Ein Radpionier
Um 1900 gab es einen ersten großen Fahrradboom in Mitteleuropa, im Zuge dessen sich zahlreiche Fahrradvereine gründeten, die diesem Hobby – oder vielmehr – diesem Lebensgefühl huldigten. In Innsbruck war dies nicht anders. Hier gab es zur Jahrhundertwende bereits mehrere Vereine und Clubs (Union, Bicycle Club Innsbruck und Wilten, italienischer Fahrradverein) zu denen sich 1899 die „Innsbrucker Schwalben“ gesellten. Eines der Gründungsmitglieder dieses Fahrradvereins war Karl Gstrein, von dem wir kürzlich ein paar Fotos und Dokumente im Archiv übernommen haben und den Sie im heutigen Titelbild sehen können.

Karl Alfons Gstrein wurde 1875 in Prag als siebtes und letztes Kind von Josef Gstrein (*1830) und Amalia Maria Fink (*1830 in Innsbruck) geboren. Sein Vater stammte aus dem Tiroler Oberland, war als Angehöriger der Armee aber damals in Böhmen stationiert. Wann die Familie wieder nach Tirol zurückkehrte, konnte ich vom Schreibtisch aus leider nicht eruieren, wahrscheinlich nach dem Tod von Josef Gstein 1879 in Wiener Neustadt. In den späten 1890er Jahren nahm Karl Gstrein jedenfalls regelmäßig an Radwettfahrten in Tirol teil und das recht erfolgreich. Immer wieder belegte er die vordersten Plätze. Auch im Verband der Tiroler Rennfahrer war er aktiv.

Die Liebe zum Fahrrad hatte ihn somit bereits in jungen Jahren gepackt und als sich 1899 der Fahrradverein Schwalben gründete, war er von Beginn an mit von der Partie. Mehrfach übernahm er auch Funktionen im Verein, war Zeugwart, Obmannstellvertreter und Zahlmeister. Mit Zahlen konnte er nämlich ähnlich gut umgehen wie mit dem Fahrrad, war er doch im bürgerlichen Leben als Buchhalter bei der Post in Innsbruck tätig, wo er sich die Karriereleiter hocharbeitete – vom k.k. Post-Rechnungs-Praktikant über die Stationen als Assistent, Offizial, Revident, Rechnungsrat bis zum Oberrechnungsrat.
Im Jahr 1902 heiratete er Franziska (Fanny) Resch (*1874 in Innsbruck), aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Wohnhaft war die Familie zeitlebens in der Templstraße 24. Im Jänner 1945 starb Karl Gstrein in Innsbruck. Neben dem Radfahren hatte Gstrein mindestens noch eine zweite Liebe, die Musik. Er spielte im Orchester der Schwalben und engagierte sich auch bei der Postmusikkapelle. Ein echter Vereinsmensch eben.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum 05.156 – Sammlung Gstrein)