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Der Bilderblog aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck
Als Die Stadt Das Viller Moor Verheizte (und Was Die Waldbahn Damit Zu Tun Hat), Teil 3/3

Als die Stadt das Viller Moor verheizte (und was die Waldbahn damit zu tun hat), Teil 3/3

Der Innsbrucker Kaufmann Josef Engerisser möchte vor hundert Jahren im Viller Moor eine für Österreich neue, heute verpönte Energiequelle erschließen, stellt dazu eine neue Unternehmung auf die Beine und stößt auf allerlei Schwierigkeiten. Wie es dazu kam und was dann weiter passierte, können Sie im ersten  und im zweiten Teil nachlesen.

Anfang 1922 schaut es dann doch gar nicht so schlecht aus: am Wochenende 15. bis 17. April 1922 fährt die Igler Bahn erstmals wieder, Güterwagen werden mitgeführt. Der regelmäßige Betrieb kann mit 13. Mai aufgenommen werden.

Derweil kündigt die Innsbrucker Wirtschaftsvereinigung der öffentlichen Angestellten ( IWA) an, ihre Anteile an der wenig erfolgreichen Tiroler Torfindustrie G.m.B.H. (T.T.I.) veräußern zu wollen. In der Generalversammlung der IWA am 12. Juni platzt dann die Bombe: ihr Anteil an der T.T.I. wird nach Abstimmung an ihren größten Konkurrenten, die Alpenländische Torfindustrie-Gesellschaft, verkauft, die damit Einfluss in der T.T.I. erhält. Geschäftsführer Josef Engerisser erhält indes am 10. Oktober das Ehrenabzeichen in Gold der traditionsreichen, heute noch existierenden Sängervereinigung Wolkensteiner – offenbar ist er auch ein Förderer der musischen Künste.

Für den Winter 1922/23 ist der Betrieb der Igler Bahn gesichert. Es werden auch Güterzüge geführt, die Umstellung auf Sommerfahrplan ist aber wieder erst spät, für 16. Juni 1923, geplant. Brennstoffmangel spielt eine immer kleinere Rolle und Kohle ist wieder zu leistbaren Preisen verfügbar, was für den Handel mit Brenn-Torf eine schlechte Nachricht ist.

Die Hoffnung der T.T.I. nach den Probefahrten mit Brenn-Torf Ende 1921, den Brennstoff für den Betrieb der IMB liefern zu dürfen, wird weiter geschmälert, denn Betriebsleiter Huber von der Innsbrucker Lokal- und Straßenbahngesellschaft L.B.I.H.i.T. präsentiert am 24. Juni 1923 erstmals öffentlich konkrete Elektrifizierungspläne in Form eines technischen Gutachtens unter Nutzung vorhandener Trieb- und Beiwagen und anderer Ressourcen der L.B.I.H.i.T. Bereits im Jänner 1920 war für Testfahrten mit elektrischen Triebwagen, und wohl auch um die schon seit 1909 hinausgezögerte Elektrifizierung der Igler Bahn anzukurbeln, eine Fahrleitungsanlage vom Bergiselbahnhof bis über die Sillbrücke der IMB errichtet worden. Das Ende des schon lange nicht mehr zeitgemäßen Dampfbetriebs rückt näher, auch wenn es noch weitere 13 Jahre dauern wird, bis die Igler Dampfbahn zur elektrischen Straßenbahnlinie 6 wird. Auch für den Winter 1923/24 ist wieder durchgehender Betrieb der Igler Bahn vorgesehen.

Die letztlich glücklose T.T.I. dürfte spätestens Ende 1924 ihre Geschäftstätigkeiten eingestellt haben. Ab Ende April 1925 werden Betriebsmittel und Immobilien über Zeitungsinserate verkauft. Als Firmenadresse wird jetzt die Neuhauserstraße 3 angegeben. Mit Beschluss der Generalversammlung vom 13. Juni 1925 tritt die T.T.I. in Liquidation. Damit endet 15 Tage vor dem 25. Geburtstag der Mittelgebirgsbahn endgültig die Geschichte ihrer bis dato einzigen Anschlussbahn und des industriellen Torfabbaus im Viller Moor. Ob die Gleisanlage an die L.B.I.H.i.T. oder woanders hin verkauft worden ist, wissen wir nicht. Abgebaut und zu Geld gemacht wurden die wertvollen Stahlschienen mit Sicherheit.

Das Lagergebäude am Moor wird verkauft, Neueste Zeitung Ausgabe 99/1925.

Josef Engerisser bleibt nach der Liquidation der Gesellschaft weiter im Brennstoffgeschäft tätig. 1926 betreibt er in der einstigen Zentrale der T.T.I. in der Feldstraße 7 noch eine Holz- und Kohlenhandlung. Engerisser, der trotz der Torfindustrie-Pleite nach seiner Ernennung zum Kommerzialrat im Jahr 1928 sogar noch Politiker wird und in den Gemeinderat einzieht, stirbt 1942 mit nur 64 Jahren. 1944 lebt an der selben Adresse noch seine Witwe Auguste Engerisser. Jahrzehnte später scheint ein Nachfahre immer noch dem Brennstoffgeschäft treu geblieben zu sein: von der Stadt Innsbruck wird im August 1979 einem Josef Engerisser die Genehmigung zur Öllagerung in der Feldstraße 7 erteilt. Heute befindet sich dort ein Metallhandel, das Wohn- und Betriebsgebäude der Engerissers ist irgendwann zwischen 2004 und 2009 abgerissen worden.

