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Die Müllhalde In Der Roßau

Die Müllhalde in der Roßau

Die Lösung unseres Rätsels vom 10. Jänner wurde abermals im Rekordtempo gefunden. Es handelt sich bei der Szene mit dem Müllauto natürlich um die ehemalige Mülldeponie in der Roßau. Von ca. 1942 bis 1976 wurden Hausmüll, Sperrmüll, Klärschlamm, gewerbliche und industrielle Abfälle sowie Bauschutt neben dem heutigen Baggersee abgelagert.

Auch die Fotoserie aus dem Jahr 1972 zeigt die mannigfaltigen Müllarten, vom einzelnen Reifen bis zum vollständigen Autowrack, die dort entsorgt wurden.

Beeindruckend sind auch die Luftaufnahmen von der Müllhalde, die die Ausdehnung des Areals vor Augen führen. 1976 wurde dann eine neue Deponie im Ahrental angelegt, womit die Roßau als Müllabladeplatz der Stadt ausgedient hatte. Gleichzeitig wurde neben der Halde ein neues Klärwerk gebaut, das bis heute die Abwässer der Stadt reinigt. Danach wurde es erst einmal ruhig um die alte Deponie, es ist sprichwörtlich Gras über die Sache gewachsen.

Erst Ende der 1990er Jahre war die ehemalige Deponie wieder in aller Munde, da eine Umweltgefährdung durch die dort abgelagerten Altlasten befürchtet wurde. Es wurden nämlich insgesamt 3 bis 3,5 Mio. m³ Abfall ohne entsprechende technische Maßnahmen wie Deponiegaserfassung, Basisabdichtung und Sickerwassersammlung dort abgelagert. Nach einigen Gutachten wurde die Deponie Anfang der 2000er Jahre für ca. 155 Millionen ÖS. saniert – der Müll ist allerdings immer noch dort. Damit werden, wie in den Kommentaren zum Rätsel schon geschrieben, zukünftige Archäologen zweifelsfrei ihre Freude haben. Das Areal hat inzwischen einen neue Nutzung gefunden: Direkt auf der ehemaligen Deponie befindet sich ein Golfplatz und ein Teil des Mülles verbirgt sogar unter der östlichen Liegewiese am Baggersee.

(Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-2131, Ph-12716, Ph-12718_2, Ph-12720, Foto Frischauf)

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare
  1. Ich glaube nicht, dass vor dem Kriegsende schon Müll in die Roßau (bei uns Pradlern nur „in die Au“) verführt wurde! Das war sicher bei dem damaligen Straßenverhältnissen und dem vorhandenen Fuhrpark zu weit weg. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass bis zu dieser Zeit alles beim Sillzwickel bzw. irgendwo unterm Peterbründl abgelagert wurde (soweit es nicht überhaupt direkt in den Inn oder in die Sill geworfen wurde).

    Nach dem Krieg war sicher zuerst der Bombenschutt ein Problem, viel kam in die ehemalige Schottergrube südwestlich der Conradkaserne (Dr. Glatzstraße). Ich kann mich noch gut an dieses, für uns damals riesige Loch erinnern. Hier konnten wir von oben zuschauen, wie Panzer (ich weiß nicht, ob es noch deutsche oder schon amerikanische / französische waren) herumkurvten!

