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8 Monate Anno 1902 (32)

8 Monate anno 1902 (32)

Die heutigen Tagebuch-Ausschnitte leisteten wieder einmal einen Beitrag zur Erweiterung meines Wortschatzes: „Schlossen“ war mir bislang nämlich kein Begriff.

„Schlossen oder Hagel, eine Naturerscheinung, über deren Entstehung man noch nicht einig ist“, erklärte das „Damen Conversations Lexikon“ von 1837 in sehr wenigen Worten. Man vergleiche diese Passage mit der ausführlichen und fachkundigen Erklärung, die das im gleichen Jahr erschienene „Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon“ lieferte, was man den Damen aber offenbar nicht zumuten wollte.

Zu Maries Zeiten herrschte dann bereits weitgehende Einigkeit. Abgesehen davon vielleicht, dass Otto Luegers „Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften“ von 1906 in diesem Zusammenhang auch auf die Praxis des Wetterschießens eingeht und mit Verweis auf die internationale Expertenkonferenz von 1902 in Graz konstatiert: „Ein Erfolg dieses Hagelschießens muß aber in Abrede gestellt werden.“ Wie wir wissen, gab es dazu zwischen Tirol und Norwegen auch alternative Meinungen…

1. Juli 1902, Dienstag. Wir giengen nach Stallsins; das Wetter war schön aber sehr schwül, weshalb wir ein Gewitter befürchteten. Thatsächlich zog über‘s Innthal eines nach dem andern hinab. Bei uns im Volderthal sah es nicht gar drohend aus. Plötzlich, als wir gerade in der Küche standen, wurde ein Knistern hörbar, ich glaubte, Daxl wolle beim Zaun ausbrechen. L. Tante Anna lief u. brachte in der Hand eine Schauerkugel in der Größe eines kleinen Hühnereies. Nun begann ein Hagelwetter, wie wenn die Welt untergänge. Wir schlossen gleich die Balken u. zündeten einen geweichten Palmzweig an. Es war ein solcher Lärm, dass man sich gar nicht verstand. Die Schlossen flogen in der schrecklichen Größe von Nüssen auf und nieder; schief fielen sie zur Erde, wurden abgeprellt u. flogen wieder ungefähr 3 m hoh [sic!] empor. Es war ein furchterregendes Schauspiel u. wir beteten – – . Der Galterer nahm seine Zuflucht zu unserer Hütte. – Donnergrollen tönte zwischen den Schlossenlärm, das Gewitter selbst war, Gottlob, nicht stark. Nach ungefähr ¼h hörte es auf u. der Himmel wurde wieder klar. Abends, als wir nach Tisch mit den Hunden nach Stallsins giengen, war der Weg mit den jungen hellgrünen Tannenschösslingen besäet, welche die grausame Macht des Eises niedergeschmettert. Ganze Hügel von Eis lagen an den Wegmulden, u. manche Schauerkugel hatte noch ungefähr 3 cm Durchmesser; sie waren so hart, dass man sie nicht ritzen konnte. In Tulfes regnete es nur.

2. Juli [1902], Fest Mariä Heimsuchung.

Blitz und Donner weckte mich heute aus dem Schlafe um ¾ 7h ungefähr; wieder tönte Hagelrauschen an‘s Ohr u. in kurzer Zeit war die Gegend weiß umflort; dicht lagen die Körner auf Wegen u. Flächen, doch waren sie heute nicht mehr von so erschreckender Größe, aber zahlreicher, und auch das Gewitter war ärger. Lb. Onkel Nicolaus war auf der Jagd, desgleichen Anton; dieser kam heim während des Sturmes, letzterer erst hernach, da er in der Galterer Hütte untergestanden war. Der heutige Tag war kühl, es heiterte aber dennoch auf. – Heute ist Fest in Thurnfeld.

3. Juli [1902], (Mitwoch.) Donnerstag. Schönes Wetter. Ich photografierte die Wetterburg, dann auf einer 2ten Platte die ganze Gesellschaft mit der Hütte im Hintergrunde. Um ½ 10h begannen l. Tante Anna, Herr Jenewein u. ich den Aufstieg nach Tulfein. Beim „Thörl“ rasteten wir ein wenig; schon vorher begannen sich Schneefelder von beträchtlicher Größe auszudehnen. Nun, oberhalb desselben begann erst die winterliche Landschaft. Wir hatten Schneebrücken zu durchqueren von mehreren Metern Länge; es war sehr steil und abschüssig auf denselben, u. man musste achtgeben, um nicht auszugleiten. Die Riesenfelsblöcke, welche am Weg von Stallsins liegen, sind zum Theil ganz unter der Schneemasse vergraben. Bei einem großen Felde machte ich eine Aufnahme mit meinem Kodak, der heute zum erstenmal mit mir so hoch steigen durfte. Beim Stallsinshochleger machten wir trotz des schneidenden Jochwindes Halt; ich photografierte ihn, worauf wir zum Niederleger abstiegen, um dort die Milch abzuholen u. dann heimzumarschieren. Nachmittags entwickelte ich die 6 heutigen Aufnahmen, welche mit Ausnahme des Niederlegers und des Schneefeldes sehr gut gerathen sind, was uns alle freute. Anton gieng heim.

4. Juli [1902], Freitag. Wieder schön; ich copierte fleißig die gestrigen Fotografien. Nachmittags giengen wir auf‘s Kölderereck.

5.VII.1902. Samstag. Schönes, schwüles Wetter. Nachmittags waren wir am langen Brand; zuerst betrachteten wir die Aussicht, dann skitzierte ich eine Felspartie.

6. Juli [1902], Sonntag. Gottlob, schönes Wetter; um 5 ¼h standen wir auf, um ins Volderthal zu pilgern, giengen nach 6h hier fort und langten so gegen ½ 8 h im Volderthal an, wo wir der von einem P. Franciscaner celebrierten hl. Messe um 8h beiwohnten. Hierauf wurde in Eile das Gabelfrühstück eingenommen u. wieder bergauf gewandert. Lustig u. wenig müd langten wir gegen 10 3/4h in der stillen Wetterburg an. Schmarl gieng wieder mit herauf u. erst abends nach Hall zurück. Wir gaben ihm Ansichtskarten der Wetterburg mit f. l. Tanten, Martha etc.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, KR-PL-2335 (Blick von der Kapelle Volderwildbad ins Voldertal, 1911).

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