KZ für eine einmotorige Maschine), die einige Jahre später durch eine weitere Cherokee six (KZ OE-DIT) und später durch eine Piper Seneca (OE-FTI – wobei das F für zweimotorig steht) ersetzt wurde. Pilotiert wurden alle 3 Flieger vom Rundflugpiloten Udo Tommasi, einem ehemaligen Bürokollegen und Fliegerkameraden von mir, mit dem ich heute ein nettes Gespräch geführt habe. Udo war heuer 83 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit, sein Sohn Diego fliegt auf der Boeing 777.
      Mit lieben Grüßen aus Telfs
      Manfred Schier

      1. JA, verwechselt, ich weiß, oberpeinlich…dabei hab ich sogar zuerst auf einem Foto nachgeschaut. Aber herzlichen Dank für die Zusatzinformationen. Es freut mich, daß Udo Tommasi noch rüstig ist, und daß sein Sohn als Kontrastprogramm mit Triple Seven unterwegs ist. Wenigstens hab ich nicht Ugo Tognazzi geschrieben.

    1. Lieber Herr Haisjackl,
      ich habs absichtlich geschrieben, es war eine Honeytrap.
      Seit vielen Jahren ist die erste Bedeutung laut Duden die, die Sie grad bitten nicht zu verwenden.
      Ich hab ein paar Olympiaden-Bedeutungskorrektoren in meiner näheren Umgebung, vielleicht hab ich es selber auch schon getan… jedenfalls: Es stimmt nicht (mehr), dass es nur den Zeitraum benennt. Die deutsche Sprache bleibt in Bewegung.
      https://www.duden.de/rechtschreibung/Olympiade
      PS: Wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen wollen alle Tippfehler auf unserer Seite zu korrigieren, richte ich Ihnen sofort einen Benutzeraccount dafür ein 😉

      1. Sprache ist in der Tat ein lebendiges System und einem kontinuierlichen Wandel unterworfen. Der Begriff Olympiade wurde auch schon früher als Synonym für Olympische Spiele verwendet, auch wenn sich den humanistisch Gebildeten dabei sämtliche Haare aufstellen…..

        Im Englischen und anderen Sprachen wird hingegen noch genau zwischen „Olympics“ und „Olympiad“ unterschieden.

        1936 schrieb Sektionschef Dr. Mumelter diesbezüglich folgenden Leserbrief an den Tiroler Anzeiger:

        „Olympische Spiele und nicht Olympiade!
        Man liest und hört Heuer öfter von der Berliner
        „Olympiade“, von der Winterolympiade in Garmisch-
        Partenkirchen und von der Sommerolympiade in
        Berlin und Kiel. Der fremde Ausdruck „Olympiade“
        bezeichnet in erster Reihe den Zeitraum von einem
        Olympischen Spiel zum anderen und die Griechen
        rechneten sogar nach diesem Zeitabschnitt von vier
        Jahren. Man sollte also nicht auch die Kampfspiele
        selbst „Olympiade“ benennen, um so mehr, als für
        diese der kurze und schöne Ausdruck „Olympische
        Spiele“ (Olympische Sommerspiele, 11. Olympische
        Spiele) zur Verfügung steht. Es ist auch nichts dage­
        gen einzuwenden, daß in Zusammensetzungen dafür
        die Abkürzung „Olympia“ nach dem griechischen Schau­
        platz dieser Kampfspiele gebraucht und von Olympia-
        Gästen, Olympia-Helfern, vom Olympia-Schauplatz
        Kiel geschrieben oder gesprochen wird. Aber die Be­
        zeichnung „Olympiade“ bleibt besser dem Zeitraum
        zwischen zwei Wettspielen Vorbehalten. (Sektionschef
        Dr. Mumelter, Deutscher Sprachverein.)“

        Tempi passati!

  3. Eine Adhoc-Recherche im Textkorpus des Zeitungsarchivs Anno brachte folgendes Ergebnis:
    Olympiade, 20.151 Ergebnisse
    „Olympische Spiele“, 3.225 Ergebnisse

    Man sieht, dass Olympiade in der Praxis schon immer der weitaus dominantere Begriff war, und die Unterscheidung ein Fall für den akademischen Elfenbeinturm ist.

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