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8 Monate Anno 1902 (20)

8 Monate anno 1902 (20)

Was man anhand der recht nüchternen Schilderung der Anreise schon vermuten konnte, wird zur Gewissheit, wenn Marie am 10. Mai 1902 vom „gewöhnlichen Spaziergang“ nach San Biagio schreibt: Es war nicht ihr erster Besuch in Levico. Im Gegenteil. In der Zeit von Maries Tagebuchaufzeichnungen von Herbst 1897 bis Ende 1905 reiste sie jedes Jahr im Frühjahr mit Nikolaus und Anna Posch ins Trentino. Genauer gesagt 1898, 1899, 1900, 1901, 1902 und 1905. 1903 musst die Reise krankheitsbedingt in letzter Minute abgesagt werden und ging dann mit etwas Verspätung nach Karlsbad, das 1904 noch einmal ihr Ziel werden sollte.

Und was wäre ein Kuraufenthalt ohne Bäder und Kurgastbekanntschaften? Dank anno kann man ja leicht ein bisschen Nachrecherchieren. Die „Conculsfrau Ohneßeit aus Riga mit 14 jährigem Sohn“ wurde als Auguste Mathieu geboren. Ihr (nicht kurender) Gatte, Dr. jur. Wilhelm Ohneßeit (bzw. Ohnesseit) brachte seine konsularische Tätigkeit zu Buche („Unter der Fahne schwarz-weiß-rot: Erinnerungen eines kaiserlichen Generalkonsuls“, 1926 und „Im Reichsdienst in Osteuropa“, 1929), bevor er am 12. August 1931 im 74. Lebensjahr verstarb. Der 1902 noch 14-jährige Sohn – ebenfalls Wilhelm Ohnesseit, später ebenfalls Dr. jur., heiratete Martha Bonoux und lebte Anfang der 1930er-Jahre in Salzburg.

7. Mai, Mitwoch. Heute früh schien es, als ob es schön Wetter sei; wir giengen ins neue Curhaus u. ließen uns die Baderlaubnis von Dr. Liermberger geben u. nahmen gleich das 1. Bad. Dann giengen wir nach Hause u. um 12 Uhr zu Pedrotti speisen. Als Tischgesellschaft haben wir einen gewissen Herrn Adolf Fischer-Gurig, Kunstmaler aus Dresden, mit seiner Frau, u. Herrn Eichholz, Privat aus Hamburg mit 12 jährigem Töchterchen Elsa, alles recht nette Leute. Nachmittags überzog sich der Himmel mit schwarzen Wolken u. es begann zu regnen; nebenbei bläst ein eisiger Wind.

8. Mai, Fest Christi Himmelfahrt.

Heute wieder regnerisch. Wir alle giengen in die 11 Uhr Messe. Nachmittags war das Wetter etwas besser; ich wollte meinen 12 Aufnahmen-Film zu Pasqual tragen, fand den Herrn leider nicht selbst, weshalb ich morgen wiederzukommen versprach.

9. Mai 1902, Freitag. Heute schien sich das Wetter wieder zu bessern; ich gieng zum Fotografen, um meine Films entwickeln zu lassen, frug aber vorerst, ob er es überhaupt könne. Auf die versichernde Antwort hin, u. da ich nicht zusehen konnte, ließ ich sie dort. Nachmittags, während es regnete, zeichnete ich den Tischläufer.

10. Mai, Samstag. Heute zog ich zum l. Mal das neue blauweiß gestreifte Sommerkleidchen an, u. Kälte halber darunter eine Untertaille. Nachmittags machten wir den gewöhnlichen Spaziergang nach dem Hügel von San Biagio. Das Wetter war ganz passabel, es schien sogar die Sonne. Ein kleines Stückchen unterhalb der Kapelle schlugen wir den Waldweg ein u. giengen über die vielen Zickzackwege den romantischen Abhang hinab, eilten uns auch, da von Osten ein eisiger Sturm herblies. Wir giengen dann noch im Thälchen einigemal auf und ab; da fieng es an, große Tropfen zu werfen. Wir eilten heimwärts, während es immer ärger regnete. Ich lief voraus, da ich nur einen Shal bei mir hatte u. es grimmig kalt wurde. Meine Hände wurden ganz blau u. roth vor Kälte, u. als ich heimkam war mir doch sehr warm.

