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Le Roi Est Mort, Vive La Reine.

Le roi est mort, vive la reine.

Wenn dies heute jemand sagen, oder schreiben, womöglich sogar dafür Ausgezeichnet werden würde, dann würde in Innsbruck und Umgebung wohl kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. In einem tief gläubigen Land, dessen Traditionsbewusstsein hochgehalten wird, wiegen Veränderungen, auch gesellschaftlicher Art, oftmals schwer. Heidnische Begrüßungs-Formeln an zentralen Knotenpunkten wie, der Autobahnauffahrt Innsbruck Mitte, offenkundig in plastischer Form dargestellt, brüskieren immer noch Teile der Bevölkerung. „Meine Göttin, das sind Probleme“ –  mag sich hier der und die ein oder andere nun denken. Erstaunlicherweise, so erscheint es zumindest dachte man da in Tirol, im Jahre 1973 schon etwas fortschrittlicher. Dies Bild lässt zumindest darauf schließen. Die patriarchale Dominanz bei Ehrenverleihungen der Stadt Innsbruck, in Form von Architekt Hubert Prachensky, Dr. Karl Kunst, Dr. Walter Richter und Senior W. Liebenwein, täuscht nicht über die Strahlkraft der kleinen zierlichen Dame ganz rechts hinweg, dessen literarisches Schaffen, heute wohl einen gesellschaftspolitischen Eklat hervorrufen würde, zur damaligen Zeit in seiner Brisanz jedoch kaum Aufsehen erregte. Mehr noch, ihr literarisches Gesamtwerk wurde im Jahre 1973, hier zu sehen, mit dem Ehrenring der Stadt Innsbruck ausgezeichnet. Um wen und was es sich handelt? Um die Innsbrucker Mundartdichterin Anni Kraus, genauer genommen um ihr Gedicht „Wenn die Berg streitn“, aus dem Jahr 1963. Darin werden die Berge rund um Innsbruck als anthropomorphe Gestallten beschrieben, die sich ranken und zanken, zu früher Morgenstunde, über den Köpfen der Bewohner Innsbrucks. Erst das energische Einschreiten – nun aufgepasst -, der KÖNIGIN Serles, beschwichtigt die ihr untergebenen Streithähne.

Hier ein Auszug des Gedichtes:

„Wenn die Berg streitn“ von Anni Kraus

Hobt ös no nia unsere Berg gheart streitn?

Dö hadern schon seit urdenkliche Zeitn.

Grod in der Früah muß man die loser aufsperrn,

do kriagt man nette Sachelen z` hearn.

Der Patscherkofl isch der zwiderste Gsell,

a olter Stänkerer, meiner Seel!

Hot er nit heut an Schneeballn gschmissn

und der Frau Hitt ihrn Neblschleier derrissn.

Dabei lacht er no voll Hinterlischt

und sogt: „Weibele, i mecht grod frogn

wia d` heut aufgelgt bischt.“

Die orme Haut, zerscht gonz derschrockn,

beutlt `n Schnee von ihre Lockn.

„Mein Herr, Sie vergessn wohl, ich bin eine Dame,

Frau Hitte, bitte, ist mein Name.“

„Geah, du uralte Schachtl, mit dein fuaßlahmen Gaul,

bischt jo schun long zun Schneuzn z` faul.“

„Und Sie haben eine Glatze, Herr Patscherkofl,

und sind ein Charakter, schon mehr als schofl,

sonst würden Sie nicht gestatten, daß dies Menschengezücht

tagtäglich auf Ihrem Kopf herumkriecht.

Ich steh allein hier, ganz nahe dem Himmel,

und spucke auf dieses Menschengewimmel.“

„Hoscht recht, du arrogante Nockn,

bleib alloan auf dein Spleen obn hockn,

die Innschbrugger hom a Gaudi mit meiner Glotzn,

und i laß mir sie gern a bißl kratzn.!

„Geah moch di decht nit gor a so rar,“

schreit iatzt voller Wuat das Hafelekar.

„I bin jo schließlich a no auf der Welt,

und mit meiner Bahn isch`s besser bstellt.

Frog amol die ormen Schwazer,

wegn Dir sein sie hin, du olter Potzer.“

Iatz brüllt der Glungezer: „Gebts amol Ruah,

i bin nervös und will no schlofen in der Fruah.“

Bis iatzt hot die Nockspitz still zuaglost.

Auf oamol sogt sie gonz erbost:

„Mei klassische Nosn

Hon i gestern von an Künstler omaln lossn.“

Auf dös hin muaß der Bettelwurf derartig lachn,

dass die gonzn Inntoler aufwachn.

Und boshaft spöttlt die Martinswand:

„Die klassische Nosn passt holt eini ins gscherte Tiroler Land.“

„Und ich befehle, jetzt ist Schluß,

ich seh der Sonne ersten Strahlengruß,

da habt ihr zu schweigen

und euch als Majestät zu zeigen.“

Königin Serles hot so gsprochn,

drauf sein die Dickköpf zsammenkrochn,

und still, gonz still wird`s auf die Gipfl,

verschlafn recken sich die Tannebwipfl,

die Sunn streicht drüber in goldener Pracht.

Iatzt hom die Innschbrugger die Augn aufgmocht.

sein gonz damisch von der Herrlichkeit

und vergessn auf Politik und Streit.

Und i bet im stilln frisch und fromm: Gott Lob und Dank, dass mir die Serles hom!

Die Serles, „der Hochaltar Tirols“, „KÖNIG der Berge“, wie er auch oft genannt wird, erfährt in dem Gedicht Kraus´s eine geschlechtliche Umdeutung. Der Sagenumwobene Riese und König, der durch Gotteshand zu Stein erstarrte und fortan als „Serles, König der Berge“ bekannt wurde, ist nicht mehr. Lang lebe die Königin.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck; Ph-13485)

Autor: Lucas Brand

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare
  1. Falsch, falsch, falsch! 🙂

    Das heißt Serles*in. Der Steinhaufen könnte ja auch ein weißgoött*was*in sein.

    Grüß Gött*in schießt sich hingegen wegen des Umlauts sowieso ins Knie.

    Nur schade, dass man statt des kilometerbärtigen Flachwitzes Grüß Göttin die viel lustigere Gartenzwergsammlung bei Innsbruck Mitte entfernt hat. Ebenso nur ein Gag und keine Kunst, aber witziger.

    1. Die Gartenzwerge lenkte die Autofahrer all zuviel ab, die Göttin polarisiert scheint’s heute noch. Ich denke das ist ihr ganz recht, denn Kunst wollte sie nie sein. Den Gott Begriff haben nämlich die Menschen erfunden, vielleicht sogar erschaffen. Gott allein weiß warum….

  2. Ach die Anni Kraus. Ich kann mich noch an sie erinnern. Im Saggen hat sie gewohnt und einen großen schwarzen Hund hatte sie. Meine Mutter war damals ganz begeistert von ihr. Ich hab’s erst später so richtig verstanden.

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