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8 Monate Anno 1902 (30)

8 Monate anno 1902 (30)

Am 27. Juni erinnert sich Marie Cornet, dass sie und ihre Freundinnen „Heute vor 5 Jahren […] im lieben Thurnfeld Marienkinder geworden“ waren. Leider beginnt ihr erstes Tagebuch aber erst im Herbst 1897, also einige Monate nach diesem Ereignis.

Googelt man „Marienkinder“ stößt man vor allem auf eine 1983 gegründete apokalyptische Sekte aus dem Allgäu.

In Maries Fall dürfte es sich hingegen um einen Vorläufer von Marianischen Kongregationen gehandelt haben. Laut der Pfarre Hall wurde die Marianische Frauenkongregation erst 10 Jahre nach dem Tagebucheintrag, am 3. Juni 1912 gegründet. Wie das Beispiel des Herz-Jesu-Instituts im Südtiroler Mühlbach zeigt, ersetzte dort die Marianische Kongregation 1917 den 1884/85 gegründeten „Verein der Kinder Mariens“. Womöglich war es in Hall ähnlich? Auf jeden Fall belegt ein in der Bibliothek des Ferdinandeum befindliches Werk mit dem Titel „Gesetze und Regeln der Kinder Mariens [in Thurnfeld b. Hall]“ aus dem Jahr 1865 die deutlich ältere Tradition der dortigen Marienkinder.

In Mühlbach gab es übrigens „für Mädchen und Frauen drei Aufnahmestufen“ nämlich „Engel (rotes Band mit Marien-Medaille)“, „Aspirantinnen (grünes Band mit Marien-Medaille)“ und „Marienkinder (blaues Band mit Marien-Medaille, Abzeichen und Urkunde)“.

Marie hatte also 1897, im Alter von 14 Jahren, diese dritte Aufnahmestufe erreicht. Das Titelbild des Beitrags ist genau 20 Jahre älter und zeigt eine Innsbrucker Aufnahmeurkunde aus dem Jahr 1877, als die hiesige Marianische Kongregation bereits auf eine 299-jährige Geschichte zurückblicken konnte.

Ein weiteres interessantes Detail: Auf das Tagebuchschreiben als Bestandteil der bürgerlichen Kultur wurde bereits in einem früheren Beitrag verwiesen. Eine (in Innsbruck leider nicht verfügbare) Studie zu den Marienkindern des 19. Jahrhunderts in der Schweiz widmet sich auf zehn Seiten der „Selbsterziehung zum »Marienkind« durch das
Tagebuchschreiben der Vereinsmitglieder“…

Ist es vielleicht mehr als ein Zufall, dass Marie ihr erstes (zumindest das erste erhaltene) Tagebuch im Jahr ihrer Aufnahme zum Marienkind begann?

26. Juni [1902], Donnerstag. Ein wundervoller Morgen war angebrochen, wir hatten aber zum Bewundern wenig Zeit, denn es war noch sehr viel zu thun. Wenigstens konnten wir heute im Herd kochen, dessen Wohlthat ich recht erkannte. Nach dem Tisch machte ich gleich Kaffee, dann spülte Hanni die Küche, ich setzte noch Rettige, dann, endlich gegen 4 ¼h traten wir den Heimweg an u. langten, Gottlob, wohl u. munter um ¾ 6 Uhr in Andlklaus, wo mittlerweile die l. Frau Mutter u. Müller-Jörgl sowie Madeleine bei l. Tante Anna waren. Wir wurden von allen herzlichst begrüßt; Hr. Jenewein Carl weilte heute zu Besuch hier, war uns entgegengegangen, ohne uns aber zu finden, da wir über Gasteig gegangen waren, er aber gegen den Haller. Beim Abendtisch trafen wir dann alle zusammen, worauf wieder der Abschied erfolgte.

27. Juni [1902], Freitag. Heute vor 5 Jahren sind Hilda, Marie Offer, Hannchen Cappelmann u. ich im lieben Thurnfeld Marienkinder geworden. O Maria, segne uns! Nachmittags begann ich das Ledersofa für Blumenstein mit Brandmalerei zu verzieren. Gegen Abend kam dann Madeleine, welcher ich einen Hut aufputzte.

