Post aus Hollywood
Ende November 1947 griff der Komponist Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) in Hollywood zu Feder und Papier, um an seine alte Bekannte Maria Rosa Gräfin Pfeil (1897-1973), geb. Gräfin Spiegelfeld, einen Brief zu schreiben. Die beiden kannten sich aus Jugendtagen in Wien, hatten gemeinsam Konzerte gegeben und später immer wieder auch miteinander korrespondiert. Bis zu ihrer Hochzeit mit Karl Friedrich Graf Pfeil hatte Maria Rosa unter dem Künstlernamen „Maria Rossi“ eine Gesangskarriere verfolgt, die sie bis an die Breslauer Oper führen sollte … doch zurück zum vorliegenden Brief. Der aus einer jüdischen Familie stammende Erich Wolfgang Korngold hatte schon früh als musikalisches Wunderkind Furore gemacht und bereits 1916 seine ersten beiden Opern fertiggestellt.
An die „liebe Gräfin Rosi! (auch ich kann mir kaum eine andere Anrede vorstellen!)“ schrieb er am 27. November 1947 nach Innsbruck:
Das war wirklich eine grosse, unerwartete Freude von Ihnen nach so langer Zeit einen so lieben und ausführlichen Brief zu erhalten! Innigen Dank! Ich kann nur von Herzen hoffen, dass Sie bald Nachricht von Ihrem in Gefangenschaft geratenen Sohn erhalten mögen und dass ein baldiger Friedensschluss mit Österreich Ihnen und Ihrer Familie Erleichterung in der Lebensführung und Erholung von all den Schreckenserlebnissen der letzten Jahre bringen möge!
Ich bin nun schon seit fast 5 Jahren amerikanischer Staatsbürger (wir kamen 1934 erstmals nach Amerika, leben hier ständig seit Februar 1938 – 6 Wochen vor dem gloreichen „Anschluss“); wir haben ein schönes, geräumiges Häuschen, 4 Meilen von Hollywood und nur ein paar Minuten von meinem bisherigen Filmstudio (Warner Brother), direkt an einem kleinen See gelegen, mit Aussicht auf hohe Bäume, Hügel und Berge – wie im Salzkammergut!
Ich habe 18 grössere Film-musiken [sic] geschrieben, zweimal den Akademie-preis [sic] gewonnen („Anthony Adverse“ und „Robin Hood“). Heifetz hat mein neues Violinkonzert (das Gimpel im vergangenen Jahr mit Klemperer in Wien gespielt hat) in St. Louis, New-York und Chicago aus der Taufe gehoben; der Uraufführungs-erfolg [sic] nei Publicum und Presse in St. Louis brachte mir die grösste Ovation seit der Wiener „Toten Stadt“. Ausserdem habe ich Kammermusik, einen Psalm für Chor, Solo und Orchester sowie mehrere Shajespeare-Liederhefte komponiert. In New York, San Francisco und Los Angeles habe ich die „Fledermaus“ und die „schöne Helena“ mit derartigem Erfolg dirigiert, dass z.B. die „Fledermaus“ (unter dem Titel „Roselinde“) in New York 700 Ensuite-Aufführungen (von denen ich natürlich nur eine ganz beschränkte Anzahl zu Beginn selbst dirigiert hatte) erleben konnte!
Gerade in letzter Zeit allerdings ist es mir nicht allzu gut ergangen. Nach sehr anstrengender Dirigier-Zeit im vergangen Frühsommer und darauffolgender (scheinbar sehr erholender) Auto-tour [sic] durch die Canadischen „Rocky Mountains“ (die sich an Schönheit und Grossartigkeit mit den Dolomiten und der Schweiz messen können) habe ich im September eine Herz-Attaque (kleine „Trombose“) erlitten und musste 6 Wochen fast bewegungslos im Bett verbringen. Seit Ende Oktober aber bin ich bereits wieder auf, wenn auch einigermassen schwach und wackelig, und kehre langsam ins Leben zurück. Offenbar sind die Aufregungen der letzten 10 unseligen Jahre, auch wenn man sie nicht unmittelbar selbst miterlebt hat, an keinem von uns spurlos vorübergegangen …
Mein älterer Sohn, fast 23jährig, ist schon seit 1 1/2 Jahren verheiratet, mit einem sehr lieben amerikanischen Mädel, sehr sanft, aber ohne Persönlichkeit; er selbst war bis zum deutschen Kriegsende in der Marine, kam glücklicherweise nicht mehr nach Japan! Der jüngere Bub, der in 3 Wochen 19 wird, ist musaikalisch sehr begabt, studiert Musik bei einem Wiener Komponisten, Harmonie und Contrapunkt, ist wirklich ein besonders lieber Kerl, aber leider so faul, dass er es höchstens zu einem Kapellmeister bringen wird!
Meine Frau, die unverändert schön und lieb gebliben ist, lässt Sie herzlich grüssen.
Meine Mutter, die sich nach dem Tode meines Vaters, zwei Jahre zurück, nur langsam erholt hatte, heute aber, sowohl geistig wie körperlich, trotz ihrer 75 Jahre erstaunlich rüstig ist, bittet mich gleichfalls Sie und die Ihren auf das allerherzlichste zu grüssen; auch sie hat sich ungemein gefreut, von Ihnen zu hören!
Ich übersende Ihnen gleichzeitig (aber nicht Luftpost) die „Abschiedslieder“, „Sommer“, „Liebesbriefchen“, „Mariettas Lied“, „Was Du mir bist“, „Welt ist stille eingeschlafen“ (alle mit deutsch – englischem Text) und meine neuen „Narrenlieder“ aus „Was ihr woll“ (englisch) und freue mich, dass Sie meine Musik nicht vergessen haben und sie weiter singen und lehren wollen, so dass sie in meinem Vaterland lebendig bleibe! Hoffentlich gelangt meine Sendung rechtzeitig für die Weihnachtszeit bei Ihnen ein!
Und bevor ich schliesse, noch ein optimistischer Ausblick: Sie schreiben: „wir werden uns im Leben wohl nicht mehr wiedersehen“. Ich bin dessen nicht so sicher. Wenn es die Weltlage zulässt, planen wir im kommenden Jahre Europa zu besuchen! Wir sind von Freunden an die französische Riviera eingeladen. Ein Ausflug von dort nach Österreich (Turin, Mailand, Verona, Bozen, Innsbruck, Salzburg) ist bestimmt nicht ein „Luftschloss“ …
Und dann werde ich mich zu überzeigen wissen, ob meine liebe alte Gräfin Rosi wirklich eine so uralte geworden ist! – Mit den innigsten Wünschen und Grüssen von uns allenan Sie und Ihre Lieben verbleibe ich Ihr ergb. Erich Wolfgang Korngold
Tatsächlich sollte Erich Wolfgang Korngold mit seiner Frau und einem seiner Söhne im Juni 1949 nach Österreich reisen. Er verbrachte u.a. zwei Tage in Innsbruck und da gab es auch ein Wiedersehen mit „Gräfin Rosi“.
(StAI, Nachlass Pfeil-Spiegelfeld)
… baldigen „Friedensschluss“ (?)
Das war jetzt Gedankenübertragung 🙂 Hatte das gerade in dem Moment ergänzt, als Sie kommentiert haben.