    Möglicherweise kam ein Teil des Bombenschutts bereits in die Au, wobei allerdings mit den Ablagerungen am Ostende, direkt unter den Peerhöfen begonnen wurde. Der Westteil war noch lange fast unberührte Aulandschaft. Jedenfalls kann ich mich noch gut daran erinnern, dass wir hier oft mit den Radln über die Reichenauerstraße – altem Flughafen – Sandwirt und dann entlang des Inn (nur ein Schotterweg!) hinuntergefahren sind. Zuerst zum Indianerlexspielen, dann zu verschieden Streifzügen alleine entlang von Wegelen, Bachelen und Brückelen, auch zum Baden zwischen den Buhnen. Im Maturajahrgang 1954 / 55 verbrachte ich dort mit meinem Banknachbarn, dem Greiffenhagen Walter aus der Jahnstraße, viel Zeit zum Lernen. Da hatten wir unsere Ruhe. Dunkel ist mir noch in Erinnerung, dass vor dem Auwaldrand ein Schotterwerk seinen Betrieb aufgenommen hatte, ansonsten war hier alles nur Wiese, verstreut ein paar Städel.
    Nach der Matura kam ich nie mehr ganz in die Au hinunter, im Zuge meines Arbeitslebens wurde ich kreuz und quer durch Tirol geschickt, so schon im Winter 1955 / 56 zu Vermessungsarbeiten für den Hauptsammler in der Gegend der Bocksiedlung und dessen provisorischer Ableitung in den Inn. Siehe https://innsbruck-erinnert.at/legendaer-zur-bocksiedlung-und-ihrer-entstehung/

    Fotos habe ich, welche mich 1941 beim Sandspielen zwischen den Buhnen zeigen. Mein Vater erzählte mir, dass sie als Buben viel im Inn richtig schwimmen waren! Anscheinend machte ihnen der Dreck von ganz Innsbruck, der ungeklärt in den Inn kam, nichts aus! Es passierte oft, dass sie etwas Undefinierbares in die Hand bekamen!

  2. Danke für die nette Schilderung der früheren Zeiten in der Au inklusive immunsystemstärkendem Badebetrieb.

    Ich weiß, daß die Leute früher nicht so viel Müll erzeugt, auch aufgrund der allgegenwärtigen Öfen zumindest das Papier verheizt haben. Es gab kein Plastik und keinen Elektromüll. Kleider wurden lange geflickt, Wegwerfgebinde gab es nicht. Und wenn man wirklich etwas zum Wegwerfen hatte – da gab es die von Ihnen genannten inoffiziellen Stellen, die auch nicht als Skandal verstanden wurden. Irgendwo mußte man ja – ohne das Neuwort zu kennen – die Entsorgung bewerkstelligen. Und wenn sich wer aufgeregt hätte „wie’s da ausschaut!“ hätte er zur Antwort bekommen „Warum gehst Du auch dorthin?“.

  3. Im Tiroler Anzeiger vom 21. Juli 1936 findet sich ein aufschlussreicher Artikel zum Thema „Innsbrucker Mullabfuhr – einst und jetzt!“. Der Innsbrucker Hausmüll wurde am Sillspitz in der Reichenau jeden Tag einfach in den Inn gekippt:

    „Der viele Kehricht, der in den tausenden Innsbrucker
    Haushaltungen täglich „produziert“ wird, wird durch
    die städtischen Kehrichtautozüge in der Hauptsache zum
    Sillspitz in der Reichenau entführt. Auf dieser städti-
    schen Mullablagerungsstätte wird täglich manches tau­-
    send Kilogramm Mist aufgestapelt und zum Teil sofort wie­-
    der von den Wassern des Inn und der Sill wegge­-
    schwemmt. Dies besonders bei hohem Wasserstand, wo
    gewaltige Mengen der wenig appetitlichen Abfälle die
    Reise in Richtung „Schwarzes Meer“ antreten…
    So dreißig Autoladungen Mull dürften wohl jeden Tag
    zum Sillplatz befördert werden. Jedes Auto hat einen
    Fassungsraum von sechs Kubikmetern. Die bekannten,
    die Kehrichtzüge bedienenden, Kübel tragenden und
    entleerenden Gestalten im blauen Gewände laden am
    Sillspitz drunten ihre Last mit bemerkenswerter Schnel­-
    ligkeit ab. Durch ein paar Kurbeldrehungen kippt der
    schwere Oberbau des Kehrichtautos schräg um, die
    Seitenwand klappt nach oben aus, und wie aus einem
    breitklaffenden Riesenmaul speit nun der Wagen den
    Unrat in langsamer Fahrt aus, so daß in einigen
    Augenblicken der Autozug seiner Last ledig ist, die jetzt
    mit Schaufel und Rechen vertellt wird. Jedes Hoch­-
    wasser zernagt dann immer wieder die lockeren Ab-
    sallmassen an ihren Rändern, um sie schließlich inn-
    abwärts zu nehmen. Es besteht also keinerlei Gefahr,
    daß etwa der Sillspitz immer höher und höher wird
    und schlussendlich als ragender Unratsberg das Innsbrucker
    Stadtbild verschandelt.“

