Die Geschichte der Bartgeier – Ausrottung und Wiederansiedelung
Da ich kürzlich das Glück hatte, einen Bartgeier in freier Natur zu sehen (ja, Archivar*innen gehen auch ab und zu mal in den Bergen wandern), möchte ich diesen Tieren heute einen Beitrag widmen. Ihre Geschichte ist nämlich eng mit Innsbruck verwoben. Dass ich einen sehen konnte, liegt an Auswilderungsprojekten des Alpenzoos in den Siebziger und Achtziger Jahren. Aber fangen wir am Anfang an.
Der Bartgeier, früher auch Lämmergeier genannt, ist ein in den Alpen heimischer Aasfresser, der sich vor allem auf Knochen(-mark) als Nahrung spezialisiert hat. Er kann eine Flügelspannweite von bis zu 2,90 m haben und lebt meist in Paaren zusammen, oft lebenslang. Von zwei abgelegten Eiern überlebt in der Regel nur ein Jungvogel.
Bei meiner Recherche in den Innsbrucker Zeitungen gibt es die ersten Suchtreffer schon in den 1830er Jahren. Zu der Zeit, werden die Tiere noch hauptsächlich als Lämmergeier bezeichnet. Dies lag an ihrem schlechten Ruf und vielen Mythen, die sich um sie spannten. Angeblich rissen sie Lämmer und andere, kleine Weidetiere und in manchen Fällen sogar Kleinkinder. Diese Horrorgeschichten und sein schlechter Ruf sorgten dafür, dass die Art gejagt wurde. In einigen der Zeitungsartikel, die ich gefunden habe, wird der Bartgeier im gleichen Satz mit anderen „Schädlingen“ wie Steinadlern, Wölfen und Bären genannt, die allesamt geschossen wurden.
Im Jahr 1877 wird sogar davon berichtet, dass 28 Lämmergeier im Bretterwandgebirge an einem Schaf gefressen haben sollen. Drei von ihnen seien von einem Jäger erlegt worden, die anderen sollen sich im Thauerntal verteilt haben. Da es keine Prämie wie bei Bären gebe, würden sie laut den Bauern nicht verfolgt werden. Angesichts der natürlichen Verhaltensweisen der Tiere kommt mir diese Berichterstattung ein wenig „gedehnt“ vor. Es ist mir ein Rätsel, wie 28 Tiere gleichzeitig im selben Revier an einem Schaf gefressen haben sollen. Aber es zeigt deutlich, wie sehr sie damals als Bedrohung wahrgenommen wurden, vor allem von den Besitzer*innen von kleinem Weidevieh.
Die ausgiebige Jagd sorgte im Jahr 1881 für die Ausrottung des Bartgeiers in Tirol, unter anderem beschrieben in diesem Artikel der Innsbrucker Nachrichten. Der Letzte wurde in Pfunds mit einer Marderfalle lebend gefangen, von einem Vogelkundler gehalten und später ausgestopft im Naturhistorischen Museum in Wien ausgestellt.
In den folgenden Jahren gab es immer wieder angebliche Sichtungen. Dabei handelte es sich jedoch entweder um andere Geierarten oder den Steinadler. Letzter wird ebenfalls noch lang als „wertvolle Jagdtrophäe und großer Schädling“ gejagt und im August 1902 äußern sich die Innsbrucker Nachrichten sogar hoffnungsvoll, diese Art in absehbarer Zeit auszurotten, wie es mit dem Bartgeier gemacht wurde.
Das Image des Bartgeier wandelte sich im Laufe der Zeit, was sich gut an einem Artikel vom 20. Juni 1952 im Tiroler Anzeiger erkennen lässt. Darin wurde eine Ausstellung im Kleinen Hofgarten mit dem Titel „Lebende Tiere“ beschrieben. Dort konnte man einen lebendigen Bartgeier betrachten, was von bei den Besuchenden sehr gut ankam. Auch wurde erwähnt, dass die Art sich möglicherweise wieder fortpflanzen und in Österreich ansiedeln könne, was alle Naturschützer*innen freuen würde.
Der Alpenzoo begann in den 1970er Jahren mit der Zucht von Bartgeiern um sie hier wieder anzusiedeln. Durch Kooperationen mit verschiedenen Zoos, die über die Alpen verteilt waren, gelang die Wiederansiedelung auch großflächig. 1986 wurden die ersten Tiere ausgewildert, Freilandbruten konnten ab 1997 festgestellt werden. Je nach Quelle variieren die aktuellen Schätzungen stark. Laut dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern befanden sich Stand 2024 zwischen 414 und 547 Individuen in den Alpen. Die Bestrebungen, eine vom Menschen unabhängige Population aufzubauen, halten weiter an. Bis heute ist das Tier auch im Logo des Alpenzoos zu finden.
Bei den Bartgeiern auf dem Titelbild handelt es sich um zwei Exemplare des Alpenzoos. Leider gibt es kein Datum zu der Aufnahme. Es wäre spannend zu wissen, ob sie ebenfalls ausgewildert wurden. Bei dem linken Vogel handelt es sich noch um ein recht junges Tier, erkennbar an dem schwarzen Gefieder. Rechts ist schon ein etwas älterer Bartgeier zu sehen.
(Stadtarchiv/ Stadtmuseum Innsbruck, Ph-20306)