Erinnerung an die Brennerbahn – Endstation Bozen/Bolzano
Mit dem heutigen Beitrag fahren auch wir in den Endbahnhof unserer Reise ein: Bozen. Wobei „Endbahnhof“ historisch natürlich nicht ganz richtig ist, denn die Eisenbahn war schon einige Jahre vor der Eröffnung der Brennerbahn in Bozen angekommen. Bereits 1859 wurde die Strecke von Verona über Trient nach Bozen eröffnet, es fehlte lediglich die Verbindung nach Norden. Mit der Eröffnung der Strecke von Bozen über den Brenner nach Innsbruck im Jahr 1867 wurde diese Lücke geschlossen und eine durchgehende Eisenbahnverbindung über die Alpen geschaffen. Genau an diesen Lückenschluss erinnert unser Album und deshalb endet auch unsere Reise hier in Bozen.
Folglich ist auch der Bahnhof älter als die Brennerstrecke. Als 1859 die ersten Züge von Süden her Bozen erreichten, war hier zunächst Endstation. Erst acht Jahre später konnten die Züge weiter durch das Eisack- und Wipptal über den Brenner bis nach Innsbruck fahren.
Wie der Bahnhof in seinen ersten Jahrzehnten aussah, zeigen gleich mehrere Aufnahmen aus unserer Sammlung. Eine davon dürfte noch vor 1910 entstanden sein. Vom späteren monumentalen Bahnhofsgebäude mit seinem markanten Turm ist hier natürlich noch nichts zu sehen. Stattdessen präsentiert sich das Umfeld überraschend grün und beinahe vorstädtisch mit den Bergen als eindrucksvolle Kulisse.

Einen ganz anderen Überblick bietet unser Titelbild, das ebenfalls aus der Zeit vor 1910 stammen dürfte. Hier sehen wir Bozen mit der Eisenbahn im Vordergrund: Ein Zug überquert gerade die Eisack, dahinter erstreckt sich die Stadt. Die Aufnahme macht schön deutlich, wie die Bahntrasse damals unmittelbar an die noch vergleichsweise kompakte Stadt heranführte.

Noch besser lässt sich die Größe der Bahnanlagen auf einer alten Ansichtskarte erkennen. Links unten ziehen sich zahlreiche Gleise durch das Bild, über dem Bahnhofsgelände steigt der Rauch einer Dampflokomotive auf. Bozen war zu diesem Zeitpunkt längst kein kleiner Endbahnhof mehr. Nach der Eröffnung der Brennerbahn war 1881 auch die Verbindung nach Meran hinzugekommen; später nahm hier zudem die Überetscher Bahn ihren Ausgang. Aus dem einstigen Endpunkt einer Strecke von Süden war ein bedeutender Eisenbahnknoten geworden.

Ein völlig anderes Gesicht zeigt der Bahnhof auf unserer nächsten Aufnahme. Sie dürfte um 1935 entstanden sein und bildet bereits das Ergebnis des großen Umbaus ab, den der Architekt Angiolo Mazzoni Ende der 1920er-Jahre vorgenommen hatte. Besonders auffällig ist natürlich der hohe Uhrturm, daneben erhebt sich das monumentale Empfangsgebäude. Auch auf dem Bahnhofsvorplatz herrscht reger Betrieb: Busse, Fahrräder und die Straßenbahn machen deutlich, dass der Bahnhof inzwischen zu einem zentralen Verkehrsknoten der Stadt geworden war.
Doch dieses neue Bahnhofsgebäude blieb nicht lange unversehrt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bozen aufgrund seiner Lage an der strategisch enorm wichtigen Brennerlinie zum Ziel alliierter Luftangriffe. Ab 1943 wurden insbesondere die Bahnanlagen und das umliegende Bahnhofsviertel wiederholt bombardiert. Die Brennerbahn war eine der wichtigsten Nachschubverbindungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Kriegsschauplatz in Italien, entsprechend groß war das Interesse der Alliierten, diese Verbindung zu unterbrechen.

Das Ausmaß der Zerstörung zeigt eine mutmaßlich kurz nach Kriegsende entstandene Aufnahme aus unserer Sammlung. Vom repräsentativen Bahnhofsgebäude stehen in diesem Bereich nur noch Teile der Fassade und einige Säulen. Dächer und Mauern sind eingestürzt, überall liegen Trümmer – wahrhaft ein drastischer Gegensatz zum belebten Bahnhofsvorplatz, den wir auf der Aufnahme aus der Mitte der 1930er-Jahre noch gesehen haben.
Nach dem Krieg wurde der Bahnhof wiederaufgebaut, wobei Mazzonis charakteristische Gestaltung in wesentlichen Teilen erhalten blieb. Deshalb lässt sich der Bau der Zwischenkriegszeit bis heute erstaunlich gut wiedererkennen. Der markante Turm und das Empfangsgebäude prägen weiterhin den Bahnhofsplatz, und Bozen ist nach wie vor einer der wichtigsten Eisenbahnknoten Südtirols.
Mit diesen Eindrücken sind wir am Ende unserer langen Reise entlang der Brennerbahn angekommen. Von Innsbruck ging es zunächst hinauf zum Brenner und von dort entlang des Eisacks durch Tunnel, über Brücken und vorbei an großen Bahnhöfen und winzigen Haltestellen bis nach Bozen. Dabei haben wir nicht nur die Bahn selbst kennengelernt, sondern auch Burgen, Dörfer, Täler und erstaunlich viele Bergpanoramen, schließlich wissen wir inzwischen nur zu gut, dass die Eisenbahn in unserem Erinnerungsalbum nicht immer die Hauptrolle spielen durfte.
Ich hoffe, unsere Leser*innen hatten an dieser Reise ebenso viel Freude wie ich und haben unterwegs das eine oder andere Neue entdeckt. Besonders bedanken möchte ich mich für das Interesse, die vielen Kommentare und Hinweise, mit denen einige der kleinen und größeren Rätsel entlang der Strecke gelöst werden konnten.
Damit heißt es für unsere Reise nun tatsächlich: Endstation Bozen.
(Stadtarchiv/Stadtmuseum KR-PL-605, KR-NE-4563, KR-NE-4566, Ph-12062, Ph-15680)