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Marxismus = Arbeiterverrat!

Marxismus = Arbeiterverrat!

Am 25. Mai 1923 hielt der Leiter der NS-Betriebszellenorganisation Stephan Kroyer in den Stadtsälen einen Vortrag mit dem Titel „Marxismus = Arbeiterverrat“.

Kroyer wetterte mit beißender Polemik gegen „Parteibonzen“ und den Internationalismus der Linken, die sich um „ein paar hingerichtete Neger“ in den Vereinigten Staaten mehr kümmere als um das Leid tausender „Volksgenossen“. Wie sehr die Sozialisten vom wahren Weg abgekommen waren, wäre daran zu erkennen, dass sie 1927 den Justizpalast statt der Wiener Börse in Brand gesteckt hätten. Seine Rede beendete Kroyer mit der Parole „Der Marxismus muss sterben, damit der Sozialismus leben kann!“

Neben zynischen Appellen um Stimmen der Arbeiter einzuheimsen sahen manche Nationalsozialisten auch augenscheinlich ähnliche Probleme in der liberalen Gesellschaft wie marxistische Denker: alles werde zu einer Ware, die Menschen verlören ihre persönliche Beziehung zu einander und zu ihrer Arbeit. Der Zusammenhalt der Gesellschaft werde zersetzt und der Antagonismus zwischen den Klassen würde sie letztlich zerreißen.

Die Gründe wurden jedoch freilich anderswo gesehen: Für die Marxisten lagen sie in der kapitalistischen Produktion, bei der der Kapitalist den Arbeiter ausbeute indem er den Mehrwert seiner Arbeit abschöpfe. Durch die Akkumulation von mehr und mehr Kapital in den Händen der Wenigen würden die Arbeiter allmählich immer stärker verelenden. Für die Nationalsozialisten war die Ursache einfacher, ja einfach genug, sie in ein Wort zu fassen: der Jude.

Adolf Hitler machte in Mein Kampf unmissverständlich klar, dass es sich für ihn bei „den Juden“ um einen geradezu manichäischen Bösewicht handelte, der letztlich nach nichts Geringerem trachtete als der Vernichtung der menschlichen Spezies. In seinem Pamphlet „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir“[1] machte Dietrich Eckart aus „dem Juden“ die heimliche Kraft hinter allen „Anomalien“ und Katastrophen der Weltgeschichte. Die Idee, dass es sich beim Bolschewismus (grob gesprochen die leninistische Version des Marxismus in Russland) um eine jüdische Ideologie handelte, war eine Erfindung der NS-Propaganda; dass es den Bolschewismus Jahrtausende vor Marx oder der industriellen Revolution gegeben hat, war freilich ebenso unsinnig. In der NS-Denkweise war es aber natürlich einfach, überall jüdische Beteiligung zu sehen, da man ja weder praktizierender Jude sein musste um als solcher zu gelten, noch beide Eltern jüdisch sein mussten. Es genügte, wenn sich irgendwo im Stammbaum jemand jüdischen Bekenntnisses finden ließ und voilà, schon war der Beweis erbracht, dass auch hier die finstere Weltverschwörung am Werk war.   

Hitler vergleicht in dem Pamphlet seine „Entdeckung“ der „jüdischen Weltverschwörung“ mit der Arbeit eines Astronomen, der Unregelmäßigkeiten in den Planetenbahnen beobachtet und Anhand ihrer die Position eines neuen Himmelskörpers bestimmt, auch wenn in das Auge noch nicht sehen kann. Ebenso ließe sich die Weltverschwörung nur erkennen, in dem man die Fäden ausmacht, an denen die geheimen Puppenspieler ziehen. Solche Analogien sind natürlich klug gewählte Propaganda, die allesamt darauf abzielen, den Leser ob der schattenhaften Bedrohung erschaudern zu lassen, damit er bei den angeblichen „Beweisen“ für die tödliche Bedrohung nicht mehr allzu genau hinsieht.

Die Anfänge der unvermeidlichen Folgen dieser Gedanken finden sich bereits auf der hier zu sehenden Einladung, in Form der ominösen kleinen Notiz am linken unteren Rand: „Juden bleiben zuhause“

(Signatur Fl-505)


[1] Das Pamphlet von Eckart wurde Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg von William L. Pierce, einem der prominentesten Vertreter der amerikanischen NS-Bewegung, ins Englische übersetzt.  

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