Notabilitäten zu Gast in Igls – Teil VI
An dieser Stelle verlassen wir den österreichischen Beamtenadel wieder und kehren zurück in die Welt der europäischen Hocharistokratie. Am 27. Mai 1895 traf Königin Wilhelmina der Niederlande (1880-1962) mit ihrer Mutter Emma und Gefolge in Innsbruck ein, um in Igls ihren Urlaub zu verbringen. Die Majestäten stiegen standesgemäß im Grandhotel Igler Hof ab. Ihnen standen dort „50 Gemächer, auf das Prächtigste eingerichtet“, zur Verfügung. „Die Königin und die Königin-Regetin verfügen über je einen Salon, ein Arbeitszimmer, ein Toilette- und ein Schlafzimmer. Der Speisesaal für die Majestäten, denen bei den Mahlzeiten nur Prinzessin Elisabeth von Waldeck und Pyrmont, eine Schwester der Königin-Mutter, Gesellschaft leistet, ist gemeinschaftlich. Die Schlaf- und Toiletten-Appartements haben Mobilien aus lichtem Zirbelholz, zu dem die grauen und rothen Fauteuils, Sophas u. s. w. passen. Die Wände sind mit rothen Seidentapeten bekleidet. Die junge Königin hat sich auch ein allerliebstes Studierzimmer einrichten lassen Ein Stundenplan ist darin. Den Unterricht der fünfzehnjährigen Königin, der (mit den Colonien) mehr als zwei Millionen Quadratkilometer Landes unterthan sind, leitet Mademoiselle von de Poll, der eine Engländerin und ein Lehrer beigegeben sind. […] Im Gefolge der Königinnen befinden sich der Chef des Militärstaates Graf Du Monceau, der die Damen bei den Spazierfahrten begleitet, ferner der Kanzler Graf von Limburg-Stirum und Geheimrath Jonkheer Vegelin van Claerbergen, der Kammerherr der Königin-Regentin Baron Taets van Amerongen und die Ehrendame Baronin van Stressum. Die Dienerschaft besteht aus zwanzig Personen“, so die Innsbrucker Nachrichten.
Allerdings legten sich Willemientje und Emma, die für ihre minderjährige Tochter die Regentschaft ausübte, in Igls nicht nur auf die faule Haut, sondern unternahmen einige Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung. Anfang Juni machten sie einen Abstecher zum Achensee:
In Jenbach wurden die Majestäten vom Betriebsleiter, Direktor Schröder, und demVerwaltungsrathmitglied Baron Dreifus als Vertreter der Achenseebahn empfangen und mittelst Extrazuges bis zum See geleitet, woselbst ein festlich geschmückter Separatdampfer die Königinnen aufnahm. Die Rundfahrt auf dem See war vom herrlichsten Wetter begünstigt, in Pertisau nahmen die Königinnen Erfrischungen ein. Gegen Abend erfolgte die Rückfahrt nach Jenbach und über Innsbruck nach Jgls. Die Rundfahrt der hohen Damen auf dem See wurde sowohl von den Einwohnern als auch von den anwesenden Sommergästen mit großem Interesse beobachtet und besonders die jugendliche Königin, eine ungemein sympathische, blühende Mädchengestalt, war der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Beide Majestäten sprachen sich äußerst befriedigt über die interessante Berg- und Thalfahrt, über den schönen See und die ganze prachtvolle Landschift aus.
Selbstverständlich verfolgten nicht nur Einheimische und Touristen die Aktivitäten der niederländischen Royals mit Interesse. Auch die Presse berichteten einfrig, selbst ein kleiner Ausflug nach Aldrans war den Innsbrucker Nachrichten eine Notiz wert (wer möchte, kann diese hier nachlesen). Nach knapp einem Monat traten Wilhelmina und Co am 26. Juni 1896 gut erhohlt die Heimreise an. Auch die Touristiker freuten sich über die erlauchten Urlauber und den Medienrummel: „Der mehr wöchentliche Aufenthalt der Majestäten in unserem Berglande und der gute Eindruck, den dieselben von unserem Lanoe empfangen, wird nicht verfehlen, Tirol in den Niederlanden bekannt zu machen, wo auch die Reiseausstellung im Amsterdam in bester Weise benützt wurde, um die reichen Mynheers auf Tirols Reize aufmerksam zu machen“, resümierten die Innsbrucker Nachrichten.

(Titelbild: StAI, KR-PL-1924)