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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Map Stories: #Olympia Der Spinner

Map Stories: #Olympia der Spinner

Wenn Sie bis heute Früh nicht gewusst haben sollten, was clickbait ist, haben Sie hier nun in schönes Beispiel vor sich. Der Artikel hat mit Olympia nichts zu tun, allerdings am Rande mit Spinnern. Der Kartenausschnitt oben zeigt, um Ihre Motivation auf das Bild zu klicken zu erhöhen, den oberitalienischen Raum inklusive Mailand und Cortina sowie die dazwischen liegenden Landstriche. In diesen Regionen wurden, so die Legende, in den Jahren 1870 bis 1880 jährlich bis zu 14.000 Kilo Seiden-Kokons pro Quadratkilometer geerntet. Wir können das von hier aus nicht unabhängig überprüfen, aber die französischen Kartenmacher hätten keinen Grund gehabt, uns ob der genannten Zahlen in die Irre zu führen. Die Carte Séricicole de la Région Italique informiert nüchtern über Produktionsregionen und Qualität der gewonnenen Seide vor rund 150 Jahren.

Geht Ihnen der tägliche clickbait im Internet auch so auf die Nerven? „Dieser Schauspieler hat jetzt ein Problem hiermit“, „Jener ÖSV-Star wird bald Mutter“, „Ehemaliger Weltmeister nun Hausmeister“, so ähnlich klingen bald 80% der Überschriften in lokalen wie überregionalen online-Medien, die erst etwas verdienen, wenn ein Artikel angeklickt wurde und deshalb die Köder für zart mitfühlende Vatis, hellhörige Hausmeister:innen und arg Hollywood-Süchtige ausgelegt werden statt, wie es sich in der Überschrift geziemte, schon zu schreiben um wen es sich handelt und was das Thema ist. Mir persönlich vergeht wie bei jeder plumpen Anmache dabei die Lust auf „mehr“. Ich klicke gar nichts mehr und wundere mich, was man in Social-Media-Online-Tschournalism-Workshops für einen Schmarren lernt. Disclaimer: In unserem Blog erfährt man natürlich auch nicht immer schon aus der Headline, wohin die Artikel-Reise führt. Aber wir verdienen nichts an Ihren Klicks…

Die Seidenraupen-Karte (hier interaktiv zu konsultieren) hat mich eigentlich erst interessiert, als ich das Kleingedruckte der Überschrift gelesen habe. Unabhängig von der letzthin in Werberkreisen etwas patschert gestellten Frage, ob man sich in Nordtirol luschtig über den Südtiroler Dialekt machen darf hat mich interessiert, wie die französischen Kartenmacher hier den Tessin, das Friaul und le Tyrol einzeichnen würden. Wir sind ja alle mit Landkarten großgezogen wurden, auf denen die existierende Brennergrenze irgendwie farblich verschwunden ist; hier, in den 1880ern, wird die noch lange nicht gezogene Wasserscheidengrenze schon eingebaut. Ob das nun der Pragmatismus der landwirtschaftlichen Fachabteilung der Handelskammer von Lyon ist oder schon Pan-Mediterranter Irredentismus, muss uns heute ja nicht mehr empören, aber interessant ist es doch. So wie das mit der Seide. In Nordtirol war es für die Züchtung zu kalt. Hoffen wir, dass den Österreicher:innen bei Olympia südlich der Brennergrenze, frei nach Goethe, ein paar zitronengelbe Medaillen blühen.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. Ich lese „das Kleingedruckte“ schon so, dass man le Tyrol wie Friaul noch für einwandfrei Autrichien hielt, genau so wie der/das Tessin bei der Schweiz blieb und Korsika bei Frankreich. Région Italique ist bestenfalls ungenau bezeichnet. Bis aufs Tiroler Unterland die regions italophones wäre richtig(er) gewesen. Aber mehr sag ich lieber nicht, sonst hat das Archiv ohne meine Absicht kein Publikum mehr.

    Innsbruck erinnert sich ist insofern ein click bait, als die meisten Beiträge eine Klick- Kaskade durch die ganzen Schwindelzettel wie Google, Maps, gv.tirol und Wiki zur Folge hat.

  2. „MORACEAE“
    Morus alba, Weißer Maulbeerbaum, China.
    Einige mehr als 150jährige Bäume am rechten Innufer beim Saanatorium und im Sternbachgarten erinnern an die Seidenkultur, die damals in Mühlau betrieben wurde (vgl. Klein Hugo, Vom Seidenbau im Inntal, Innsbrucker Nachrichten 1926, Nr.122)
    (Der Innsbrucker Hofgarten und andere Gartenanlagen in Tirol – Schlern-Schriften 231, Seite 183)
    Auch beim Palais Ferrari stand ein großer alter Maulbeerbaum. Einen gibt es – oder gab es – auch in Ibk-Arzl, am Südanfang des Eggenwaldwegs(?), gleich westl. hinterm Zaun.
    Und, ja, mein Nonna hat mir immer wieder erzählt:
    Daß die Eier des Seidenspinners in kleeinen gefalteten „Briefchen“ im Frühjahr an die Frauen ausgegeben wurden –
    -daß diese Briefchen – Herren bitte weeghören! Nur für Damen! – am Busen verwahrt werden mußten, bis die Raupen schlüpften –
    – daß die Raupen darauf in flachen niedrigen Holzkisten gehalten wurden –
    – daß sie mit frisch gepflückten Maulbeerblättern gefüttert wurden –
    – die vor Sonnenaufgang gepflückt werden mußten, und zwar möglichst aus dem Wipfel –
    – und daß man daher meine Nonna – und wohl nicht nur sie – um 4h morgens neben das Bett auf den Boden herauslegte, damit sie aufwachte – und dann ganz hinauf in die Bäume steigen konnte, um das Futter pflücken zu können.
    Und wenn die Raupen so richtig grausig dick und fett geworden waren und sich verpuppten, kam der Verleger – oder wie immer – und bezahlte je nach gut geratenem Kokon. Ausschußware, die bereits ein knabberloch hatte, wurde wohl auch mitgenommen. Das „ging“ damm immer noch für „Schappseide“ (Shantungseide) mit ungleich dicken Fäden.
    Immerhin – ein kleines Nebeneinkommen im Trentino, einer Gegend, welche noch nie von Überfluß bestimmt war.
    Und als meine Nonna 12 Jahre alt war, sagte die Stiefmutter zum Vater „Jetzt kann ich das Mädchen nicht mehr brauchen“ – und sie wurde vom weiteren Schulbesuch dispensiert – und nach Leifers in die Seidenfabrik, die „filanda“ gesteckt…
    Vielleicht eh nicht schlecht, daß Nordtirol kein Maulbeer- und Seidenraupengebiet war. Oder?

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