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8 Monate Anno 1902 (29)

8 Monate anno 1902 (29)

Ich merke gerade, ich habe die Tagebuchausschnitte dieses Mal schlecht getrennt. Warum? Ohne nachzusehen, können Sie sich an das Datum des letzten Eintrages von letzter Woche erinnern? Richtig „20. Juni 1902, Donnerstag.“ Deshalb geht es heute auch weiter mit … halt, 20. Juni [1902], Freitag!? Ich hätte zuerst vermutet, dass Marie die drei vorangegangenen Regentage so lange vorgekommen sind, dass sie einen zu viel eingetragen hat. Aber der Hund liegt noch etwas tiefer begraben. Wenn der letzte Sonntag der 16. Juni war, müsste der heutige Sonntag der 23. Juni sein, und nicht der 22. Juni, wie Marie schreibt.

Was aber stimmt denn jetzt? In meinen alten Studientagen hätte man sich unverzüglich in die Bibliothek aufgemacht, hätte den guten alten „Grotefend“ zur Hand genommen und sich die Daten erarbeitet. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr auswendig, wie das gegangen ist, aber dazu gibt es ja die Anleitung vorne im Buch. Heute kann man ja einfach ein Datum googeln und stößt schon auf Seiten, die einem den Wochentag mitteilen. Der 20. Juni 1902 war ein Freitag, das bestätigt auch der Kalender in anno. Sonntag 22. stimmt also. Letzte Woche muss also Sonntag 15. Juni heißen.

Die Vorwoche, Sonntag 8. Juni ist noch korrekt. Und jetzt sehe ich auch: in den Ausschnitten von letzter Woche ist Marie vom Freitag 13. Juni direkt zum Samstag 15. Juni gesprungen. Aber wer kennt das nicht, diese Wochen im Sommer in der Abgeschiedenheit der Berge, wo man die Übersicht über Wochentage und Datum völlig verliert, weil beides komplett belanglos ist…

20. Juni [1902], Freitag. Heute kam Hr. Jenewein für den ganzen Tag nach Andlklaus; da vormittags der Schlosser herüben war, machten wir erst nach dem Kaffee einen Spaziergang über den Amtwald zum Kienbergerbauern, dann über den Grienbichler durchs Hasenthal retour. Es begann zu regnen, aber nicht viel.

21. Juni [1902], Samstag, Fest des Hl. Aloisius. Wir standen heute schon um ½ 6 Uhr auf und fuhren um 7 Uhr per Trambahn nach Innsbruck, wo wir vor unserer Plünderei auf die Wetterburg noch einige Einkäufe zu besorgen hatten. Wir frühstückten im Hôtel Post u. fuhren dann bereits um 10 ¼ Uhr wieder nach Hall. Heute ist der Namenstag meiner lieben Mama!

22. Juni 1902, Sonntag. Wie gewöhnlich zur Zeit der Aloisius-Sonntage, durfte ich morgens mit Margreth nach Hall gehen, um mich dem Tisch des Herrn zu nahen; dann frühstückte ich bei den l. Großtanten u. wohnte dem Gottesdienst bei. Nach demselben gieng ich mit l. Tante Anna und Onkel Nicolaus nach Andlklaus. Nachmittags waren wir allein; das Wetter war ziemlich gut, aber etwas kühl.

23. Juni [1902], Montag. Schönes Wetter. Ich gieng nach Hall zur 8 Uhr Messe, nacher traf ich die liebe Tante Marie, mit der ich auf den „Platz gieng u. dann zu Tante Nanni nach Hause. Ich brachte ihnen einen Gruß von Biscuit in Rehrückenform. Alsdann giengen wir zur Wirtschäfterin des Herrn Hw. Engl, um sie zu ersuchen, uns behufs einer photografischen Aufnahme in den Garten zu lassen, was sie freundlichst bejahte. Ich versprach also nachmittags mit dem Apparat zu kommen. Nun eilte ich nach Andlklaus, wo ich um ½ 10h anlangte u. gleich mit l. O. Nicolaus wieder spazieren gieng u. zwar über den neuen Weg in den Amtswald, den wir ganz umgiengen. Es war eine sehr hübsche Aussicht; im Wald fand ich einige wohlriechende Orchidäen. Um ½ 12h zuhause wieder angekommen, trafen wir Martha, welche den heutigen Tag bei uns zu verbringen gedachte. Um 1h eilte ich neuerdings nach Hall, um die beiden Großtanten zu photografieren; dies geschehen, erklomm ich wieder den Hügel des Volderwaldes nach 1 stündigem Fernbleiben. Nun machte ich auf ein kleines Lederkopfkissen einige Kirschenzweige in Brandmalerei u. tönte sie in Aquarell. Abens kam Hr. Bechtold, speiste bei uns zu Abend u. gieng dann mit Martha heim.

24. Juni [1902], Dienstag, Johannis-Tag.

Wetter gut; wir packten das Zäumzeug für 2 Muli ein, da morgen der l. Onkel Nicolaus, der Hafner und ich auf die Wetterburg gehen.

25.VI.1902. Um ½ 4h erhoben wir uns und um ¾ 5h begannen wir den Aufstieg; das Wetter war leicht wolkig, doch ganz gut. In Tulfes kehrten wir beim „Huisig‘n“ zu, u. bestellten Hanni u. Franzl für die Wetterburg. Wir langten gegen 8h oben an, rasteten ein wenig, u. da mittlerweile auch Hanni kam, giengen wir an’s Aufräumen. Es war alles, wie wir es verlassen hatten, Gott sei‘s gedankt. Gegen 10 ¼h kam dann auch die Mulibatterie ohne Unfall an. Nun zündeten wir im Freien das Feuer an u. begannen mühsam die Kocherei, denn der Rauch wehte nach allen Seiten, zumal war das Holz auch sehr feucht. 8 Personen aßen zu Mittag, alsdann begannen wir mit Putzen u. Spülen im 1. Stock. Gegen 9h giengen wir dem Tulfeinweg entlang bis zum 1. Schlag u. wollten uns die Bergfeuer ansehen, konnten aber keine entdecken. Dafür wurden wir durch die seltene Abendstimmung entschädigt. Der westliche Himel [sic!] war ganz roth, dann folgte ein regenbogenfarbener Streif, der den Übergang zum hellen Blau bildete, welches sich ober unsern Häuptern ausdehnte. Gespensterhaft war der nahe Vordergrund, der aus dichten Tannen und Zirbeln bestand, welche sich, wenn man einige Zeit hinschaute, zu biegen und zu neigen scheinen. Schwarze, pittoreske Wolkendrachen stiegen von den nördlichen Bergen empor; das schneebedeckte Lafatscherjoch aber schaute in rosigem Lichte, gleich einer Fata morgana, von ferne herüber.

Wir waren aber alle ziemlich müde u. giengen deshalb nach einigem Betrachten heimwärts, wo wir auf dem Türkenstrohsack froh ruhten.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bilder: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Bi-3359 (Hasental, gemalt von Alton Lois (1894-1972), undatiert).

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
    1. Sehr gut entdeckt Herr Auer! Dieses Detail habe ich ja bei meinen Überlegungen, wie ich diesen Beitrag illustrieren soll, ganz übersehen…

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