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Ein Solides Investment (II.)

Ein solides Investment (II.)

Wenn der Finanzminister mit zwei Ministerkollegen, zwei Nationalratsabgeordneten und dem Präsidenten der Nationalbank um zehn Uhr abends in einer Besprechung sitzt, dann kann man vermutlich ahnen, dass nicht alles glattläuft. Wenn man dann erfährt, dass es sich in der besagten Besprechung um ein Unternehmen dreht, dessen Aktien man im Portfolio hat, dann bekommt man in der Nacht vermutlich ebenso wenig Schlaf wie die beteiligten Minister.

Die Krisensitzung folgte Zeitungsberichten über die finanzielle Situation der Centralbank, nach denen befürchtet wurde, dass Kunden ihre Einlagen schlagartig abheben würden und damit der Kollaps des Instituts garantiert sei. Die missliche Lage der Bank hatte zahlreiche Ursachen. Unter den offensichtlichen finden sich der Krieg und die Abtrennung der nun ausländischen Zweige, beide Faktoren bereiteten zahlreichen Banken Schwierigkeiten. Hinzu kam, dass die Bank durch staatlichen Druck gezwungen wurde, andere Aktiengesellschaften aufzunehmen, deren finanzielle Verfassung nicht besser war als ihre eigene – darunter die Niederösterreichische Bauernbank. Obwohl die Fusionen in den Zeitungen teilweise als erfolgreich angepriesen wurden, förderten sie den Niedergang der Bank weiter. Es gab auch zahlreiche Anschuldigungen und Untersuchungen um Misswirtschaft und Korruption.

Ein besonderer Fall dabei war der des Dr. Viktor Wutte. Der Rechtsanwalt und Industrielle aus der Steiermark war bereits bei anderen Beteiligungen unter Verdacht geraten, fragwürdige Geschäftsstrategien zu verfolgen. Zu Beginn der 20er gelang es ihm, zusammen mit einigen Partnern, die Kontrolle über die Centralbank zu übernehmen, die damals gezwungen war, neue Aktien zu emittieren, um ihr Eigenkapital zu erhöhen. Der Allgemeine Tiroler Anzeiger berichtete im Juli 1920 über die Emission von Aktien in Höhe von 40 Millionen Kronen (was einer Erhöhung des Aktienkapitals um 50% darstellte). Gestückelt in 400 Kronen wurden somit 100.000 neue Aktien an die Börse gebracht. Die bisherigen Aktionäre hatten natürlich das Vorkaufsrecht, doch die Sparkassen, bisher einige der bedeutendsten Anteilhaber, hatten wohl u.a. aufgrund eigener Schwierigkeiten kein Interesse – somit stand die Türe für Wutte offen.

Mit dem Einfluss durch den Ankauf der neuen Aktien wurden zahlreiche fragwürdige Geschäfte betrieben – undurchsichtige Strukturierung, dubiose Sicherheiten, Verwendung von Eigenkapital des Instituts für anderwärtige Zwecke. Laut manchen Anschuldigungen sollen die Geschäfte die Centralbank über eine halbe Milliarde Kronen gekostet haben – wobei die Vorgänge relativ verschiedenen bewertet wurden.

Als es zu den erwähnten Berichten und der Krisensitzung kam, wurde ad hoc beschlossen, die Einlagen der Bank zu garantieren, um den plötzlichen Kollaps zu verhindern. Etwas später wurden diese Garantie dann vom Nationalrat im Rahmen eines Gesetzes verabschiedet, das auch einen Untersuchungsausschuss einrichtete. Nach langen Verhandlungen erhielten die Angestellten der Centralbank ihre ausstehenden Löhne – die Aktien waren vermutlich dennoch eine unglückliche Investition, es sei denn man spekulierte durch Leerverkäufe. Bei Interesse an der turbulenten Geschichte der Centralbank ist die auch hier verwendete Diplomarbeit Dr. Michael Harrers zu empfehlen („Der Untergang der Centralbank der
deutschen Sparkassen“).  

(Signatur Fir-206-2)  

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