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8 Monate Anno 1902 (31)

8 Monate anno 1902 (31)

Was war im Juni 1902? Genau, das Automobilrennen Paris – Wien, das auch in Tirol Station machte. Marie offenbart sich als recht interessierte Augenzeugin, wie man heute lesen kann. Ganz im Gegensatz zum Titelbild, das in Mühlau eine reine Männerwelt präsentiert. Ein paar Details zu diesem Rennen findet man in einem vor knapp zwei Jahren vom stadtarchiv-internen Autorennexperten verfassten Beitrag.

Und dann trägt Marie auch gleich noch ein weiteres aktuelles Ereignis nach, wo verwundert, warum sie es am 24. Juni einfach ausgespart hatte…

Samstag, den 28. Juni [1902], fand die Durchfahrt der Pariser Automobilisten durch Tirol statt. Um ½ 9h giengen wir 3 nach Hall, um uns die Passage durch die Stadt anzusehen. Kaum waren wir an der Mündung der Spiegelgasse angelangt, brauste schon der I. Fahrer heran. Es war N° 7, Henry Farman, mit einer Panhardmaschine. Ein Benzinqualm durchdämpfte noch nacher die Luft; die 2 Insaßen des niedern, groben Fahrzeugs, das einer Feuerwehrspritze nicht unähnlich war, trugen dicke Vermummungen, Augenschutzbrillen u. niedere Ohrenkappen. 2 Radfahrer geleiteten sie bis zum Startplatz, der außer dem „Plainer“ sich befand. Frl. Lisi v. Neuner gieng mit uns hinaus; bei ihr war auch Marie Erler, welche beim Vorbeifahren der Autos sehr nervös wurde u. schließlich mit Frl. Lisi auch weiter gieng. Am Starting musste jedes Automobil anhalten; wir konnten uns also Fahrzeug und Insassen gut besichtigen. Ich schrieb mir die Nummern der einzelnen Maschinen auf, um sie in der Zeitung während der ganzen Strecke Paris – Wien verfolgen zu können. Es war wirklich sehr interessant u. wir blieben draußen stehen bis ½ 1h u. sahen 46 Automobils vorbeidefilieren. Nun hieß es wieder heimwärts eilen; vom sonnenbeschienenen Volderwaldweg aus sahen wir noch einige Maschinen gen Volders sausen. Von Innsbruck nach Hall brauchten sie 3‘ [=Minuten], fahren also viel schneller als der Expreßzug. Es sind auch schon mehrere auf der Reise verunglückt; sie brauchten v. Paris – Wien 28 Stunden Fahrzeit.

Am 24. Juni [1902], war Hr. Hauck bei uns; als wir gerade soupiert hatten, sauste wie täglich der NordSüdexpress vorbei, auf den ich Margreth gewöhnlich aufmerksam machte. Er kreuzt hier mit einem von unten kommenden Personenzug u. giebt das übliche Pfeifzeichen. Plötzlich hört man Contre-Dampf herüberzischen u. – der Expreß hält mitten auf der Strecke, in der untern Lend. Wir laufen schauen u. sehen auch Leute vom Expreß hinauflaufen; bald kommen Bahnbedienstete von oben u. bringen eine Tragbahre, auf welche sie gerade bei den Gießenschranken jemanden aufladen, worauf sich der Zug wieder in Bewegung setzt. Wie wir erst später erfuhren, wollte der Officierskoch übers Geleise laufen, wich nur dem unterm Zug aus u. bemerkte den von oben kommenden Expreß nicht, wurde davon erfasst u. 4 m weit geschleudert, wo er mit gespaltenem Hirn liegen blieb u. nach 10‘ [Minuten] verschied. R. i. P.

Gleich darauf kam der Hafner und Pohl Anton. Hr. Hauck fuhr bald nach Haus.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-445

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Die drei Minuten Fahrzeit für Innsbruck – Hall überraschen doch ein wenig. Mit 100 km/h braucht man für 10 km eine Zehntel-Stunde, also 6 MInuten, ergo fuhr man mit unglaublichen 200 km/h. Oder bin ich jetzt ganz falsch?

  2. Das ist ein guter Einwand. Von der Stadtgrenze Mühlauer Brücke wären es zwar „nur“ 8km, aber trotzdem. Da müsste man sich wohl die Berichterstattung ansehen, vielleicht klärt die auf, ob/wie das stimmen kann oder ob Marie was falsch verstanden hat (soll ja schon vorgekommen sein ;)).

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