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8 Monate Anno 1902 (21)

8 Monate anno 1902 (21)

Reisen regt an, über die engere Heimat nachzudenken, das Gewohnte mit dem Ungewohnten zu vergleichen. Das tritt an wenigen Stellen auch in Maries Tagebüchern hervor. „[W]eiße, schneeig leuchtende Berge“ hinter Roggenfeldern, Weinbergen und Kastanienwäldern (Maroni?) erscheinen ihr „wie ein Gruß unserer deutschen Heimat, wie ein Wiederschein, eine Fata morgana, der Firnen Nordtirols„. Die weit verbreiteten (Vor)Urteile über die italienischsprachigen Landsleute finden auch bei Marie ihren Niederschlag, wenn sich ein herrschaftliches Gut „natürlich in echt italienischer Unordnung“ präsentiert – auch wenn es sich im Besitz eines Grafen Trapp befand….

12. Mai, Montag. Heute regnete es vormittags bis ungefähr 11 Uhr, dann hellte es auf u. wurde recht angenehm. Wir giengen bis ans Ende des Sees, wo ich 2 Aufnahmen machte. Nach Tisch giengen wir mit Herrn u. Frau Fischer in den Curgarten, wo ich sie photografierte. Abends war es auch noch ganz angenehm, deshalb giengen wir mit denselben noch bei Mondschein um ½ 10 Uhr  nachts gegen Merlezzo hinaus. Die Wolken spiegelten sich schön im dunkeln Wasser u. der Mond umspann uns mit seinem Lichte, wenngleich er erst das 1/4 zeigt.

13. Mai, Dienstag. (Gilt das Gestrige)

14. “ [Mai], Mitwoch. Morgens schönes Wetter, dann verdunkelte sich der Himmel, um 11 Uhr regnete es. Ich schrieb einen Brief der l. Martha, von der ich nämlich auch schon heute einen erhalten habe, dann Ansichtskarten an die l. Tanten, Madeleine u. Frl. Elsp. [Elsperger]

15. Mai, Donnerstag. Heute war ein herrlicher Tag; nachmittags um ½ 4 Uhr machten wir uns deshalb auf den Weg nach Caldonazzo. Leider blies uns ein kalter Wind entgegen, während die Temperatur heute ganz angenehm warm war. Zuerst durquerten [sic!] wir die Ebene vor Tenna; rechts blickte der helle See von Levico freundlich uns zu, manchmal blickten wir die Stadt selbst an u. wandten uns zurück. Rechts ließen wir das Dorf Brenta liegen u. schritten immer weiter auf der eintönigen Strasse zwischen spärlichen Roggenfeldern u. Reihen von Weinstöcken. Nach längerem Wandern erst sah man ein Stückchen des Caldonazzo-Sees; dahinter, weit zurück von den kastanienbewaldeten Hügeln, tauchen weiße, schneeig leuchtende Berge auf, wie ein Gruß unserer deutschen Heimat, wie ein Wiederschein, eine Fata morgana, der Firnen Nordtirols. Wir langen in Caldonazzo an; eine breite reinliche Strasse führt uns durch das Dorf; zu beiden Seiten ragen ziemlich gut eingehaltene Herrschaftshäuser empor. Fenstersimse bestehen aus rothem Marmor, hohe, weite Thore führen in den Flur des Gebäudes. Das Ende dieser Strasse, der via nuova, wird durch das quer stehende „municipio“ gebildet, hinter dem sich gleich ein Hügel mit schattigem Kastanienwald erhebt. Wir bogen nach links in die via J. G. Boghi, von wo der Weg nach Lavarone u. Centa führt; wir wählten ersteren u. gelangten in ein herrschäftliches Gut mit großem Hofraum, Bogengang und Zinnen, alles natürlich in echt italienischer Unordnung. Durch Fragen erfuhr ich, dass dies Haus „la Pola“ heiße u. samt der etwas höher Siegenden Ruine des „Granscicone“ dem „Conte Trapp“ gehöre. Wir giengen nun weiter, bis uns die tiefgehende Centa den Weg versperrte; aus dem gleichnamigen Thal kam ein ganzer Gletscherwind. Wir kehrten also um und erreichten Levico von Caldonazzo aus in 42′. (Minuten.)

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Slg. Günter Sommer Bd. 12, Nr. 38 (Ansicht von Caldonazzo, ca. 1870 bis 1900).

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Auf Grund des typografischen Designs wird das Titelfoto wohl in den 1870er-Jahren entstanden sein.
    Giovanni Battista Unterveger war der erste ständige Fotograf in Trient. Er übergab seine Firma 1896 an seinen Sohn Enrico, welcher sich als Irredentist betätigte. Vom einstmals viele tausende Fotoplatten umfassenden Firmenarchiv sind nur mehr 100 Stück erhalten, wie man auf der italienischen Wikipedia nachlesen kann.

  2. Wieder eine nette Gelegenheit, der Vergangenheit in der virtuellen Gegenwart des street view nachzufahren. Die Via Nuova ist heute die ansonsten kaum veränderte Via Roma und endet noch immer am Municipio, welches allerdings wie ein moderner Bau wirkt. Der weitere Weg führte nach links in Richtung des Flusses Centa. Dabei kam man am erwähnten Gutshof eines der Grafen Trapp vorbei, heute als „Magnifica Corte di Caldonazzo“ eine Sehenswürdigkeit. Am Titelbild sieht man das Gebäude links vor der Kirche S. Sisto. Über die Centa scheint damals keine Brücke geführt zu haben, zumindest keine, der man sich bei Hochwasser ohne Not anvertraute. Ich interpretiere den „tiefgehenden“ Fluß als tiefes Wasser.

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