11. Mai 1902, Sonntag. Wetter passabel. Ich wohnte dem, ungefähr von ½ 10 beginnenden Gottesdienst bei; zwischen Evangelium u. Offertorium war die übliche Predigt. Es war heute aber kein feierliches Hochamt. Nachmittags nahm ich meinen Kodak mit zum Spazierengehen; der Himmel bewölkte sich wieder u. ich machte keine Aufnahme. Abends regnete es. Zugleich kamen im Hôtel Germania neue Gäste an; eine Conculsfrau Ohneßeit aus Riga mit 14 jährigem Sohn, dann deren Mutter, Frau A. Mattieu aus Berlin sammt jüngeren Tochter.

Text: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Cod-2072-1 (Transkription: Katharina Schilling)

Bild: Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, Ph-A-24684-224.

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Dieser Beitrag hat 11 Kommentare
  1. Jedenfalls war auch zu ihrer Zeit mit Wetterkapriolen und ärgerlichem Nachwintern bis in den Mai hinein zu rechnen. Ein Trost.

    Das erwähnte Hotel Germania oder auch Deutscher Hof liegt nahezu unverändert an der Kreuzung Via Dante A. , Via Lido und Via Garibaldi. Heute Residenzia Pedrotti (auch ein im Tagebuch schon erwähnter Name) mit der Unterkunft Appartamento La Gioia.

    Die Villa Prunner oder Brunner ist möglicherweise das in der Via Lido dem Hotel Germania anschließende Haus. Es gibt noch den Vorplatz, aber es ist einen Stock niedriger.

    1. Ex-Villa Prunner: Eigentlich ist nicht das Haus niedriger sondern der Vorplatz höher und reduziert das frühere Erdgeschoß zum Keller. Ich nehme an, daß es sich schon um das Haus Prunner handelt, auch die Beobachtung des Eintreffens neuer Gäste im Hotel Germania läßt sich am besten mit unmittelbarer Nachbarschaft erklären. Auch das früher erwähnte Essen bei eben diesem Pedrotti läßt diesen Schluß zu.

    1. Toll, Herr Auer, was Sie wieder ausgegraben haben! Das letzte Bild ist vielleicht die Lösung des Rätsels „Wo ist die Villa Pruner“. Der entscheidende Hinweis liegt in der Ortsangabe bivio per Vetriolo, also Abzweigung nach Vetriolo. Diese Örtlichkeit ist nicht weit vom zuerst vermuteten Ort entfernt. Allerdings sieht es so aus, als ob die Villa nicht mehr existierte.

      Hier die aktuelle Situation beim „bivio“: https://www.google.at/maps/@46.0140815,11.2968115,3a,39.5y,1.62h,93.4t/data=!3m6!1e1!3m4!1s5ybQWoF2XAT659jm8CCvvA!2e0!7i16384!8i8192

      Man sieht geradeaus das Hotel Eden, welches – jetzt kommt wieder Blindflug – in meinem Ansatz das Grand Hotel Caliari war. Irgendwie, bilde ich mir ein, sieht man schon noch eine Ähnlichkeit. Auch das Gärtchen mit der schönen Einfassung, welches man auf Ihrem ersten Bilde sieht und zu einer Bar führt, ist durch Straßen Erweiterungen zwar etwas verkürzt, aber doch zu sehen. Diese Verbreiterungen dürften auch der Villa Pruner zum Verhängnis geworden sein. War auf den alten Fotos die Straße nach Vetriolo noch ein enges Gässchen, so sieht man heute eine zweispurige Straße und an der Stelle, wo die Villa gestanden ist (sein könnte), einen Parkplatz. Weiter hinten sieht man dann ein modern anmutendes Gebäude mit rippenartig strukturierter Fensterpartie. Es könnte eine modernisierte Variante des sehr ähnlichen Hauses im Hintergrund Ihres zweiten Fotos sein.

      Vielleicht haben wir nun doch den Standort der Villa Prun(n)er nach dem gar nicht gefragt worden ist. Aber es plagt einem halt der Wunderfitz. Mit der Identität Hotel Germania = Res. Perotti bin ich mir aber sicher.

      1. Gratulation, Herr Hirsch! Ihre neue Lokalisierung stimmt 100%ig.

        Da wo Maria anno dazumal ihren Urlaub machte, ist heute dieser Parkplatz.
        Die Umgebung stimmt mit dem historischen Foto genau überein.
        Die Villa Pruner dürfte in der Tat der Straßenverbreiterung zum Opfer gefallen sein. Schön, dass dieses Rätsel nun erfolgreich gelöst ist.

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