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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Für Die Frau Geschrieben

Für die Frau geschrieben

In den Sechziger Jahren sind Frauen in der Zeitung zumeist unterrepräsentiert. Doch beim Blättern in der Tiroler Tageszeitung aus dem Jahr 1961 fällt auf: Auch Frauen finden hier ihren Platz. Ihnen wurde eigens eine ganze Seite gewidmet, zumindest jeden Samstag einmal. Und diese Seite war sogar doppelt so lang, wie die Kinderzeitung. Diese Rubrik nannte sich „Für die Frau geschrieben“. Die Artikel waren von Frauen geschrieben und behandelten alles, was Frauen in dieser Zeit interessierte. Oder zu interessieren hatte?

Auf einer solchen Seite haben mehrere Artikel Platz. Am 7. Oktober 1961 ging es bei einem davon um das Autofahren. Ich möchte Sie heute an diesem bittersüßen Lesestoff teilhaben lassen:

„Selbstverständlich fährt mein Mann hervorragend. Kein anderer Autofahrer lenkt sein Fahrzeug zugleich so vorsichtig und schneidig, so motorschonend und zügig wie er. Seine niederschmetternden Urteile über andere Verkehrsteilnehmer während der Fahrt haben die Überzeugung von seiner Ueberlegenheit tief in den Herzen seiner mitfahrenden Familie eingegraben. Papi am Lenkrad ist einfach fabelhaft.“

Dieser Lobhymne muss ein Autofahrer erst einmal gerecht werden. Auch der Fahrstil der Frau wird ausgiebig beleuchtet. Sogar mit einer gewissen Portion Ironie:

„Auch Mutter hat ja in der Fahrschule einmal die Bedeutung eines Vorfahrtschildes erläutert bekommen. Das hindert ihren Eheliebsten jedoch nicht daran, sie nochmals darauf hinzuweisen, daß sie auf dieser oder jener Straße Vorfahrt hat. Fährt sie an eine Ampel heran, spricht er weise: ‚Vorsicht, rot!‘ Wer hätte das gedacht! Mutter schluckt und sagt: ‚Vielen Dank für den wertvollen Hinweis!'“

Es folgen weitere Klischees, zum Beispiel, dass die Frau kein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt beim Schalten hat. Oder weniger und weniger schnell überholt, aber sobald sie es tut, fährt sie nicht mehr vorsichtig genug. Es sind schließlich Kinder im Auto.

„Am Ziel der Fahrt angekommen, zieht der Mann, noch ehe seine Frau das tun kann, mit Wucht die Handbremse an, hilft ihr aus dem Wagen und spricht gönnerhaft: ‚Du fährst wirklich ganz nett, nur ein bißchen unausgeglichen.'“

Die Frau ist frustriert und fragt sich, was sie ändern kann, damit ihr Mann die ständigen Kommentare sein lässt. Sie hat (zumindest ein wenig) Vertrauen in ihre eigenen Fahrkünste:

„Gerne geben wir zu, daß seine Erfahrungen als Panzerfahrer oder Nachtjäger seine Fahrkünste unerhört verfeinert haben, aber das schließt ja nicht aus, daß auch seine Frau ohne diese ungemein wertvollen Ausbildungsjahre die moderne Verkehrssituation halbwegs vernünftig meistern kann. Ihn davon überzeugen zu wollen wäre freilich vergebliche Mühe. An jeder Kreuzung an der man sich so oder aber so verhalten könnte ist er garantiert anderer Meinung als seine Frau und gibt seiner Voreingenommenheit neue Nahrung. Unglücklicherweise wird dann die Frau durch die ständige Beaufsichtigung so irritiert, daß sie tatsächlich manchen Fehler macht, der ihr ohne Aufpasser nicht unterlaufen wäre.“

Ich muss zugeben, ich war überrascht dies zu lesen. In diesem Absatz steckt sicherlich ein großes Stück Wahrheit und ich habe schon zu hoffen gewagt, dass die Autorin Sibylle für die Auto fahrende Frau plädieren möchte. Schließlich geht aus vielen Sätzen hervor, das Frauen durchaus einen Führerschein haben und in der Lage sind, Auto zu fahren. Doch für diese Freude war es leider zu früh. Das Fazit des Artikels ist ernüchternd und spricht sehr für seine Zeit:

„Aus diesem Teufelskreis gibt es nur einen Ausweg: aussteigen und ihn fahren lassen. Sobald er sein Lenkrad in der Hand hat, ist er wieder ein netter Mann.“

(Stadtarchiv/ Stadtmuseum Innsbruck, Ph-39427)

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Fünf Jahre später waren in der Fahrschule schon etliche Frauen, wenn auch bei weitem nicht in annähernd gleicher Zahl. Darunter auch eine A-Schein Kandidatin, die sich vor der Prüfung noch schnell die Vespa erklären hat lassen. Sie hat meiner Erinnerung nach bestanden. Die Motorradfahrschüler und -innen mußte übrigens zusätzlich wissen, dass der Zeitaktmotor keine Motorbremswirkung hat. Heute fahren die Biker so als wie wenn sie überhaupt keine Bremsen hätten.

    Ob meine Mutter diese Frauenseite gelesen hat weiß ich nicht. Eher den Fortsetzungsroman, der Tag für Tag abschnittsweise abgedruckt war. Manchmal erzählte sie mir was daraus.

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