    1. Ich habe schon damit gerechnet, dass Herr Auer zu diesem Thema allerhand ausfindig machen wird – danke!

      Nun habe ich wieder solch einen „Kehrichtautozug“ vor mir – zumindest bilde ich mir ein, dass er so ausgeschaut hat: Lange, nicht allzu hohe Tröge aus Eisen mit vielen Nieten und auf Vollgummirädern, auf einer Seite mehrere Luken mit Schiebedeckeln in Mullkübelbreite, hier wurde alles hineingeleert. Das vordere Fahrzeug hatte einen Motorantrieb, im Kopf habe ich noch eine große Antriebskette – eine Maxifahrradkette sozusagen, die mich am meisten imponiert hatte.

      Ob es im Stadtarchiv ein Foto von solch einem Fahrzeug gibt – sicherlich!

  4. Es gab am Sillspitz aber auch eine Gruppe professioneller Müllsammler, welche den Abfallhaufen nach wiederverwertbaren Abfällen durchsuchten! Der Tiroler Anzeiger schreibt:

    „Der Abfall, den Innsbruck in die Reichenau liefert,
    muß es sich aber, sofern er längere oder kürzere Zeit
    dort liegen bleibt, gefallen lassen, daß er noch gründlich
    durchsucht wird. Man sieht jahraus, jahrein am Sillspitz
    Männer und Frauen, die mit Eifer in den Unratshäu-
    fen herumstieren und dabei das, freilich schlecht ent­-
    lohnte Kunststück fertigbringen, der scheinbar wertlosen
    Abfallmasse Werte abzuringen. Die Leute, die natür­-
    lich nicht städtische Bedienstete sind, sondern in „eigener
    Regie“ arbeiten, nennen sich Sortierer, ein schöner
    Name für eine wenig schöne Arbeit. Sie sortieren, in­
    dem sie nach Flaschen, anderen Glasteilen, Metall, Ha­-
    dern, Knochen usw. suchen. Man sollte es nicht glau­.
    ben, aber es ist so:
    der Fremdenverkehr wirft seine
    wirtschaftsbefruchtenden Wellen bis an die Ufer des
    Sillspitzes; im Sommer geht das Geschäft der Sortie­-
    rer besser, weil die Innsbrucker Gaststätten viel Keh­-
    richt liefern, in dem „bessere“ Sachen zu finden sind, als
    im fremdenverkehrslosen Mull.
    Manches, was am Sillspitz lagert, ist freilich auch
    beim besten Willen nicht zu verwerten, und so ist es
    denn dazu verurteilt, eines Tages vom Inn fortge­-
    tragen zu werden, einer ungewissen Zukunft entgegen.
    — Die von den Sortierern gefundenen „Schätze“ aber
    werden an einen Aufkäufer abgegeben, der sie an einen
    Großhändler weitergibt. Von dort kommen sie an die
    Fabriken, die das Glas-, Metall-, Hadern- oder Kno­-
    chenrohmaterial wieder in neue Dinge umwandeln!“

    Die Geschichte vom „Fremdenverkehrsmüll“ und vom fremdenverkehrslosen Müll passt auch gut zur aktuellen Ausstellung über die Innsbrucker Gaststätten im „Museo della Città di Inspruk“.

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