Kaiserliche Durchfahrt
Im November/Dezember 1954 weilte der Kaiser von Äthiopien Haile Selassie in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz und Österreich auf Staatsbesuch. Bei dieser Reise fuhr er zweimal mit dem Zug durch Innsbruck.
Bei der ersten Durchfahrt – von der Schweiz kommend – passierte der Zug mit dem Kaiser gegen Mitternacht Innsbruck. Der Kaiser schlief zu diesem Zeitpunkt und so konnten die wenige Schaulustigen keinen Blick auf den König der Könige werfen. Bei der Rückfahrt von Wien kommend, war indes ein Aufenthalt von wenigen Minuten in Innsbruck geplant. In diese wurde dann das gesamte Programm des Empfangs gepackt: Musikkapelle, Händeschütteln, Foto – und schon war der Besuch wieder vorbei. Die angeblich mehr als tausend Schaulustigen hatten somit nur kurz Gelegenheit das Spektakel zu erleben, ein Blick auf Haile Selassie war diesen aber nicht vergönnt, denn der Kaiser verlies seinen Salonwagen nicht. Einen Bericht von dem Ereignis können Sie hier lesen. Weitere Berichte von der Europareise des Kaisers – gespickt mit Stereotypen und Exotismen – finden sich davor und danach in den Innsbrucker Zeitungen.
Bemerkenswert an der Schilderung in der TT waren für mich mehrere Dinge. Einerseits stellte man den „Besuch“ von Haile Selassie in die Reihe anderer Stippvisiten gekrönter Häupter am Innsbrucker Bahnhof: vom Schah von Persien, über Königin Victoria, Wilhelm II. und natürlich Kaiser Franz Joseph. Der Fokus auf gekrönte Häupter ermöglichte es auch, die fatalsten Durchreisen am Innsbrucker Bahnhof in der jüngeren Vergangenheit – jene von Hitler und Mussolini – nicht erwähnen zu müssen, das hätte das Selbstbild von Österreich in der Nachkriegszeit wohl zu sehr gestört. In dieses Bild passt außerdem, dass ein österreichischer Begleiter des Kaisers offenbar eine Verbindung von Tirolern und Äthiopinern herausgestrichen habe, indem er betonte, dass beide die Italiener aus ihren Ländern vertrieben hätten – die Tiroler 1809 und die Äthiopier in den Kriegen von 1896 und dann gegen das faschistische Italien ab 1935. Da hat wohl jemand im Geschichtsunterricht nicht so ganz genau aufgepasst. Die Anwesenheit eines Südtirolers am Perron, der zwei Jahrzehnte zuvor im Abessinienkrieg auf der Seite Italiens gegen Haile Selassies Armeen gekämpft hatte und nun in Innsbruck am Bahnsteig den Kaiser erblicken wollte, verdeutlicht indes doch die komplexe Verbindung der Geschichte Tirols/Südtirols und Äthiopiens.
Im Bild sehen Sie Haile Selassie, rechts von ihm seine Schwiegertochter und sein Sohn Makonnen Haile Selassie, Herzog von Harar, der wenige Jahre später bei einem Autounfall ums Leben kommen sollte.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum Ph-22455)
An das Bild kann ich mich genau erinnern, gesehen hat man den Kaiser schon, aber eben nur am Wagonfenster. Meine Mutter hat mich damals auf den Bahnhof mitgenommen zum „Kaiser schauen“.