Kilometerposten 7,8 der Linie 6. Kurz dahinter zweigte die Anschlussbahn ins Moor nach rechts ab. Foto: Manni Schneiderbauer, 2022

Auch wenn heute vor Ort keine Spuren mehr vorhanden sind, kann man sich die verschwundenen Strukturen in der Landschaft gut vorstellen. Das vor hundert Jahren den gesamten Grund des ehemaligen Viller Sees ausfüllende Moor verbirgt sich jetzt größtenteils unter einer landwirtschaftlich genutzten, mit Gras bewachsenen Humusschicht. Nur am nordöstlichen Rand des Geländes ist ein kleiner Rest des Moors als geschütztes Biotop erhalten geblieben, das über einen hölzernen Steg erkundet werden kann und auch Informationstafeln aufweist.

Von dem einst sogar bis zu 11 m in die Tiefe reichenden Torfkörper sind heute im Schnitt noch 3,75 m übrig, ca. 45.000 t organische Substanz lagen 2019 noch im Boden.

Der Preis für die magere landwirtschaftliche Ausbeute in dem von Entwässerungsgräben durchzogenen, 13 ha großen Niedermoor ist sein langsames Austrocknen. Ein hoher Preis, denn etwas anderes als Gras für Nutztierfutter kann dort nicht konventionell angebaut werden. Stirbt das Moor letztlich durch diese Nutzung, wird es bis dahin noch weitere rund 83.000 Tonnen CO2 freigesetzt haben. Zu diesem Schluss kommt eine am Institut für Geographie der Universität Innsbruck 2018 und 2019 durchgeführte Studie. Als Konsequenz fordern die Studienautor:innen ein Moormanagement und eine Renaturierung des Viller Moors mit dem Ziel, den Torfkörper zu erhalten oder sogar wieder zu vergrößern.

Intakte Moore sind wichtige Refugien der Biodiversität und des aktiven Klimaschutzes, denn sie speichern Kohlendioxid. Angesichts der immer schlimmer werdenden Klimakatastrophe und ihrer drohenden Kipppunkte sollte es selbstverständlich sein, der Forderung der Wissenschaft hundert Jahre nach dem Niedergang der Tiroler Torfindustrie G.m.b.H. Gehör zu schenken – bisher wurde das Viller Moor von der seit 2022 laufenden Moor – Revitalisierungsinitiative des Naturschutzlandesrates leider nicht erfasst.

Hier stand der langgezogene Schuppen der T.T.I. – laut einer Zeitzeugin noch bis in die 1950er-Jahre – und endete das Gleis der Anschlussbahn bis 1925. Nichts mehr ist davon übrig, selbst das Moor verbirgt sich unter einer mit Gras bewachsenen Humusschicht. Wird es in Zukunft zurückkehren dürfen? Foto: Manni Schneiderbauer, 2022.

Damit endet diese Geschichte von einem der vielen in Vergessenheit geratenen Nebengleise der Innsbrucker Wirtschafts- und Eisenbahngeschichte. Herr Engerisser und seine Compagnie dürfen wieder in die Schwärze des Torfs im Viller Moor zurücksinken, wo die resiliente Natur die ihr damals zugefügten Wunden abseits der Entwässerungskanäle wieder aufgefüllt hat und in der Tiefe nach wie vor feuchte organische Masse komprimiert.

Falls Sie jetzt Lust bekommen haben, am Viller Moor selbst nach Relikten zu suchen, steigen Sie doch einfach am nächsten schönen Tag in die Waldbahn, die Sie als Linie 6 einmal pro Stunde von jeder Haltestelle der Linie 1 ab Mühlauer Brücke komfortabel durch die Wälder des Paschbergs nach Igls bringt. Wenn Sie noch kein Klimaticket haben, kaufen Sie sich ruckzuck ein 24-Stunden-Ticket an jedem Ticketautomaten oder in der kostenlosen App wegfinder für Android oder iOS.

Und wenn in Ihren Privatbeständen vielleicht noch alte Fotografien von den Gleisanlagen dieser Anschlussbahn mit oder ohne Schienenfahrzeugen oder vom Torfabbau selbst vorhanden sind, freuen sich das Stadtarchiv oder der Autor sehr über Ihre Kontaktaufnahme. Mein besonderer Dank geht an Karl Hirsch, der mir einst großzügig einen wunderbar detaillierten frühen Albuminabzug vom Bergiselbahnhof spendiert hat; im 2. Teil dieser Serie ist daraus ein Ausschnitt zu sehen.

Verfasser: Manni Schneiderbauer / Titelfoto: StAI, Ph-14696

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