28. Juni [1902], Samstag, Feierabend.

Schönes, warmes Wetter. Nach Tisch kam Spänglermeister Glätzle, die neuen Küchenstellagen mitbringend. L. Tante Anna gieng nach Hall zur hl. Beicht.

29. Juni [1902], Fest Petrus u. Paul.

Herrliches Wetter; morgens nahte ich mich den hl. Sakramenten u. beschloss die 6 Aloisius-Sonntage. Bei den l. Großtanten frühstückte ich u. brachte ihnen eine Probephotografie, welche ihnen sehr gut gefiel. Eilends gieng ich wieder in den Gottesdienst; nachdemselben verabschiedete ich mich von Martha und Madeleine u. Babi, dann gieng ich in die Peterskapelle; am Eingangsgitter traf ich den lieben Großvater, der mich beinahe nicht erkannt hätte. Er sagte, dass ich so gewachsen sei u. dass es ihm gut gehe. Nun gieng ich meine Andacht verrichten, betrachtete dann einige Augenblicke lang die hehre Pfarrkirche, welche heute vor einem Jahre im Festkleide prangte, anlässlich der Jubiläumswoche; wie anders ist es heute! –

In Andlklaus angelangt, frühstückten wir gerade am Balkon, als eine wohlbekannte Stimme „Mariechen“ rief; ich gieng öffnen, es war Hilda mit ihrer Mama. Für Hilda war nun zum II. mal der Abschied von Thurnfeld gekommen; sie machte noch einen Dankbesuch für voriges Jahr u. sagte uns wieder Adieu. Ihre Mama war sehr lieb, u. nach ½ stündigem Aufenthalt, gaben wir den Beiden noch Blumen für die Reise, welche sie morgen antreten wollen. Ich begleitete sie noch bis zum „Jaggl“, dann sagten wir einander nochmals „Lebewohl“ Auf Wiederseh’n“ – u. ich eilte heimwärts, um noch bei Frl. Louise Schumacher Besuch zu machen. Nachmittags wurde für die Wetterburg eingepackt. Abends erschienen l. Frau Mutter, Herr Carl Jenewein u. Jörgl, welche alle hier übernachteten.

30. Juni [1902], Aufstieg zur Wetterburg.

Um 3 ¼h standen wir auf, machten uns reisefertig u. um ½ 5h verließen wir Andlklaus, um nach den Höhen des Tulferberges zu wandern. Begünstigt vom Wetter, langten wir um ½ 9h ohne Unfall auf unserer lieben Hütte an. Es war recht angenehm heroben; nachmittags schliefen alle mit Ausnahme von Margreth und mir.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Vo-652 (Aufnahmeurkunde der Marie Lechleitner in die Marianische Congregation der Kinder Mariens zu Innsbruck, 1877).

Hier geht es: Zum nächsten Eintrag (falls schon vorhanden), zum vorhergehenden Eintrag und zurück an den Beginn des Tagebuchs.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare
  1. In der Bibliothek des Ferdinandeums findet sich interessanterweise auch eine Preisurkunde aus dem Jahr 1897 im Fach Naturkunde für Marie Cornet, Schülerin der 5. Klasse im Pensionat der Heimsuchung Mariae zu Thurnfeld in Hall. Die Auszeichnung wurde von der Oberin Rose Marie Leithner ausgestellt. Signatur W 46923

  2. Interessant ist auch, dass die Urkunde der Marianischen Kongregation nicht bei einer Innsbrucker Druckerei, sondern im Deutschen Reich gedruckt wurde. Hersteller ist die Druckerei von Hüffer Schütte & Co in Münster!

  3. Die kunstvolle Blumenranke mit den roten Rosen ist für die 1870er-Jahre erstaunlich modern und erinnert stilistisch bereits an florale Muster, wie sie später im Jugendstil weit verbreitet waren.

  4. Rechts in den Medaillons sieht man sehr schön den heiligen Stanislaus, den heilige Joseph mit dem Jesukind und den heiligen Aloysius.

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